Die Bootfahrt des Lebens.
Jerome K. Jerome, der wohlbekannte englische Hmnorist, hat eine neue Geschichte geschrieben, die indeutscher Uebersctzung unter dem Titel „Drei Mann ineinem Boot (vom Hund ganz zu schweigen)" soeben imMagazin für Literatur zu erscheinen beginnt. Im An-fang der Erzählung, in der diesmal der Dichter seineVorliebe für illustrirende Abschweifungen etwas ausartenläßt, ist von den Vorbereitungen die Rede, die drei jungeLeute für eine längere Bootfahrt auf der Themse treffen.In dieser Darlegung stoßen wir auf folgenden hübschenExkurs:
„Die erste Lifte, die wir zusammenstellten, mußtevernichtet werden; es war klar, der Oberlauf der Themse wäre nicht breit genug gewesen, um das Boot zu tragen,das die in jener Liste verzeichneten Sachen alle enthielte.So zerrissen wir denn die Liste und schauten einander an.
Georg meinte: „Wir sind allcsammt auf dem Holz-wege! Wir müssen nicht an alles das denken, was wir^rauchen könnten, sondern an das, was wir absolutricht entbehren können."
Georg hat manchmal einen ganz verständigen Einfall,>o erstaunlich das auch klingt. Ich heiße das Weisheitin höchster Potenz, nicht nur in Bezug auf die gegen-wärtige Frage und Reise, sondern in Bezug auf dieLebenSreise überhaupt. Wie viele Leute laden fürdiese Reise ihr Boot mit einem Haufen »«nöthiger Sachenvoll, sodaß es beständig in Gefahr schwebt, umzukippen!All diese Sachen halten sie für unerläßlich zu ihrem Ver-gnügen und ihrer Behaglichkeit, während sie in der Thatganz unnützer Ballast sind!
Wie häufen sie doch das arme, kleine Ding an mitschönen Kleidern, mit großen Häusern, mit einer Bandefauler Bedienten, mit einer Schaar schmarotzender Freunde,die sich keinen Pfifferling um sie kümmern, und um diesie sich selbst keinen halben Pfifferling kümmern, wiebeladen sie es mit kostspieligen Festen, an denen Niemandein wirkliches Vergnügen findet, mit Förmlichkeiten undModethorheiten, mit Anmaßung und Herausforderung,und — o schwerster und dümmster Ballast! — mit derFurcht, was wird mein Nachbar dazu sagen?Mit Luxus, der doch nur Tünche, mit Vergnügungen,deren wir doch bald überdrüssig werden I Mit leeren Schau-stellungen, die unser Haupt schmerzen und bluten machen,wie die eiserne Krone, die man ehedem dem Verbrecher aus-setzte! Ballast ist's, ihr Leute, lauter Ballast! Werft ihnüber Bord! Er macht nur, daß euer Boot so schwer vor-wärtszubringen ist, daß ihr beinahe darüber erliegt! Ermacht, daß euer Boot so mühsam und gefährlich zu steuernist, daß ihr niemals auch nur für einen Augenblick derAngst und Sorge ledig seid; daß ihr euch niemals, auchnur für einen Moment, dem üolea kau nisnts hingebendürft, daß euch keine Zeit bleibt, die flüchtigen Schattenzu beobachten, wir sie über die Untiefen weghuschen, oderdie glänzenden Sonnenstrahlen zu verfolgen, wie sie aufden kräuselnden Wellen umherhüpfen, oder das Auge zuweiden an den hohen Uferbäumcn, die ihr eigen Bild inder Tiefe betrachten, an den Wäldern mit ihren gold-grüuen Wipfeln, an den weißen und gelben Lilien, an dendüstcrwogcnden Ried- und Schilfgräscrn, an den blassenOrchideen oder den blauen Vergißmeinnicht-Augen!
