Ausgabe 
(9.10.1896) 84
Seite
642
 
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NeNtänn, der eS nicht vergessen konnte, daß seine Ver-wandte nicht seinen Rath in Anspruch nehmen wollte.

Leider nicht!" entgegnete Herr Almer.Die Ver-storbene wollte daS Testament selbst aufbewahren, umvielleicht noch Veränderungen oder Bedingungen hinzu-zufügen."

Hatte sie denn das Schriftstück in ihrem Hause?"

Ja!"

Guter Gott, dann ist eS verbrannt!" stöhnte derMajor.

Das glaube ich nicht", beruhigte der Anwalt.DieVerstorbene hat einen feuerfesten Schrank für ihre Werth-papiere, und ich will hier warten, bis der Schutt abge-räumt ist, damit ich ihn, als ihr Anwalt, so lange auf-bewahre, bis das Testament gelesen werden kann."

Der Major und Herr Neumann eilten bet diesenWorten selbst nach der Brandstätte, um die Arbeiter zubewachen, während Herr Almer von ferne gelassen zu-schaute. Mehrere Stunden hindurch wurden unermüdlichSchutt und einige halbverbrannte Möbel fortgeschafft,aber von den Neberresten der unglücklichen Frau konntekeine Spur aufgefunden werden. Endlich fand man einenkleinen, feuerfesten, eisernen Schrank, den Herr Almersich in seinen Wagen tragen ließ, um ihn in seinemComptoir bis zur Verlesung des Testamentes in Ver-wahrung zu nehmen.

In allen Zeitungen las man am nächsten TageArtikel über den traurigen Unglncksfall, und Jedermannbedauerte das Geschick der armen Frau, die ihres Reich-thums wegen allbekannt war. Gewöhnlich wird mit demVerlesen des Testamentes bis nach der Beerdigung derErblasser gewartet, aber hier in diesem Falle fand keineBeerdigung statt, und die gefühlvolle Tante Lina hattesich gleich am nächsten Tage soweit beherrscht, um ganzenergisch auf die Verlesung des Testamentes zu dringen.

Zu diesem Zwecke versammelte sich eine große ZahlErblustiger im Comptoir des Anwalts Almer: derMajor von Schalldorf mit seiner Frau und TochterMathilde, beide in tiefer Trauerkleidnng, und sein SohnErnst, der heute gespenstig bleich aussah; der AnwaltNeumann mit seiner Frau und ältesten Tochter; beideDamen wußten, daß ihnen die elegante Trauerkleidnnggut stand, und suchten durch mühsam erpreßte ThränenAufsehen zu erregen. Auch Lieutenant von Römer fehltenicht; er war auf Anregen des Anwalts Almer gekommen undsah fast ebenso bleich wie sein Freund Ernst von Schall-dorf aus; und im Hintergrund stand das ganze Dienst-personal des Verstorbenen.

Der alte Anwalt Almer ließ mit feierlichem Ernstauf einen Wink den kleinen, feuerfesten Schrank durcheinen Diener herbeischaffen. Er war noch uneröffnet, undda kein Schlüssel vorhanden war, ließ man ihn durcheinen Schlosser öffnen. Ein leises Gemurmel, wiedas Flüstern eines Windes in hohen Baumwipfeln, liefdurch den Saal, als jetzt das Schloß aufsprang undder Anwalt vor den Augen aller Anwesenden daS wichtigeDokument zum Vorschein brachte. ES war noch unver-sehrt, zwar vom Rauch und Qualm vergilbt, aber nochdeutlich zu lesen.

Mit lauter, vernehmbarer Stimme las der Anwaltder athsmloS lauschenden Menge die letzten Bestimmungenseiner Clieutin vor. Den treuen, lang erprobten Dienernihres Hauses vermachte sie einem jeden ein ansehnliches jLegat, ihrer Schwester Karoline Neumann nur ein ge« >

ringeS Kapital von dreitausend Mark; sie begründetediese unbedeutend kleine Summe mit dem Bemerken, dieSchwester habe bereits seit vielen Jahren hinreichendeGeldgeschenke erhalten, die ein ansehnliches Kapital reprä»sentirten. Dieselben Bestimmungen waren für den Ver-wandten ihres Mannes, den Major von Schalldorf, ge-troffen ; auch er erhielt nur ein kleines Kapital von drei-tausend Mark. Ernst von Schalldorf war mit eintausendMark bedacht; die Verstorbene fügte diesem Legat diebesten Wünsche für das Fortkommen ihres Neffen unddie feste Hoffnung bei, er möge jetzt sein leichtsinnigesLeben aufgeben und sich ernstlich bemühen, feinem NamenEhre zu machen. Dann hieß es weiter:

Mein ganzes Vermögen von mehr als einer Million,das in Staatspapieren gut angelegt und in Aufbewahrungmeines treuen Rechtsanwalts, Herrn Almer, sich befindet,vermache ich meinem PaLhenkinds und LieblingsnichteMathilde sobald sie ihr vierundzwanzigstes Lebens-jahr vollendet hat. Ich mache aber die Bedingung, daßmein junger Freund, Lieutenant Benno von Römer, ihrdie Hand Zum Bunde für's Leben reicht. Sollten Beidemeinen Wunsch nicht erfüllen, so sollten sie eine halbeMillion unter sich theilen, während sich die andere Hälftezum Bau eines Waisenhauses der Stadt vermache."

Wie ein brausender Sturm brach der Unwille derVerwandten nach Beendigung der Verlesung los. EinJeder, mit Ausnahme der Dienerschaft, warf feindseligeBlicke auf den Anwalt, der mit triumphirendem Lächelnim Kreise umherschante.

Mathilde? Welche Mathilde ist gemeint?"riefen Frau Neumann und die Majorin von Schalldorfgleichzeitig.

Meine Tochter war das Pathenkind der Verstor-benen", warf der Major ein.

Die meinige ebenfalls", sagte Tante Lina,Essind hier zwei Pathenkinder, Beide tragen den gleichenNamen; Sie haben nur deu Vor-, nicht den Zunamengenannt, Herr Almer. Welche von den Beiden ist dieErbin?°

Diese Frage zu beantworten, steht leider nicht inmeiner Macht", erwiederte der Anwalt.Ich bedauere,daß das Testament meiner Clientin unvollständig unddaher die Bestimmungen nicht zu erfüllen sind. Es fehltin der That ein ganz wichtiges Wort, und es ist außer-ordentlich schwer zu bestimmen oder nur zu errathen,welche von den beiden Nichten als Erbin bestimmt ist.Die leere Stelle hinter dem Vornamen Mathilde ist nichtausgefüllt worden."

Tante Lina's Augen füllten sich mit ThränenThränen des Zornes und der Entrüstung, welchem Bei-spiel auch ihre Tochter Mathilde folgte.

War die Auslassung des fehlenden Wortes einZufall oder eine Absicht?" fragte der Major finster.

Die Verstorbene gab einer ihrer Nichten den Vor-zug", versetzte der Anwalt und blickte dabei MathildeNeumann an,und wollte diese zweifellos als Erbineinsetzen, gleichzeitig das Glück ihres Günstlings, Lieutenantvon Römer, befördern. Andererseits wollte sie der an-deren Nichte gegenüber nicht ungerecht sein, sie hattezwar ihre Zuneigung nicht gewonnen, wollte dieselbe abernoch prüfen und erst später eine endgtltige Bestimmungtreffen."

Kurz gesagt", rief der Major zornig,meineSchwägerin wußte gar nicht, was sie wollte, wenige