Ausgabe 
(30.10.1896) 90
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gehört die junge Frau ganz ihrer neuen Familie an.Sie sieht ihre eigene Familie mit Ausnahme des Vatersselten. Wenn sie in der Sänfte ausgetragen wird, so istsie für das Publikum unsichtbar. Gegenseitige Besucheder Frauen finden statt, aber höchst selten. Im klebrigenregelt sich das alles nach dem Range, den der Gatte ein-nimmt, und nach dem Grade von Auszeichnung, die dieFrau für sich in Anspruch nimmt. Die Zurückgezogen-heit und Abhängigkeit sind nämlich besondere Kennzeichenvon hohem Reichthum und Ansehen, und wie die Euro-päerinnen sich darin gefallen, herrlichen Schmuck zurSchau zu tragen, so findet die Eitelkeit chinesischer Frauendarin ihre Rechnung, daß sie noch einer härteren Knecht-schaft sich unterwerfen, als ihnen die Männer ohnehinauferlegen.

Nach unseren Anschauungen ist in dieser Beziehungdie Kaiserin am übelsten daran, die bei ihrem Ausgangevon Wächtern begleitet wird, welche Jedermann vorherentfernen und sogar Thüren und Fenster der Häuserschließen, an denen die Herrscherin vorüberkommt.

Die Frauen, die in China als die hübschesten gelten,die die Zierde des HoseS, das Entzücken des Kaisers undder Mandarinen bilden, stammen aus den ProvinzenTche-king und Fo-chang. Doch ist ihre Schönheit einerelative; diese Frauen, die den Chinesen so bcgehrens-werth erscheinen, würden in Europa wohl wenig Enthu-siasmus erregen; einige würden hier sogar als häßlichgelten.

Die chinesischen Frauen haben eine weiße Haut,kleine, ovale Augen, lange und magere Arme. Ihre durchdie Mode verunstalteten Füße veranlassen euren schwer-fälligen, gewissermaßen hölzernen Gang. Bekanntlich er-hält man denselben dadurch, daß man die Zehen des nochsehr jungen Kindes unten mittelst seidener, straff ange-zogener Bündchen festbindet. Der Fuß kann, da dieEmulation des Blutes kaum geschieht, nicht natürlichwachsen; er bleibt klein, wird aber nicht elegant, und ohneden großen Zehen, den man länger werden läßt, würdeer einem Pferdefuße nicht unähnlich sein. Dieser Torturmüssen alle Töchter der Reichen sich unterziehen undwenigstens eine aus jeder armen Familie, die aus eine guteHeirath speculirt. Nur die tartarischen Frauen machendiese Mode nicht mit.

Die kleinen und immer in dem weiten Aermel ver-borgengehaltenen Hände sind fast ebenso bemerkenswerth,wie die Füße, wegen der Länge der Nägel, die manwachsen läßt, und deren Entwickelung man mittelst silbernerKrallen begünstigt, die man unter ihnen anbringt, und dieals Stütze dienen.

Obgleich die Frauen in China das Embonpointunter die Schönheiten eines Mannes rechnen, betrachtensie es doch als einen großen Fehler ihres Geschlechtesund bemühen sich, eine recht schlanke Taille sich zu er-halten. Sie waschen die schon ohnehin schöne Haut miteiner Mischung von Milch und Bleiweiß , färben Wangen,die Lippen und das Zahnfleisch roth und ziehen über dieAugenbrauen eine bogenförmige, dünne Linie. Bisweilenverschwindet die Augenbraue ganz, um einem feinenWeidenblatt Platz zu machen, das sie als geschickteMalerinnen bemalen. Die Stirn ist frei, die Haare wer-den nach hinten gekämmt und auf dem Hinterkopfe inmehrere Flechten geknotet. Niemals vernachlässigen siees, sie mit Katürlichen oder künstlichen Blumen zu schmücken.Dies gilt von den Frauen des Landes und denen der

Stadt, den alten und armen, den jungen und reichen.Mit Ausnahme derjenigen vom Hofe und von hohemRange, welche Mützen von schwarzem, mit Diamantengeschmücktem Sammt tragen, haben die Frauen keineandere Kopfbedeckung, als ihren Haarschmuck, über densie beim Ausgehen einen Schleier werfen. Junge, heiraths-fähige Mädchen lassen die Haare an den Schläfen herab-wallen.

