-N 84.
Areitsg, den 9. Oktob«,.
1896.
Tür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (LorLefitzer vr. Max Huttier).
Kin fekkendes Wort.
Original-Novelle von C. Borges.
(Fortsetzung.)
III.
Die Flammen hatten so heftig gewüthet, daß derEinsturz des Hauses viel schneller erfolgt war, als manvermuthet hatte. Es war fast unmöglich, unter denrauchenden Trümmern die Ueberreste der Unglücklichenzu suchen, die ein so jähes Ende gefunden hatte. DieDienerschaft umstand zitternd die Unglücksstätte; sie warselbst mit genauer Noth einem schrecklichen Tode ent-gangen.
Gegen acht Uhr erschienen der Major von Schall-dorf und der Advokat Neumann auf dem Schrcckensplatze.Der Major, ein alter Herr mit silberweißen Haaren undvon Gicht fast gelähmt, ging gestützt auf den Arm seinesSohnes Ernst. Erst seit kurzer Zeit war der junge,kaum 23jährige Btann von der Universität zurückgekehrt,wo er verschiedene Semester sich den Genüssen des Lebenshingegeben hatte, ohne an seine Studien zu denken.
Ein Onkel hatte versucht, den leichtsinnigen, ver-schwenderischen jungen Mann in seinem Comptoir alsKaufmann heranzubilden, aber schon nach wenigen Tagenwar der hoffnungsvolle Neffe ausgerückt, da ein arbeit-sames Leben seinem Charakter durchaus nicht entsprach.
In früheren Zeiten hatte er durch List und Schmei-chelei von der reichen Tante oft bedeutende Summen er-halten, die aber sehr bald vergeudet oder verspielt waren,bis die Tante ihn nicht mehr in seinem Leichtsinn unter-stützen wollte, es an ernsten Mahnungen nicht fehlenließ und, als alles nicht fruchtete, ihm ihr Haus verbotund ihre Hand gänzlich von ihm abzog.
„Das ist eine traurige Begebenheit", wandte sichder Anwalt an den Major, und dieser nickte beistimmend.„Niemand weiß, auf welche Weise das Feuer ausge-brochen ist; meine liebe Lina will sich gar nicht überdas traurige Geschick ihrer Schwester trösten lassen undweint, als ob ihr das Herz brechen will. Sie ist immerso sehr gefühlvoll, sogar der Tod ihr ganz fernstehenderBekannten regt sie so sehr auf, daß sie kaum ihren Thränengebieten kann."
Der Major warf dem Sprecher einen verächtlichenBlick zu. Er kannte die „gefühlvolle" Tante Lina zugut und wußte, daß sie mit ihren Thränen sehr häufignur nach Effekt haschte. „Es ist eine fatale Gewohn-
heit, die Thüre des Schlafzimmers zu verriegeln, siehätte sonst vielleicht gerettet werden können", brummteer, dann sagte er halblaut zu sich selbst: „Das wirdwieder eine große Schneiderrechnung werden, wenn derTrauerstaat angeschafft wird."
„Ist sie — die Leiche meine ich — aufgefunden wor-den?" fragte der Jurist.
„Wir müssen warten, bis die Nachsuchuugen beendetsind", versetzte der Major. „Aber was fehlt Dir, Ernst",wandte er sich an seinen Sohn, „Du siehst ja leichen-blaß aus und zitterst wie Espenlaub!"
„Sprich doch nicht mit Gewißheit davon, daß dieTante todt ist, ich kann's nicht ertragen", flüsterte derjunge Mann.
„Bist Du denn auch so gefühlvoll? Geh' nachHause, wenn Deine Nerven zu schwach für diesen Anblicksind; wir können Dich hier gut entbehren", brummte deralte Bater.
„Dort kommt Herr Almer, der Anwalt der armenTante", rief der junge Mann, auf einen ältlichen Herrndeutend, der sich schnellen Schrittes der Unglücksstüitenäherte.
„Meine Herren, ist es wahr, was ich soeben höre",begann der Ankommende fast athemlos, „ist Frau vonSchalldorf ein Opfer der Flammen geworden?"
„Leider ist es so. Meine unglückliche Schwägerinist die Einzige, die nicht gerettet werden konnte; derQualm hat sie zweifellos erstickt, denn auf lautes Rufenhat sie nicht mehr geantwortet", berichtete der Major.
„Ich habe länger als zehn Jahre ihre Geldange-legenheiten geordnet", fuhr der Anwalt fort, „und be-daure aufrichtig ihr schreckliches Ende. Was nun ihrTestament anbelangt, so-", er hielt plötzlich inne.
Der Major sowohl wie Herr Nenmann branntenvor Begierde, mehr über das Testament zu hören, undwechselten verständnißvolle Blicke, aber sie wagten dochnicht, direkt darnach zu fragen.
„Sie wollen bemerken —" flüsterte der Major leisedem Anwalt zu.
„Ach, ja", fuhr Herr Almer wie aus einem Traumerwachend fort, „es mögen vielleicht sechs Monate hersein, da machte Frau von Schalldorf in meiner Gegen-wart ihr Testament, sie wollte gern bei Zeiten ihre An-gelegenheiten ordnen."
Der alte Major seufzte erleichtert auf.
„Ist das Testament in Ihrem Besitze?" fragte Herr