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„Ich kann es nicht.«
„Denken Sie an sich selbst, wenn Sie nicht anwein Glück denken wollen, Rosa, Sie sind viel zu jungund viel zu schön, um ohne Beschützer durch dieses rauheErdcnlcben zu pilgern. Darum kommen Sie zu wir,als meine geliebte Gattin, selbst wenn Sie jetzt nur dasGefühl der Freundschaft für mich hegen.«
Doch die junge Dame schüttelte nur traurig mitdem Kopfe.
„Sie sind noch so jung, kaum zwanzig Jahre alt",beharrte Mr. Leslie, „als meine Gattin würden Siemit der Zeit lernen, mich zu lieben.«
„Ich glaube nicht, daß Liebe gelernt werden kann.Liebe kommt plötzlich, in einem einzigen Augenblick; siekann weder erkauft noch verkauft, ebenso wenig aber auchgelehrt oder gelernt werden.«
„Sie haben Recht«, gab der Engländer zu, „aber,Fräulein Nosalie, ich würde Sie glücklich gemacht haben.Ich bin nicht ein armer, unbedeutender Reisender, fürden Sie mich vielleicht halten, ich habe eine große, reicheBesitzung in England , jedoch irdische Schätze haben fürSie keinen Werth, andere Mädchen würden dadurch ge-blendet sein. Darum sagte ich Ihnen nur von meinerLiebe.«
„Liebe ist besser als Gold und Reichthum«, ver-setzte Nosalie träumerisch, „aber ich freue mich für Sie,daß Sie reich sind und es mir gesagt haben, Herr Leslie,Sie wissen nun doch, daß dieser Glanz mich nicht bethörte.«
„Der Himmel segne Sie, mein Liebling, und gebeIhnen viel Glück, wenn auch dasselbe sich auf den Ruinenmeiner zertrümmerten Hoffnungen erhebt."
„Rosa! — Rosa!« rief plötzlich eine helle Stimme.„Hat Niemand Fräulein Nosalie gesehen? — Rosa, meinKind, wo sind Sie?«
Mr. Leslie drückte noch einmal die kleine, zitterndeHand, dann führte er die junge Dame ihrer Beschützerin zu.
„Das Fräulein ist hier, Madame Darby", sagte erverbindlich, „ich Habs ihr den Mondschein im Wassergezeigt."
Die Französin bezweifelte seine Worte, aber siesagte nichts. Erst als sie allein mit der jungen Damein der Kajüte war, fragte sie freundlich:
„Darf man grntuliren?"
Nosalie schüttelte das Haupt.
„Ich konnte nicht „Ja" sagen«, gestand sie schüch-tern, „aber Madame Darby, wie konnten Sie das er-rathen ?"
„Mein liebes Kind, ich bin doch nicht blind! EinJeder hier auf dem Schiffe merkte die Absicht des Eng-länders; wir glaubten auch, seine Liebe würde erwidert.«
„Er ist sehr gut, aber-«
„Aber er ist nicht der Rechte", ergänzte die alteDame heiter. „Ich glaube, viele Leute würden es Ihnenarg verdenken, diese verlockende Partie ausgeschlagen zuhaben, aber ich tadle Sie deshalb nicht. Mr. Leslie istzwar reich, aber es steht schlecht mit seiner Gesundheit,und seine Gattin würde bald Wittwe sein.«
„Daran habe ich gar nicht gedacht."
„Ich weiß es, aber da Sie jetzt die Hand desreichen Engländers ausgeschlagen haben, möchte ich Ihnenvor unserer Trennung noch eine gute Lehre mit auf denWeg geben. Ich habe noch gar nicht mit Ihnen überdie Familie Lambrecht gesprochen, und ich hatte gutenGrund dazu.«
„Ich glaubte, die Familie sei Ihnen gar nicht be-kannt, Sie wohnen doch von Marydale so weit entfernt«,versetzte Rosa.
„Hm, ich kenne die beiden Herren sehr gut. Deralte Herr ist ein guter Mann; er Hai das beste Herzvon der Welt, aber ich halte es für meine Pflicht, Sievor seinem Sohne zu warnen. Thomas L anbrecht istein jähzorniger, aufbrausender Mensch, dabei falsch undheuchlerisch.«
„Ich werde wahrscheinlich nicht viel mit ihm zu-sammenkommen«, lächelte Rosa, „er ist ja kein Kindmehr, sondern längst zum Manne herangereift.«
„Er ist etwa sechsundzwanzig Jahre, ein selbstbe-wußter, anspruchsvoller Mann und vollständig herzlos.Vor drei Jahren verlobte er sich mit einer meiner Nichtenin Natal. Linda River ist ein liebevolles, treues Mäd-chen, und, gänzlich mittellos, war es für sie ein Glück,eine glänzende Partie zu machen. Aber selbst die engcls-sanfte Linda konnte seine Launen nicht ertragen. Nachkaum vierwöchiger Verlobung löste sie ein Verhältniß,das sie nach dieser kurzen Frist nicht länger ertragenkonnte. Die ganze Familie River ist arm, daher wärees ein Glück gewesen, mit der reichsten Familie im Landeverwandt zu sein, aber Linda hatte wohl Ursache, dieTrennung zu veranlassen.«
„Ist Ihre Nichte jetzt verheiratet?«
„Nein, er aber auch nicht. Vielleicht hat er seinenFehler eingesehen und ist jetzt zu stolz, Linda um Ver-zeihung zu bitten.«
Nosalie glaubte jedes Wort. Es war ja Niemandhier, der Madame Darby widersprach, und diese ahnteselbst den Irrthum nicht, in dem sie sich befand. — AlsThomas Lambrecht seine Geliebte in den Armen einesAnderen überraschte, hatte er ihr selbst angeboten, ihremVater und ihrer ganzen Familie gegenüber alle Schuldder Trennung auf sich zu nehmen.
„Du kannst sagen, Du habest Dich in Deinen Ge-fühlen gegen mich getäuscht und liebtest mich nicht«, sagteer Linda. „Gib Deinem Vater irgend einen Grund an,den Du willst, ich werde niemals widersprechen. ESwürde ihm ja ohnehin schmerzlich sein, die Wahrheit zuerfahren, und daß ich Dich in den Armen eines anderenMannes gefunden habe.«
Linda befand sich nun in einer peinlichen Lage.Sagte sie die Wahrheit, so mußte sie fürchten, ihr lang-jähriger Bräutigam könnte das Geschäft ihres Vatersund die Stadt verlassen. Folgte sie dem Rathe desgroßmüthigen Thomas, so mußte sie den Zorn ihresVaters fürchten. Sie hatte noch vier Schwestern, keinewar versorgt, das Geschäft des Vaters stand schlecht, undoft befand er sich in den größten Geldverlegenheiten.
So erdachte sie sich nun die Geschichte seines Jäh-zorns und wußte denselben so haarsträubend zu schildern,daß Herr River ganz außer sich über den schlechten Cha-rakter des jungen Mannes gerieth. Einige Geschäfts-freunde, die den jungen Lambrecht kannten, nahmen ihnin Schutz, aber vergebens. Herr River kannte die Liebefeines Kindes für Gold und Reichthum; sie mußte alsotriftigen Grund haben, diese glänzende Verlobung schonso bald zu lösen.
Doch das Glück schien von dem Hause zu fliehen. Lin-da's erster Verlobter erbte ein bedeutendes Vermögen,gründete ein eigenes Geschäft und heirathete ein anderesMädchen. Das Geschäftshaus River mußte seine Zahl-