Ausgabe 
(9.10.1896) 84
Seite
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drießltch der junge Lieutenant.Mit der kleinen, leicht-herzigen Mathilde Ncnmann würde cch im Leben schonfertig werden, auch glaube ich, daß ich ihr nicht gleich-gültig bin. Wäre sie die Erbin, so würde ich ihr gleichHerz und Hand anbieten."

Wie gefällt Dir denn die andere Nichte?"

Mathilde von Schalldorf? Na, ein kaltes, unzu-gängliches und verschlossenes Mädchen, ich würde mit ihrnie glücklich leben können."

Wie dem auch sein mag, eines der beiden Mädchenist die Erbin, und die ist für Dich bestimmt, Bruno.Ich bedauere Dich unendlich, denn Du befindest Dich ineiner argen Zwickmühle, die Ungewißheit der Erbschaftverbietet Dir jetzt die Wahl einer Braut Du könntestdie falsche wählen."

Der junge Mann runzelte unwillig die Stirn.Dieganze Geschichte ist schon in unserem Klub bekannt",grollte er finster,und das ist mir sehr ärgerlich. Derleichtsinnige Ernst von Schalldorf hatte nichts Bessereszu thun, als nach Verlesung des Testaments die Sacheschön ausgeschmückt überall zu erzählen. Jeder spottetjetzt über meine unerträgliche Lage. Wenn daS so weiterfortgeht, werde ich Urlaub nehmen und auf einige Zeitdie Stadt verlassen."

Nein, thue das nicht, mein Sohn; bleibe ruhighier und biete der Verspottung die Stirn. Warte vor-läufig das Resultat des Prozesses ab. Es wird eingroßartiger Prozeß werden", fuhr der alte Herr fort,als sein Sohn schweigend und mit finster gerunzelterStirn sich zurückziehen wollte,und die Advokaten wer-den den größten Profit davon haben. Nur zwei Klassenvon Leuten sollten sich diesen Luxus erlauben dieReichen, die mit dem Golde spielen können, und dieArmen, die nichts zu verlieren haben. Was willst Duheute Nachmittag machen, Benno?"

Zuerst will ich Neumann's besuchen. Ich habefür Mathilde Blumen und Bücher bestellt, ich bin festüberzeugt, daß sie, nicht ihre Cousine, als Erbin be-stimmt war."

Uebereile Dich nicht und halte Dich vorsichtig aufder Mittelstraße", ermähnte der alte Herr.Bevorzugenicht eine Familie, Du kannst es mit der anderen sonstleicht verderben, revvirl"

(Fortsetzung folgt.)

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Warum Zorg Kainz nicht heiratete.

Von Dr. Josef Herbeck.

(Schluß.)

Jörg Kainz konnte sich nicht verhehlen, daß die Augender Dame mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Ihr be-hagte seine Begleitung. Die Liebe, die er zu diesenAugen trug, machte ihn vergessen, daß er in völlig fremderGesellschaft zu nachtschlafender Zeit den gefährlichen Ge-hängen der Srewand zuschritt. Freilich war er allzeit

ein tollkühner Geselle gewesen, und das verleugnete er

auch jetzt nicht.

Plötzlich hielt die Sänfte, und der Baron forderteseine Schwester zum Aussteigen auf.

Wie? hier hält der Zug?" rief Jörg Kainz.

Hier", sagte der Lcibjäger.

Die Wand fällt hier tausend Fuß tief in den Seeab", sagte Jörg Kainz.

Sie sind ein Feigling", schnaubte ihn der Leib-jäger an.

Für mich fürchte ich nichts", sagte Jörg Kainz.

Die Dame war indeß aus der Sänfte gestiegen undschaute zu dem vom Mondschein schwach erhellten Seehinab. Ihr Bruder stand neben ihr.

Mir schwindelt", sprach sie plötzlich und reichte Jörgdie Hand.

Er zog sie vom Rand des Abgrundes fast heftig zurück.

Sie gehören nicht zn uns", sagte der Leibjäger.

Jörg Kainz sah ihn unmuthig an, ungewiß, ob erihm eine Ohrfeige verabreichen oder schnellstens mit derDame in den dunklen Wald flüchten sollte. Er that in-deß keines von beider», sondern wartete ab, was sichweiter ereignen würde. Der Baron und die Dame bliebenauf dem Felsenkegel, der in den Abgrund hinaus vor-geschoben war. Der Leibjäger und Jörg Kainz hieltensich hinter ihnen.

Warum müssen wir allein auf solch gefährlicherHöhe halten", sagte Jörg Kainz zu den Sänsteträgern,die mit der Sänfte in Sicherheit ein paar Minuten vondem Felsvorsprung entfernt auf dem Moos des Waldeslagerten;wohin sind die Nebligen gegangen? Ha, jetztbeginnt das Ratschen der Treiber und das Hallohrufen!"

Er hatte laut gesprochen, und ein Blick der Damerief ihn an ihre Seite zurück. Ihre Augen schienen ihnum Hilfe bei allenfallsiger Gefahr anzuflehen.

Diese hohe Dame ist meine Schwester", redete ihnder Baron an.Wissen Sie, daß sie die Fürstin desOssa-Gebietes, daß ihr der ganze Grenzstrich zwischenBöhmen und Bayern zu eigen ist?"

Ich wußte es nicht", erwiederte Jörg Kainz,aberich las Hoheit in den Zügen Ihrer Schwester."

Ein stolzer Augenstrahl Kainzens zuckte zu demBaron auf, der besagte, daß, wenn auch des FörstersEltern keine Adelige gewesen, er einen Adelsbrief in seinemHerzen trage, das von niedriger oder feiler Gesinnungnichts wußte.

Der Angenstrahl setzte den Baron und den Leib-jäger in Verwirrung. Mild aber senkten sich die BlickeJürgens auf die Augensterne der Dame, Vertrauen undLiebe erweckend.

Halloh, wir werden sehen, was der Fremde vonder Jagd versteht", sagte der Leibjäger, indem er Hirsch-fänger und Gewehr vor sich auf einen Felsblock nieder-legte. Der Baron setzte sich in die Haltung, um einunter dem Felsen vorbeistrcichendes Wild auf seinem gachenPfads erlegen zu können. Windlichter und Fackeln irrtenda und dort umher, und der Mond gab seinen Scheindazu, so daß ein Zielen nicht unmöglich war. Plötzlichstieß die Dame einen durchdringenden Schrei aus.

Jörg Kainz besaß ungewöhnlich viel Muth und Geistes-gegenwart. Er hatte bisher der gespensterhaften Sceneals schier unerschrockener Theilnehmer beigewohnt; wasaber nun kam, machte doch seine Nerven beben:

Ein Sechzehnenber stürzte mit seinen gewaltigenSchaufeln gerade gegen den Felsenvorsprung, so daß derFörster nur eben Zeit fand, die Dame bei Seite zureißen. Der Baron sprang hinter einen Baum, und derPflaumenfarbige stürzte in die Kniee. Der Hirsch aber kehrtesich kampfeslnstig' auf der Spitze des Felsenvorspruugsgegen seine Gegner. Seine Schaufeln wühlten das Erd-reich auf, und seine großen Augen funkelten vor Wuth.Aus der Tiefe drang empor das Geplärre der Treiber