Werft ihn über Bord, ihr Menschen, den Ballast!Laßt euer LcbenSschifflein leicht dahinschwebm, nur mitdem Nöthigsten beschwert! Ein heimliches Nest mit seinen
stillen Freuden, ein oder zwei Freunde, die dieses NamcnLwerth; Jemand, den ihr liebt, und Jemand, der euchliebt; eine Katze, ein Hund, eine Pfeife oder zwei; Kleidungund Nahrung, soviel man braucht; und etwas Ueberflußan trinkbarem Stoff, — denn der Durst ist gefährlich!
Dann werdet ihr das Boot leichter fortbringen, undes wird weniger der Gefahr des Umkippens ausgesetztsein, und es wird auch nicht viel schaden, wenn es ein-vder das andremal umschlägt; gute, richtige Waare mußauch einmal naß werden dürfen! Ihr habt dann Zeitzum Nachdenken sowohl als zur Arbeit, Zeit, des LebensSonnenschein einzusaugcn, und Zeit, den Aeolsharsentönenzu lauschen, welche Gottes Winde auf den Saiten desMenschenherzenS erklingen lassen.* (Franks. Ztg.)
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Dir Bedeutung dee ZsrSrn in der Pflanzenwelt.
(Nach einem Vortrage von Dr, Meyer in Köln .)
Nicht um des Menschen willen tragen die Pflanzenschöne und ausfallende Farben an sich, sondern ihrerselbst halber. Für manche Blume und Pflanze ist diesogenannte ISechselbefruchlung nothwendig, d. h. der be-fruchtende Blüthsnstaub einer «ärmlichen Blume mußhinübergefüyrt werden zu einer weiblichen Blüthe eineranderen Pflanze derselben Art. Diese Übertragungkann auf verschiedene Weise geschehen. Bei den «eistenBlumen wird sie bewirkt durch Insekten, die des süßenSaftes wegen die Blumen besuchen, in dieselben hinein-kriechen, auf ihre« Leibe den befruchtenden BlüthsnstaubMitnehmen und denselben auf andere Pflanzen abstreifen.Die leuchtenden Farben treffen das Auge der die Luftdurchschwirrrnden Bienen, Hummeln, Sch«etterltnge u.a., sie «achcn die Blume um so «ehr bemerkbar, je«ehr sich die Farbe v»W Untergrund abhebt. Der gold-gelbe Hahnenfuß auf dunkelgrüner Wiese, die blaueKornblume am Rande des reifenden, der gelben Farbesich zuneigenden AehrenfeldrZ können nicht übersehenwerden, sie locken vielmehr willkommene Gäste von allenSeiten herbei. Bei nicht wenigen Blumen soll die Be-fruchtung durch Nachtschruetierlinge und Insekten derFinsterniß bewirkt werden, daher tragen sie dir weißeoder hellgelbe oder einen sonstwie auch in der Nacht sichbemerkbar machenden Farbenton an sich. Hierhin gehörenGeißblatt, Nachtkerze, Königin der Nacht u. a. Zwarladen viele derselben auch durch süßen Duft zu freund-liche« Besuch ein, wie das Geißblatt, aber das eineLockmittel wird noch verstärkt durch das zweite, dieleuchtende Farbe. Während das echte Veilchen so starkduftet, daß es durch den lieblichen Geruch sich genügendbemerkbar macht und einer lockenden, auffallenden Farbeentbehren kann — auch wenn es im Verborgenen blüht,wird es von den lüsternen Gästen aufgefunden —,strahlt das ihm nahe verwandte, aber dnftlosr Stief-mütterchen in leuchtender, lockender Farbenpracht. DieBlumen, bei denen die Befruchtung nicht durch Insektenbewirkt zu werden braucht, bei denen der Wind denbefruchtenden Staub von der einen zur andern trägt,ermangeln der Farben gänzlich. Grau und unscheinbarsind die Blüthenkützchen der Haselnußstaude, der Erle,der Birke.
Während nun bei gewissen Pflanzen die Blüthe inschöner Farbe prangt, läßt eine andere ihre Frucht fürdas Auge besonders auffallend erscheinen. Die leuchtend