Ausgabe 
(27.10.1896) 89
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1896 .

Augsburger Postxeitung".

Dinstag, den 27. Oktober

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler ).

W a g d a."

Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes.

Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim.

(Fortsetzung.)

April. Frühlingsstürme.

Mit jenem Aschermittwoch trat in Magda's inneremLeben eine große Veränderung ein. Sie blieb nicht mehrauf der Schwelle des Kirchleins, sondern eilte, so oft esihr möglich war, ihrem kindlichen Herzen Genüge zu thun,zu Füßen der Himmelskönigin. Aber merkwürdigsie wagte über dies Alles, wie sehr es sie auch bewegte,keine Frage an ihre Eltern. Die alte Marianne alleinbesaß ihr Vertrauen, und mit glühendem, unermüdlichemEindringen in den einfachen Schatz der alten Magd ent-lockte sie derselben bald Alles, was diese selbst wußte.Die Alte war ein lebendiges Legendenbuch. In buntenReihen führte sie vor des Kindes Blicken die hehrenHelden und Heldinnen vorüber, welche mit Seligkeit inden Martertod gingen, um den Glauben an den Heiland,den iie lebend verkündet, sterbend zu besiegeln. Aus deneinfachen Worten der alten Marianne schufen die leb-hafte Phantasie und die natürliche dichterische Begabungder Kleinen eine farbenprächtige, strahlende Welt desLeidens und der Demuth. Wenn Magda des Abendsin ihrem Bette die Augen schloß, begann die glücklichsteZeit. Dann war sie selbst in seligen Träumen, in einerSehnsucht des Leidens um Gottes und der heiligen Jnng-frau willen und jener heiligen Ueberwinderinnen.

Mit der wunderbaren Empfänglichkeit des kindlichenNervensystems empfand Magda fast selbst die Schmerzendes Martyriums, das dann immer in einer unbeschreib-lichen Seligkeit endete, wenn sie in den großen, wehen-den, blauen Raum erhoben wurde, in welchem strahlenddie Mutter Gottes schwebte. Diese streckte ihr die Handentgegen, und Magda's Sinne verließen sie in der Selig-keit, dieselbe berühren zu dürfen.

Auf das äußere Sein des Kindes hatte diese merk-würdige innere Arbeit einen bedeutenden Einfluß. Eswar demüthiger, freundlicher und gehorsamer als sonst,und die Eltern fragten sich oft verwundert nach der Ur-sache ihrer Umwandlung. Sie ließen es gewähren, wennes beim Schlafengehen und Aufstehen lange knieend betete.Diese Zeit der Inbrunst liegt in jeder Kinderseele",sagten sie sich,sie geht vorüber, um so schneller, jeweniger dagegen eingeschritten wird." Als aber Magda's

Vater dieselbe eines Tages überraschte, wie sie beimBeten das Zeichen des heiligen Kreuzes machte, verwieser ihr dies sehr ernsthaft; das sei Aberglaube und Un-sinn und der Gottesähnlichkeit des Menschen unwürdig.

Wie Brausen und Donnern tönten diese Worte inder kleinen, stillen Welt. Sie verehrte und liebte ihrenbraven und ehrenwerthen Vater aus ganzer Seele,wie sollte sie diese ihrem unschuldigen Heiligthume sofremde Sprache damit vereinen?

Für die damals zwölfjährige Magda begannen da-durch schmerzliche Kämpfe. Sie wagte Niemand zu fragen,aus Furcht, mehr von sich zu verrathen, wie, ihrem Ge-fühle nach, verstanden werden konnte. Nicht einmal mitder alten Marianne getraute sie sich über diesen Vorfallzu reden, weil sie gehört, wie der Magd mit Entlassunggedroht worden war, wenn sie ferner dem Kinde ihrenHocuspocus" lehren würde. In die Kirche schlich siesich jedoch stets noch, wenn sie es irgend unbemerkt thunkonnte, und betete dort mit solcher Inbrunst und oft soheftigen Thränen vor dem Bilde der allerheiligsten Mutter,daß dieses eigenartige Kind dem alten Geistlichen, welchernur an bestimmten Tagen den Gottesdienst in dem Filial-orte abhielt, auffiel. AIs Magdg eines TageS auchwieder vor dem Altare kniete, ging er vorüber, berührtefreundlich ihr langes Haar und sagte, auf das Bilddeutend:Fahre nur fort zu bitten, mein Kind, sie wirdDich erhören!"

Ungefähr ein Jahr darauf beschlossen Magda'sEltern, das Mädchen zum regelmäßigen protestantischenConfirmandenunterricht in die Stadt zu schicken. Daswar ein Donnerschlag.

Jetzt faßte das zaghafte Kind ein Herz und gestandder Mutter unter strömenden Thränen, daß es eigentlich,so lange es denken könne, an die Mutter Gottes glaube,daß diese es immer zur Artigkeit gelenkt und getröstethabe in all' seinen kleinen Schmerzen und Bedrängnissen,und daß es ihm unmöglich sei, an einem Religionsunter-richte theilzunehmen, nach welchem dieser Glaube eineSünde sei.

Die Eltern erschraken tief. Von einer Konversionihres einzigen Kindes konnte keine Rede sein. Ihre altenprotestantischen Traditionen machten dies ebenso unmög-lich, wie ihre, wie sie es nannten, durch die Pflege derWissenschaft errungene humanitäre Klarheit. DaS Kind,dessen seltene Gaben ihr Stolz und ihre Freude waren,in dieNacht des Aberglaubens" versinken zu sehen,