Ausgabe 
(27.10.1896) 89
Seite
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nein, lieber wüßten si- es im Grabe. Liebevoll, aberfest bestanden sie auf ihrem Willen.

Traurige Tage begannen für Magda. Ohne dieEltern in ihrem Herzen anzutasten, richtete sie einen anHaß grenzenden Widerwillen gegen den aufgedrungenen ^Religionslehrer, den Superintendenten jener Stadt. Die jganze stolze Ungebundenheit, die brillante Schlagfertigkeit Iihres Geistes wandte sie gegen sein merkwürdig unge-schicktes Benehmen, das t« Verirren begriffene Schafseiner Heerde wieder zuzuführen. Die fromme, reineWelt ihres kindlichen Glaubens erblaßte in diesem skep-tischen Kampfe. Es trat die Kritik an die Stelle derAndacht und gerade das, was sie im Glauben befestigensollte, machte sie glaubenslos. Das fremde, vielfachanregende Leben in einer größeren Stadt, in welcher siejetzt zu dem genannten Zwecke längere Zeit zubringenmußte, so ganz anders, als ihre eigenartig stille Kind-heitSwelt, führte sie zu neuen Anschauungen und Zer-streuungen. Sie war dabei nicht glücklich. Ihre reh-artige Unbefangenheit wich mitunter einer fast geschraubtenFremdartigkeit und, vas Aufsitzen, welches die selten musi-kalische Begabung und die körperliche Schönheit des großen,schlanken Mädchens machten, dessen Frühreife die fünf-zehn Jahre nicht anzusehen waren, fing an verderblichauf Magda's innere Gestaltung zu wirken.

Doch ihre heiße Seele konnte nicht ausdauern ohneIdeal. Die Ausbildung ihrer ungewöhnlich schönenStimme brachte sie in Berührung mit dem Theater.Mit der ihr eigenen enthusiastischen Weise erfaßte siediese bunte Flitterwelt, welche sie, wie Alles, mit ihrenIdealen in sich vertiefte und verklärte.

Trotz mancher innerlichen und äußeren Kämpfefanden Magda's Eltern sich früher, als man hätte er-warten sollen, in eine theatralische Zukunft ihres ein-zigen Kindes. Das dringende Zureden einiger musikali-schen Freunde und das durchweg glänzende Urtheil Sach-verständiger über Magda's stimmliche und schauspielerischeBegabung trugen dazu ebenso viel bei, als die unwahre,unserem vom falschen Humanismus getränkten Zeitaltereigene Anschauung, daß eine künstlerische Bethätigungan dem Theater in seinem gegenwärtigen Zustande einedler Daseinszweck sein könne, während doch diese Weltdes Scheines nach außen, der Lüge, Intrigue und Cha-rakterentartung, nach innen besonders die Reinheit desWeibes unwiederbringlich verdunkeln muß.

In der Charwoche eines an Gewittern und warmenTagen ungewöhnlich reichen April sollte Magda confir-mirt werden und nach dem Osterfeste gleich in die Resi-denz zu einer befreundeten Familie übersiedeln, um dortbei einem berühmten Gesanglehrer ihre Studien zu voll-enden. Sie hatte inständig gebeten, noch einen Tag inihrem Heimathsdorfe zubringen zu dürfen, ehe sie amAltare ihren ersten Schwur leistete, dessen Wahrheit ihrHerz noch immer dringend verneinte.

Einer der schönsten, mildträumerischen Frühlings-tage fluthete mit dem ganzen Zauber der Erinnerungüber das junge Mädchen, als eS den theuren Boden be-trat. Von Ort zu Ort trug es hastig sein Fuß, vollathmete die Brust, und wie lauter von den Eindrückender letzten Jahre nur überdeckte Keime und Blüthensproß die Vergangenheit ihrer Seele in Magda wieder auf.

