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Areitag, den 3V. Oktober
1896.
s?ür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).
Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes.
Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. BallheiM.
(Fortsetzung.)
Der eben Angekommene, Julius Wischek, der ge-schickte Zeichner der berüchtigten Caricaturen deS „Stachel-schweins ", stürzte zum Tische. Mit wenigen Strichentauchte eine zweite Figur neben der ersten auf — eineweibliche.
„Sublime!" rief Seisflich.
„Ja, sie zahlt!" schrien die Anderen. „Schnell zuihr; aber fordere taufend Thaler!"
„Im E.nst, Kinder", sprach Dauß, während derMaler forteilte, „so kann es nicht fortgehen, wir lebennur noch vom Deficit, trotz derachtzigtausend Abonnenten!"
„Das infame Eisenbahn-Unrernehmen ist's, das unsjetzt ganz aufsitzen läßt!" warf Kohlberg dazwischen.
„Und vorerst keine Hoffnung auf Besserung", ent-gegnete Dauß, einen Brief entfaltend. „Da lest selbst.Mein Sohn ist in Verzweiflung über das tiefgehendeInteresse, welches die hohe Regierung jetzt den Arbeitenwidmen zu müssen glaubt."
„Kann man ihr eigentlich nicht verdenken", lachtePembeS. „Vier Dammrutschungen und ein Brücken-einsturz in der ersten Betriebswoche des ersten Viertelsder Strecke!"
„Wir waren zu hitzig", sagte Kohlberg, den Brief,welchen er mit Interesse gelesen, seinem Kollegen reichend,„jetzt muß entschieden für einige Zeit solider gebaut wer-den, um nach allen Seiten hin Beruhigung zu geben;dann kann's ja wieder nach alter Manier weitergehen;unsere Presse thut ohnehin Alles, die fatalen Geschichtenzu vertuschen."
„Hoffentlich bringt zunächst Wischek die tausendThaler für sein Stillleben", sprach Dauß. „Ueberdiesmuß der alte Stachelschweinvater, unser würdiger Ver-leger, wieder einmal in die gespickte Lasche greifen undmir aus der fatalen Lage helfen, welche mich sonst morgenaus diesem goldenen Käfig auf die Straße wirft."
Frau Dauß hatte mit ihrer liebenswürdigen Non-chalance Seisfllch und Magda während dieser Scenen inein lebhaftes Gespräch gezogen.
„Ich vermuthe, Pembes", sagte sie jetzt, als dieeifrige Unterredung der Anderen einen Augenblick schwieg,„daß Sie Hunger haben?"
„Wie Sie in die Tiefen schauen, holde Zauberin;aber wo fließt noch unser Pactolus?"
„Wenn Sie etwas Neues wissen aus Ihrem Ressort,eine pikante Medisance, eine medisante Pikanterie, sosollen Sie essen", war die feierliche Antwort.
„Das Neueste dieses Genres kennen Sie vermuth-lich schon, die „Carriere über Nacht" der kleinen Bcllan-zini, rsots Blanztg. Gestern noch verlorenes Gänschenim Chor, tritt sie übermorgen als Dinorah im Neu-städte! Theater auf."
Magda, aufmerksam geworden, wandte den leuchten-den Blick auf den Sprecher.
„Ja, wie denn das?" sagte sie, „Andere brauchendoch Jahre zu diesem Schritt?"
„Sie zum Beispiel nicht, mein Fräulein", wandtesich der kleine Abgeordnete zu ihr, „mit Ihrem Exterieurbeherrscht man die Zeit, ohne alles Studium, selbst ohneStimme."
„Sagen Sie ihr das doch nicht", unterbrach ihnLaura, „das geht über ihren provinzialen Horizont. Wiewar es mit der Bellanzini, lieber Pembes, wer prote-girt sie?"
„Eine sehr, sehr hohe Persönlichkeit, mein Kind."
Das „Kind" richtete sich auf und warf einen Blicki auf ihre prachtvolle Haarmähne, welche sie offen, gleichI der Mutter, umwallte.
Der dicke Pembes spitzte belustigt den Mund.
„Hat auch schon Equipage", fuhr er fort, „undDiamanten" —
Da ging die Thüre auf, und ein Kellner mit weiß-verdecktem Eßkorbe trat ein, hinter ihm jubelnd die dreijüngeren Kinder Dauß'. Auch Laura stürzte hervor.
„Ah, seht nur, seht nur, Pasteten, Salm und Hum-mern, Rheinwein zur Waldmeisterbowle, Champagner!"so riefen die vier Mädchen durcheinander und packten,zur kaum versteckten Belustigung des Trägers, dieSpeisen aus.
„Die Antwort Wischek's! Das sieht ihm gleich.Hat also Erfolg gehabt mit seinem Stillleben!"
Zugleich erschien auch eine dienende Hebe, ein großesTablet mit Gläsern tragend. Im Augenblicke, wo sie esauf den Tisch stellen wollte, kniff Kohlberg sie unver-sehens in den fetten Arm.
„Herr Gott!" schrie sie auf, und die Gläser klirrtenzu Boden.
Da richtete sich Laura mit ernster Würde auf.