692
wirst Carriere machen, mein Kind, das lasse ,az mir ge-fallen, geniale Auffassung!"
In diesem Momente öffnete sich die Thüre, welchezu den Salons des Professors führte, und Mazda trat ein.
Nothner verbeugte sich kalt.
„Nicht wahr, Harkhoff, Sie gehen nach H.?" fragtees von allen Seiten.
„Ich hoffe, ja", erwiderte diese ruhig und grüßte,um zu gehen.
„Bleiben Sie doch noch ein wenig, erzählen Sie uns."
„Ich werde bet Dauß' im Garten erwartet", schnittMagda mit einem schnellen, verstohlenen Blicke auf Noth-ner jede weitere Unterhaltung ab und eilte fort.
Es war ein üppiges Hochzeitleben in der Natur.In wonniger, sonniger Pracht breiteten die Wiesen ihrenBlumenteppich dem tiefblauen Himmel entgegen, undBienen und Schmetterlinge flatterten schwer und trunkendarüber hin. Das Kornfeld wiegte sich träumerisch imletzten Dufte der Blüthe und senkte schon die brodduftendeAehre im Beginne der Fruchtbarkeit.
Athemlos, bald eilig, bald zögernd schritt Magdaauf dem einsamen Wege zwischen beiden daher. Sietrug einen Strauß blauer Chanen, welche sie im Gehengepflückt hatte, in der Hand und vergrub oft das plötzlichvon einem hellen Freudenblitze erröthende Antlitz in dieduftenden Blüthen. Ach, wie war die Luft so lau! Wiezärtlich umspielte der leise Wind ihre blühenden Wangenund ließ den Rosen- und Jasminduft, den er im Durch-streifen irgend einem Garten geraubt hatte, in ihrendunkeln Locken zurück. Da war der Wald, der geliebteKindheitsgeführte, mit seinen Hochzeitskerzen, den treiben-den Johanncsspitzen, dort das blaue Mlge eines Sees— und dort — und dort.
Magda stand still. Sie breitete die Arme aus.O, wie fühlte sie das Leben! Ihr selbst unverständlich,aber groß und gewaltig wuchs es in ihrer Seele, los-gerungen von ihrer Vergangenheit, erschien es ihr fremdund doch traut, beängstigend und doch unsagbar ent-zückend, was in ihr mächtig emporquoll und ihre Adernmit schneller pulsirendem Blute füllte. Jeder Nerv bebtewie die Blätter der Zitterpappeln am Wege, wenn dersanfte West sie berührte, und ohne daß sie es wußte,rannen Thränen über ihre Wangen.
So steigt in der warmen, kurzen Johannisnachtdes Fraucnherzens aus märchenhafter Tiefe, unter demglänzenden Sternendom des Ideals, die blaue Wunder-blume der Liebe empor. Selten bricht und behütet sieein Sonntagskind. Wehe dem Frevler, der stein gieriger,Hand zerdrückt!
Und nun schritt Magda weiter, langsam, zögernd.O, sie kannte und liebte diesen See, so weit von derStadt gelegen, daß es einer kurzen Eisenbahnfahrt be-durfte, um ihn zu erreichen. Wie oft hatte sie in fröh-licher Gesellschaft hier die zwischen den Mauern undHäusern schmerzlich vermißte Natur aufgesucht. Aber soallein, und zu einem Zwecke wie heute, war sie noch niehier gewesen. Allmälig legte cS sich wie Nebel undZweifel auf ihre heiße Seligkeit, und die leise am Uferplätschernden Wellen schienen zu murmeln: Entfliehe, ent-fliehe l Sie beugte sich gegen sie hin und lauschte inner-lich, halb mit dem Sinne nach außen gewendet, wie dasWild, wenn es das erquickende Naß aufsucht, bereit zuentfliehen bei leisestem Geräusche.
„BöseS Mädchen", rief ihr eS da entgegen, „so
lange läßt es mich harren!" Und Dr. Nothner kam eiligzwischen den Bäumen her auf sie zu.
Magda fuhr mit einem Schrei zusammen, einemtiefen Erröthen folgte geisterhafte Blässe, und ihr Fußwandte sich zur Flucht. Aber wer entflieht dem eigenenIch — dem Schatten, der an uns gebunden, ob wirauch in Wüsten uns begraben wollten.
„Magda!"
Sie stand still, und schon stand er an ihrer Seite.Sie regte sich nicht. Endlich erhob sie das Haupt, ihreAugen brannten in die seinen, und im selben Augenblickelegten sich zwei weiche Arme um seinen Hals — einsüßer, duftiger Mund berührte seine Lippen. Dann standsie da, die stolze, prächtige Gestalt, magdlich und demüthig,in holdem Erröthen der Scham über dieses plötzliche Auf-flammen ihrer heißen und zutraulichen Natur.
„Magda, Du bist ein bezauberndes Geschöpf!" riefNothner entzückt. „Und mein, nicht wahr, mein durchalle Zeiten und Ereignisse hindurch!"
„Daß ich gekommen bin, Friedrich", antwortete sie,und der Blick ihres wunderbar glänzenden Auges fielwarm, wie die jetzt groß und klar sinkende Juni-Sonne,in seine Seele, „sagt Dir mehr als jedes Wort, wie ichDich liebe. Das erste Unrecht — o, es ist ein Unrecht,das fühle ich hier — das thue ich für Dich!"
„Süße Schwärmerin, daß die Liebe ein Unrecht sei,steht in keinem Codex. Sie ist das Höchste, dem beson-ders das Weib Alles opfern muß, — singst Du nichtso etwas Aehnliches, Liebchen? Nun gar die Künstlerinohne Liebe, ohne Leidenschaft, wie wäre die denkbar?"
Er hatte ihren Arm durch den seinen gezogen, undso gingen sie auf dem weichen Rasen unter den Kronevder alten Buchen dahin.
„Es ist also entschieden", fuhr er fort, „daß Dumorgen vor dem Intendanten singst und vielleicht schonin acht Tagen nach H. übersiedelst?"
„Ja, Friedrich; wäre unser heutiges Zusammenseinnicht ein Abschied, so würde ich nicht gekommen sein."
„Abschied? Kind, wir nehmen nie Abschied undwenn Du heut von mir gehst, halte ich Dich für immerin meiner Hand."
Etwas unbeschreiblich Niedriges zog auf einen Augen-blick durch seine Züge.
„Aber nach H. wirst Du recht oft kommen, nichtwahr?" fragte Magda. «Ach, wie viel leichter würdemir mein erstes Auftreten, wüßte ich Dich in meiner Nähe!"
„Bewahre, Kind", rief Nothner eifrig, „das ist un-möglich, — wie leicht könnte man unser Verhältniß er-rathen !"
„Nun — und weshalb soll man cS jetzt nichtkennen?" sagte das junge Mädchen einfach und sah ihnmit ihrem Kindesblick so offen an, daß er einer leichtenVerlegenheit sich nicht erwehren konnte.
„Da steh' einer den KindeLkopf, — jetzt wenigerdenn je! Einfach deshalb nicht, weil unsere Carrierehin wäre, Deine und meine. Denkst Du, daß sich derFürst für Dich interesstrt wenn er weiß, Du hast einenGeliebten oder gar einen Verlobten? - Du brauchst H.,meine Süße, um für die große Laufbahn fertig zu wer-den, denn das bist Du noch nicht und ein so günstigerAnfang findet sich selten. Es wäre Wahnsinn, ihn zuzerstören! Ohne die dringende Empfehlung der FürstinWaldenau würdest Du das Engagement ohnehin kaum er-halten haben. Der Professor war entschieden dagegen.