Ausgabe 
(9.10.1896) 84
Seite
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mit ihren Ratschen, und lodernde Flammen tanzten imWalde hin und her. Unfähig, hier mit dem Gewehretwas zu leisten, zog der Förster sein großes Jagdmesseraus der Scheide. Der Hirsch schien es in seiner Wuthbesonders auf die Dame im grünen Sammetkleide ab-gesehen zu haben und machte sich sturzbereit. Rasendgeworden durch den vom Echo vervielfältigten Lärm, stießer mit den Schaufeln umher und scharrte mit den Läufendas Moos vom Erdreich. Nun sprang er vor; aber indemselben Moment glitt die gewandte Gestalt des Förstersunter ihm hin und stieß ihm das Messer in die Brust.Der Hirsch heulte laut auf, daß die Felswände davonwiederhallten. Er machte einen Satz in die Höhe undfiel über das Gewände in den Abgrund.

Man hörte die gewichtige Masse im Gebüsche untenaufschlagen. Derpflaumenfarbige Leibjäger lag in ZappelnderJämmerlichkeit auf dem Boden. Ein verächtlicher BlickKainzens streifte die bebende Gestalt.

Sie haben mir das Leben gerettet", rief die Dameunter Thränen und schlang ihre Arme um seinen Nacken.

Vielleicht", sagte Jörg Kainz.

Er war etwas mißvergnügt darüber, daß der Bruderder Dame gar kein Wort der Anerkennung für ihn hatte,sondern ihm nur gemessen die Hand drückte.

Wir dürfen keinen Augenblick hier verlieren",sagte die junge Dame.Es möchte nochmals^AehnlicheSsich ereignen und schlimmer ablaufen."

Sehen Sie, auch Ihr Leibjäger richtet sich wiederauf", sagte Jörg Kainz, spöttisch nach dem sich vom Erd-reich reinigenden Pflaumenfarbigen hinblickend.

Er hätte mich den Schaufeln des Hirsches preis-gegeben", eiferte die Dame mit zorngeröthstem Antlitze.Pfui über solche Diener!"

Fluch seiner Feigheit!" rief Jörg Kainz aus, demLeibjäger den verächtlichsten Blick zusendend.

Wohlan, lassen Sie uns eilen, ins Schloß zu ge-langen", fuhr die junge Dame fort.Die Zeit drängt.Rasch über die Seewand hinab! Eilt Euch mit derSänfte!"

Nochmals sank sie, überwältigt von ihren Gefühlen,Jörg Kainz in die Arme; dann bestieg sie die Sänfte.Jörg Kainz hielt sich enge an ihrer Seite.

Bisher jeder wärmeren Zuneigung zu irgend einemweiblichen Wesen bar, suhlte jetzt Jörg Kainz die Gluthder Liebe in seinem Herzen aufsteigen. Es konnte auchnur eine so ungewöhnliche Erscheinung, wie diese Dame,es vermögen, sein Herz in Flammen zu setzen. SeinePulse klopften, wenn er in diese schönen schwarzen Augenhineinsah, und es wäre zweifelhaft gewesen, ob er jetztnoch mit seinem Messer einen so sicheren Stoß gegen dieBrust des Hirsches zu führen im Stands gewesen wäre.Eins wundersame Rührung überkam ihn. Diese Angenhatten es ihm angethan.

Werden Sie mich verlassen?" lispelte die jungeDame.

Nie", erwiederte Jörg Kainz und meinte es auch so.

Mein theurer Retter!" rief sie aus,mein ge-liebter, hilfreicher, ritterlicher Befreier aus bedrohlicherGefahr!"

O still, still!" sagte er.

Warum soll ich von Ihrem Edelumthe schweigen?"fragte sie.

Weil", antwortete er,ich für Sie durch Noth undTod ginge."

Die junge Dame lächelte aufs anmnthtgste JörgKainz an. Er konnte sich nicht enthalten, einen ehr-erbietigen Kuß auf die Hand der Dame zu drücken. Unddie Dame war dem Förster darob nicht böse.

Horch!" rief die junge Dame zusammenschreckendaus.Hören Sie das Plätschern der Wellen des See's?"

Ja, ja", sagte Jörg Kainz, aber es war von keinemPlätschern die Rede, denn die Fluchen oes Arberseestosten und brandeten.

Angehalten!" rief die junge Dame und schlug indie kleinen Hände.

Die Flöße herbei und zum Schlosse hinab!"

Jörg Kainz sah zwei Flöße in den See schiebenund den ganzen Troß mitsammt dem erlegten Wilde die-selben besteigen. Jörg Kainz drückte nochmals einen Kußauf die linke Hand der Dame und schickte sich an, dasFloß zu besteigen, auf das ihre Sänfte getragen worden war.

Wollen Sie auch nie eine Andere lieben, als michnie eine Andere heirathen?" sagte die junge Dame. JörgKainz versprach es mit den feierlichsten Beiheuerungen.Die Dame bewilligte seine Mitfahrt, und das Floß glittin den erregten See.

Kaum waren die Flöße in der Mitte des Sees,als ein jäher Sturmwind daö Gewässer in seinen Tiefenaufwühlte. Von einem Wirbelwind erfaßt, tanzten dieFlöße wie Kinderspielzeug auf den schwarzen Fluthen,bis sie an einander zerschellten. Die feuchte Tiefe öffneteihren Nachen, Weherufe hallten durch das Revier; JörgKainz war gegen das Ufer geschleudert worden, er schwamm,dann tappte er durch das N sse gegen den Rand derunglückseligen Fluth, er schrie nach seiner Dame, stampfteauf dem feuchten Moos des Gestades vor Aufregung mitden Füßen und sah, daß der Tag anbrach, und saßauf dem hölzernen Stuhl der Diensthütte vor der herunter-gebrannten Kerze; draußen rauschte der Regen, und einzelneTropfen fielen durch die durchlässige Decke auf ihn, erschauderte vor Kälte und Feuchtigkeit und stampfte mitden Füßen, um sich zu erwärmen. Er drehte den Kopfhin und her, aber kein böhmischer Baron, keine Bedienten,keine Treiber, kein pflaumenfarbiger Leibjäger und auchkeine junge Dame waren mehr zu sehen. Er sah sofortein, daß etwas Geheimnißvollcs hinter der Sache stecke,und hat später immer die Geschichte so erzählt, wie ichsie vermeldet habe. Er hielt den Schwur treu, den erder Dame geleistet hatte, schlug die verlockendsten Partieenaus und blieb Junggesellr. Er rühmte sich, der einzigeZeuge einer Geisterjagd auf der Seewand gewesen zu sein.

ES war gut, daß du bei der Beschaffenheit deinesMagens und deiner Gurgel Junggeselle geblieben bist,denn bei deinem Einkommen hättest du doch unter sothanenUmständen eine Familie nicht versorgen können", sagtespäter einmal der Mooshofwirth, nachdem er die Ge-schichte von dem Schwur am Arbrrsre zum xtenmal mitgroßer Aufmerksamkeit angehört hatte.

Es war gut", entgegnete der Förster.

Und so ist dir die ArLersceprinzessin zum wahrenHeil gewesen", sagte der Wirth.Kellnerin ! dem HerrnFörster einschenken!"

Goldköruer.

DaS ist die Blume dc§ Lebens, doch nur Lein Größeren wird sieTrunken und weise zugleich, froh und erbaulich zu sein.

Geitzel.