Ausgabe 
(30.10.1896) 90
Seite
690
 
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Herr Gott? Wer ist der Herr? Ist mir nichtvorgestellt! Veraltete Institution! Räume das Zeugfort, und bringe andere Gläser, schnell!"

Deine Tochter, Dauß", lachte Kohlberg,die kommtnicht aus der Fassung!"

Magda hatte sich in diesem allgemeinen Tumultebetäubt und mit einem ängstlichen Gefühle auf dieVeranda zurückgezogen, welche auf einen reich blühendenGarten hinausging. So sehr Frau Dauß' liebenswür-dige Herzlichkeit ihr in dem neuen Leben fast erdrücktesjunges Gemüth anzog, so unverständlich und verwirrendwar ihr der ganze Ton im Hause, welcher mit dem ruhigen,taktvollen und doch geistig regsamen der Heimath in ab-solutem Widersprüche stand. Und doch befand sie sichjetzt in der blendenden Welt, in welcher die Ideale ihrerSeele sich verkörpern sollten, doch waren diese Menschendie berühmten Koryphäen geistigen Lebens, dieTrägerder Kultur"! Als sie einst leise Fragen über das, wasihr in jenen Kreisen unstatthaft erschien, an ihre Pflegerzu richten wagte, antwortete man ihr, sie dürfe übergeistig so hoch über ihr Stehendes nicht urtheilen, weilsie eS nicht begreife, da hinten in der Provinz habe manveraltete Anschauungen und verrottete Ideen von Lebenund Streben.

In der frischen, scharfen Luft fühlte sich Magdawohl. Kalt und freundlich lag der letzte, rothe Tages-schein auf den schauernden Blüthen, welche, in ihrem Er-staunen über die unsanfte Berührung ihres FreundesMai, das Duften vergaßen. Magda's Blick flog überden Blüthenschnee der Baumkronen.

Morgen können sie alle erfroren sein", dachte sie,und eine wehe Ahnung berückte ihre Seele. Sie lehntean der Brüstung der Veranda, den Kopf gegen einender beiden Orangenbäume gestützt, die Niemand gegendie kommende kalte Nacht zu schützen gedachte, und schloßdie Augen, wie, um innerlich klarer zu schauen in demTumult ihrer Brust.

Da fühlte sie sich plötzlich umschlungen, ein glühen-der Kuß brannte auf ihrem Munde, und eine heiße,zitternde Stimme flüsterte:

Wunderbares Geschöpf, ich liebe Dich."

Wetter kam er nicht, denn mit einem Schrei sprangMagda empor und starrte mit wildem Ausdrucke in dasleidenschaftsglühende Antlitz des kleinen Abgeordneten.

Wie sie hinaus in den Garten und durch ihn aufeine ihr fremde Straße gekommen, mußte sie nicht. Nath-loS, zitternd war sie unbewußt in einen Thorweg ge-treten, um vielleicht Jemand zu finden, der ihr einenWagen verschaffen könne, um schleunigst nach Hanse zugelangen.' Als sie noch zögernd ihre außergewöhnlicheSituation überlegte, kam ein hoher, eleganter Mann dieTreppe herunter. Er sah sie erstaunt an, ein ironischesLächeln erstarb auf seinen Lippen, als er Magda erkannte.

Mein gnädiges Fräulein, wie kommen Sie hier-her?" fragte er gespannt.

Sie hob den Kopf.

Herr Baron", stammelte sie,o bitte, wenn ichnur einen Wagen hätte, um nach Hause zu kommen, ichwar bet Dauß' ich mag dorthin nicht zurückkehren,nach Hause, ach, nach Hause!"

Einige Minuten später saß Magda in einem Wagen,der fie und ihren Schützer, den Baron Faurier, ihrerWohnung zuführte.

Faurier hatte mit vollendetem Takte keine weitere

Frage an sie gerichtet. Stumm und zitternd, in tiefer,innerlicher Scham und Erniedrigung saß sie neben ihm,und ebenso suchte sie ihr Zimmer auf. Nur ein Gefühlbewegte sie, war ihr klar, fort, fort in die reine Heimath,an daS Mutterherz, und wie eine Vision zog der altePriester an ihr vorüber.

Unter strömenden Thränen schrieb sie sofort an ihreEltern, Alles, Alles, was so lange in ihr quälend wieein dumpfer Traum gelegen.Laßt mich nach Haufe,um Gotteswillen, meine Theuren!" Das war der Schreiaus jedem Worte.

Sie hörte nicht, daß Frau Professor Holth, welchesich umsonst bemüht hatte, das Räthsel ihrer unerwartetenRückkunft unter so eigenthümlichen Umständen zu ergrün-den, leise eintrat, und sich über sie beugend, ihren flie-genden Schriftzügen folgte. Jetzt legte sich die knöcherneHand der Dame auf das Papier.

Das wirst Du nicht abschicken, mein Kind", sagtesie ruhig, indem sie den Brief zerriß.DaS LebenDeines Vaters" dabei legte sich ihr kalter, grauerBlick wie Schnee in des Mädchens SeeleDeinerEltern sorgenfreies Alter darf an Deiner Empfindelei nichtzu Grunde gehen!"

Als nach einer Stunde die Frau Professor dasarme Kind verließ, lag dieses gebrochen auf den Knieen

ein Opfer kindlicher Liebe.

Während draußen die kalte Mainacht launisch daSwarme Blüthenleben erstarrte, war Magda's thränen-müdes Haupt aus die Kissen gesunken. Im Traumeumhüllte sie ein dichtes Schneegestöber, wankend strebtesie auf unebenem Boden vorwärts, zu einem milden Scheine,der in weiter, weiter Ferne durch den fallenden Flocken-schleier strahlte. In heißer Sehnsucht hob sie die Hände,der zitternde Fuß versuchte zu eilen, aber von Neuempeitschte ein wilder Sturm Eisstücke in ihr Antlitz. End-lich brach sie erschöpft zusammen, vor ihrem ersterbendenBlicke aber erglänzte das Marien-Bild des KirchleinSihrer Heimath mit der Inschrift:Q, Maria, ohne Sün-den empfangen, bitte für uns!"

Juni. Das Verhängntß.

Drei Jahre später saß in dem eleganten Unter-richissalon des berühmten Gesanglehrers Professor Bath-now-Lusson, im eifrigsten Gespräche mit diesem, der Re-dakteur Dauß, die Seele desStachelschweines ".

Einigen wir uns, lieber Bathnow", sprach derselbe,es nutzt Alles nichts, die Harkhoff muß absolut nächstenMonat in H. singen."

Ich habe Ihnen aber doch eingehend bewiesen, daßihre Ausbildung noch nicht fertig ist", entgegnete derProfessor erregt, «vor Herbst kann ich ihr nicht erlauben,öffentlich aufzutreten, mein Ruf als Lehrer, meine künst-lerische Ehre"

Theuerster", fiel ihm der Andere lachend ins Wort,keine Phrasen mir gegenüber, wir sind ja unter unS!Ihr Ruf als Lehrer sott in unserer Presse neuerdings

zum xten Male herausgestrichen werden, daß erglänzt wie gewichste Stiefel. Ihre künstlerische Ehreaber wird sich in diesem Falls mit der Aussicht auf diegroße, goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft zu-frieden geben, die wir Ihnen vorn Fürsten verschaffen."

Erlauben Sie, verehrter Freund"

Schlagen Sie ein, abgemacht", schnitt Dauß, sicherhebend, jeden weiteren Einwand ab,wird sind ohne»