Sie kam zum Bache. Drüben über dem Waldehing eine von Frühlingsthränen schwere Gewitterwolke und vor demselben, da lag ja das Ktrchlein, mit

seinen im ersten Grün glänzenden Gräbern! Mächtigbewegt, schaute sie zur Wolke auf. Auch in ihrer Seelehing eine solche. Träumerisch shritt sie durch denBach, nicht achtend seiner Wellen. Sie betrat den Kirch-hof. Wie nahe der Heimathl Thränen stürzten ausihren Augen, ihre Brust durchdrang unnennbar weheSehnsucht.

Zwischen den Gräbern wandelte still sinnend deralte Priester, den eine kirchliche Handlung in der Ge-meinde hergeführt hatte. Einen Augenblick stutzte Magda,als sie ihn erblickte. Dann trat sie auf ihn zu.

Wollen Sie mir einen Augenblick schenken, meinVater?"

Er hatte sie schon lange gesehen. An der Handführte er das zitternde Kind liebevoll in die Sakristei,und dort erschloß eS ihm in langer, stürmischer Wort-fluth alle Kämpfe, alle Schmerzen seiner Seele. Mittiefem Ernste, feuchten Auges hatte er es angehört. Dannschwieg er im Gebete.

Vertraue auf den Allmächtigen, mein Kind", schloßer eine längere, eindringliche Zuspräche,nimm' in De-muth die Prüfungen hin, die er Dir schickt. Seine Wegesind oft wunderbar. Ich will Dir eine Hilfe mitgebenauf Deinen schweren Pfad. Sie wird Dir immer nahesein, verlasse auch Du sie nie!"

Damit nahm er von seinem Halse eine silberne Me-daille mit dem Bilde derunbefleckten Empfängniß",küßte sie und hielt sie Magda hin, welche inbrünstig ihreLippen daraufdrückte.

Sie ist vom heiligen Vater geweiht", fuhr er fort,indem er sie ihr umhing.Und nun komm', mein Kind,ich will mit Dir beten."

Unter den Blitzen des inzwischen heraufgezogenenGewitters, während der warme Frühlingsregen an dieFenster schlug und der Sturm draußen die grünendenFliederbäume an den Grübe« bog, in dem wildjauch-zenden Auferstehungstaumel der Natur, knieten der Greisund das Kind unter dem schützenden Fittige des zittern-den Kirchleins vor dem Marienaltare und beteten:O,Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!"

Magda'sKonfirmation" nach protestantischem Ritushatte stattgefunden, und sie selbst befand sich in der Residenzzu ihrer Ausbildung für den dramatischen Beruf.

Auch in ihrem äußeren Leben waren die letztenWochen sturmvoll gewesen. Seit Monaten hatte einBrustleiden des Vaters die Familie um so mehr beun-ruhigt, als gleichzeitig pekuniäre Verluste das bis dahinimmer noch durch einen bescheidenen Wohlstand ange-nehme Leben im elterlichen Hause nun in die engstenGrenzen der äußersten Nothwendigkeit zwängten. Ohnedie Unterstützung einer hochstehenden Gönnertn der Fa-milie, der Fürstin Waldenau, wäre die Ausbildung desjungen Mädchens nicht möglich geworden. Alle dieseUmstände aber legten Magoa die heiligst aufgefaßte Ver-pflichtung auf, mit allen Kräften dahinzustreben, bald-möglichst die Vorstufen zu überwinden und in der vonihr ebenso, wie von den Eltern und Freunden absolutideal angeschauten Laufbahn zugleich die Befreiung ihrerTheuren von Kummer und Sorgen zu erreichen.

Sie überwand daher tapfer die Bangigkeit undAengstlichkett, welche sie den ihr fremdartigen Gewohn-heiten und scharfgeschliffenen Gedankenkreisen der großen,absolut Protestantischen Hauptstadt gegenüber empfand,wie unsäglich ihr Herz auch darunter litt. Durch die