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Frauen können einen festen Entschluß fassen. Aber siehatte doch einen starken Willen! Das Testament, wie«s jetzt ist, ist null und nichtig!"
„Die Verstorbene hat trotz ihres Reichthums eintrauriges Leben geführt", fuhr der Anwalt fort. „Diebeständige Furcht, daß die Verwandten nicht ihrer Person,sondern nur des Vermögens wegen sich fast täglich inihrer Villa aufhielten, erregte ihr Mißtrauen. Als sievor sechs Monaten das Testament machte, sagte sie mir:„Eine meiner Nichten soll meine Erbin sein, ich weißaber noch nicht, welche von den Beiden. Lassen Sienach dem Worte Mathilde eine leere Stelle, die ich späterausfüllen werde."
„Sie muß ihrer Stimme nicht mächtig gewesen sein",brummte der Major.
„Im Gegentheil, ich kann behaupten, daß sie ebensogut zurechnungsfähig war, wie' Sie und ich, sie war nurmißtrauisch. Ich bemerke, daß jede Veränderung imTestament unzulässig sei und später beglaubigt werdenmüsse. Sie wußte eZ sehr gut und versprach mir, michholen zu lassen, um in «einem Beisein daS fehlendeWort zu ergänzen. Sie hat mich nicht «ehr rufen lassen,und der Tod ist ihr zuvorgekommen, ehe das Wort er-setzt wurde."
Lieutenant von Römer erhob sich: „Unter diesenUmständen gestatten Sir mir, mich zurückzuziehen", sagteer, zu den Anwesenden gewendet. „Aber ehe ich gehe,möchte ich noch bemerken, daß ich keine Ahnung von derErwähnung «eines Namens i« Testament der Verstor-benen hatte. Wie peinlich cS für mich ist, denselben inVerbindung «it einem andern Na«en zu finden, kannsich Jeder leicht vorstellen. Ich kann mich jetzt nur ent-fernen und überlasse es der Versammlung, allein diesonderbaren Bestimmungen zu erörtern."
Kau« hatte sich die Thür hinter dem jungen Offiziergeschlossen, als die Anwesenden freier aufathmeten undder Sturm von allen Seiten losbrach.
„Die Bestimmungen sind lächerlich — meine Schwä-gerin muß geistig gestört gewesen sein", rief der Majorerregt, „was soll jetzt geschehen, wie haben wir nnS zuverhalten?"
„DaS kann ich jetzt noch nicht sagen; ich muß miteinem Kollegen berathen", versicherte der alte AnwaltAlmer. „Wir wissen ja nicht, welche Nichte den Vorzugerhalten sollte."
„Das unterliegt nach meiner Ansicht gar keinemZweifel", siel die habzierige Tante Lina ein. „EinJeder weiß, daß meine Tochter Mathilde der Lieblingwar. Sie wurde mir Geschenken überhäuft und erhieltoft Einladungen nach der Villa."
„Das beweist noch gar nichts", versetzte die Majoringereizt. „Meine Tochter erhielt ebenfalls häufig Geschenke."
„Mama, ich bitte Dich, rege Dich nicht unnütz aufund mache keine Einwendungen", flüsterte die junge Dame.
„Schweig', Mathilde", lautete die unfreundliche Ant-wort der Majorin. Ueberlass' es Deinem Vater undmir. Deine Interessen zu wahren. Niemand kaun be-haupten, daß die Verstorbene auch nur mit einer SilbeMathilde Nrumann als ihre Erbin besti«mr hat!"
„Wäre ich der Rechtsbeistand der Verstorbenen ge-wesen", wandte der Advokat Nenmann ein, „so würdedieses Masco nicht gemacht worden sein. Ich würde meinerClientin die Thorheit eines solchen Testamentes vorge-stellt haben."
„Das ist geschehen, wenn auch nicht durch Sie, meinverehrter Herr Kollege. Aber reiche Damen lassen sichnicht leicht beeinflussen, wie Sie wohl wissen."'
„Eines der beiden Mädchen ist Erbin — aberwelches?" wiederholte der Major. „Natürlich knüpft sichdie Bedingung noch daran, daß sie den Lieutenant hei-rathe, aber das ist jetzt nur Nebensache. Dir Hauptsacheist die Gewißheit, wer die Erbin sein wird."
„Wenn ich Ihnen gut rathen soll, so fangen Siekeinen Prozeß an, der zu großen Weitläufigkeiten führenwürde", rieth Anwalt Almer.
„Wenn das nutzlos und die Wittwe ohne rechts-giltiges Testament gestorben ist, so fällt die Erbschaftihren nächsten Verwandten, also «einer Frau Karolinezu", rief Herr Neusrarm siegesbewußt. „Die Frage istdoch recht einfach zu lösen. Die beiden Schwestern —"
„Ich übergebe die Sache «einem Nechtsanwalt",brauste der Major auf. „Rissen Sie auch, mein ver-ehrter Herr, daß ursprünglich das ganze Vermögen vonmeinem Bruder herstammte?"
„Ganz recht", gab Herr Neumann zu, „aber ihrBruder vermachte sein Vermögen seiner Wittwe, derSchwester meiner Frau, folglich — —"
„Kein Wort weiter! Ich sage Ihnen, der Prozeßsoll entscheiden", rief gereizt der Major. Dann wankteer, gestützt auf den Arm seiner Gattin und gefolgt vonseinen Kindern, dem Ausgange zu.
Der alie Herr von Römer war bei der NachrichtdeS Todes der reichen Wittwe gleich nach der Residenzgekommen und war ebenso entrüstet wie sein Sohn überdie unbegreifliche Klausel im Testament.
„Das ist eine fatale Sache, Benno, und ich bin umDeinetwegen bitter enttäuscht. Was kann nur eine ver-nünftige Frau veranlaßt haben, ein solches lächerlichesTestament zu machen?"
„Die Frauen sind oft unberechenbar", entgegneteBenno düster. „Auf Deinen Rath, Vater, machte ichdie Bekanntschaft der reichen Frau und that «ein Bestes,ihre Gunst zu erwerben. Ich hoffte, eS wäre mir ge-lungen, und sie hätte mich in ihrem Testament mit eine«ansehnlichen Sümmchen bedacht, anstatt die Bedingungeiner Heirath daran zu knüpfen, noch dazu da der Namemeiner Zukünftigen nicht vollständig und klar bezeichnet ist."
„DaS wäre nicht so schlimm, wenn das wichtigeWort nicht fehlte; so aber ist das Dokument werthlos."
„Ganz entschieden."
„Es ist ein großes Unglück für uns, daß der Zu-name ausgelassen wurde", fuhr der alte Herr seufzendfort, „denn selbst wenn sie Deine Hand verweigert hätte,würdest Du in den Besitz eines ansehnlichen Kapitalsgelangen. Wir stehen am Rande des Bankcrotts. UnserGut ist so hoch verschuldet, daß wir uns unmöglich langehalten können; wir sind ruinirt."
„Kannst Du kein Geld mehr leihen?" fragte der Sohn.
„Nein. Ein Jeder, der einen Blick in unserePapiere wirft, verweigert mir seine Hilfe. Die letzteHilfe ist für Dich eine reiche Heirath. Schon seit Jahrenist unser Vermögen zusammengeschmolzen; unglückliche undverfehlte Spekulationen beschleunigten das Verderben.Meine letzte Hoffnung beruhte in dem Vermögen derreichen Wittwe — Dn mußt doch versuchen, Bruno, dieHand der Erbin zu gewinnen; wenn wir nur wüßten,wer die richtige wäre."
„Das ist leichter gesagt, wie gethan", murmelte ver«