Die chinesischen Frauen tragen niemals Leinwand.Den Oberkörper bedeckt zunächst ein Netz, das, wie allesUebrige, aus Seide ist. Darüber liegt das Unterkleidund ein weites Beinkleid, die beide durch eine Satinrobemit bauschigen Aermeln verdeckt werden; letztere legt sichmittels eines Gürtels anmuthig um den Körper. ImWinter tragen sie dazu Pelze von oft fabelhaft hohemWerthe.

Die verschiedenen Theile des CostümS sind nichtvon derselben Farbe, und in ihrer Auswahl entfaltet sichder Geschmack der Trägerin. Im Allgemeinen scheinendie dem Manne verbotenen Farben, nämlich Rosa undGrün, vorzuherrschen. Vergeblich aber würde man indem Putz selbst der elegantesten Frauen Spitzen, Batistund alle jene feinen und kostspieligen Artikel aus Lein-wand suchen, die das Entzücken der Europäerinnen bilden.Alle Stickereien sind aus Seide, Gold- oder Silberfäden,und selbst die Taschentücher sind aus Seide gestickt.

Die Frauen der Mandarinen unterscheiden sich vonden anderen durch ihre Toilette; sie sind mit Schmuck-sachen bedeckt und tragen jene herrlichen orientalischenShawls, welche die Männer als Gürtel benutzen.

Die Frauen mit dem kleinen Fuße legen keineStrümpfe an, das überlassen sie den Männern und denarmen und tartarischen Frauen; sie ersetzen sie durchSeidenstreifen, die sie um Fuß und Bein winden. IhreSchuhe aus Stoff haben eine weiße, dünne, aus Papier -blättern zusammengesetzte Sohle, die, da die Frauen nurin ihren Zimmern umherwandeln, lange vorhält.

Die Frauen aller Klassen rauchen und beginnenschon als Kinder damit. Im Gürtel tragen sie eineTabaksdose, daneben das Taschentuch und ein Kästchen,in dem die Araknuß aufbewahrt wird. Tragen sie denFächer nicht in der Hand, so ruht er in einem ebenfallsam Gürtel befindlichen Etui. Sie kennen die bezauberndeFächersprache gar wohl und machen einen Gebrauch vonihr, daß selbst die Spanierinnen noch von ihnen lernenkönnten. Jede Frau besitzt eine ganze Anzahl von Fächernin allen Farben und Formen.

Das Theater besuchen die chinesischen Frauen nie;aber in ihrem Hause findet oft eine Vorstellung statt, dersie hinter Fenstergittern beiwohnen. Aehnlich ist es beiFesten; denn die chinesische Sittsamkcit besteht nicht darin,die Frauen des Anblicks der Männer zu berauben, son-dern zu verhindern, daß sie gesehm werden.

Die Frauen aus dem Volke, besonders die der Bauern,werden nach dem Verhältniß ihrer Kraft und Gesundheitgeschätzt. Sie nehmen Theil an allen Arbeiten.des Mannes,der ihnen oft das schwierigste Stück derselben zuweist.Beispielsweise geht der Mann im Pfluge, während dieFrau, an die Seite des Ochsen gespannt, ziehen muß.Diese Bäuerinnen sind ihrer Familie eine große Stütze,denn sie erziehen nicht nur ihre Kinder und sorgen fürihren Unterhalt, sondern sie werden auch für die meistenFeldarbeiten verwendet. Ihr Fleiß hindert indessen dieMänner nicht, rohe Gewalt gegen sie anzuwenden. Am