Ausgabe 
(20.11.1896) 96
Seite
739
 
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ungen einstellen. Der Vater war nach längerer arbeits-loser Zeit froh, eine untergeordnete Stellung zu finden.Seine Gattin und seine fünf Töchter gerieten in Nothund Elnrd, so daß die Mutter oft rief:Ob jähzornigoder nicht, es wäre doch besser gewesen, Linda hätteThomas Lambrecht gcheirathet."

Madame Darby war die einzige reiche Verwandtedieser hartbedrängten Familie, und oft hatte ihre stetsgefüllte Börse die bitterste Noth gelindert. Während derlangen Seereise hatte sie Nosalie von Bornfeld lieb ge-wonnen und in der besten Absicht das junge Mädchenvor dem heftigen Temperament des jungen Larnbrechtgewarnr. Vielleicht beurtheilte sie die ihm angedichtetenFehler auch allzu streng, wenn sie bedachte, daß diehilfsbedürftige Familie einen großen Theil ihrer Sorgenauf seine Schultern gewälzt haben würde, sobald er mitLinda vereint lei, jetzt hingegen mußte sie dieselben fastgänzlich allein tragen.

Wer weiß, vielleicht versöhnen sich die Liebendenwieder", meinte Rosa nachdenklich,wenn sie sich wirk-lich lieben, so wird Thomas um ihretwillen lernen, seinenZorn zu beherrschen."

O nein, mein Kind, daran ist gar nicht zu denken.Ich will nur hoffen, sein Vater wird Ihnen stets zurSeite stehen und niemals dulden, daß er Sie in seinemHause beleidigt."

Es war noch früh, als Nosalie am nächsten Morgenerwachte. Doch Madame Darby stand schon angekleidetbereit, eine kleine Reisetasche in der Hand und fertig,die Kajüte und das Schiff baldmöglichst zu verlassen.Rosa machte schnell Toilette. Dank der treuen FürsorgeFräulein HollmannS hatte sie eine große Auswahl inihrer Garderobe. Sie wühlte ein leichtes, graues Reise-kleid, welches durch elegante Einfachheit die Anmuth derjungen Dame nur erhöhte. Dann eilte sie auf Deck,wo sie jetzt nur wenige Passagiere antraf.

Die meisten der Reifenden befanden sich bereits aufdem Festlande, andere standen auf der Landungsbrückeund wurden dort von ihren Freunden oder Verwandtenumringt und stürmisch begrüßt. Rosa stand allein. Einnamenloses Gefühl des Elends und der Einsamkeit be-schlich sie beim Anblick der vielen fremden Menschen unddeS neuen Erdtheils, den sie nach wenigen Minuten be-treten sollte. Doch ehe sie wußte, wie ihr geschah, fühltesie sich von zwei starken Armen umfaßt, zwei leuchtendeblaue Augen schauten liebevoll auf sie herab, und siefühlte einen Kuß auf ihren heiß erröthenden Wangen.Ein großer, breitschultriger Mann stand vor ihr, der inseinem stattlichen weißen Vollbart älter aussah, als erin Wirklichkeit war.

Willkommen in Afrika !" rief er heiter.Du mußtmeine kleine Rosa sein, denn Niemand anders als Dukann die Augen Deiner Mutter haben. Hoffentlich könnenwir Dich in Deinem neuen Heim glücklich machen."

Nosalie schaute den fremden Herrn lange an; ihreAugen füllten sich mit Thränen der Freude und desDankes. Diesem Manne konnte sie vertrauen; er würdesie schützen gegen die Launen seines leicht erregbarenSohnes.

Ja, ich bin Nosalie", sagte sie leise, «eS ist sehr,sehr gütig von Ihnen, mir bis hierher entgegenzukommen."

So darfst Du nicht mit mir reden", scherzte erheiter,Du mußt michOnkel" undDu" nennen.Deine liebe Mutter war meine Pflegeschwester, also

habe ich ein Anrecht auf diesen Namen und auf DeineLiebe; also:Onkel Robert", willst Du es auch nichtvergessen?"

Jetzt kam auch Madame Darby herbei. Der alteKaufherr dankte ihr herzlich für den Schutz, den sieseiner lieben Rosa hatte angedeihsu lassen, dann aberwandte er sich seinem neuen Schützlinge wieder zu.

Also, Du fürchtetest Dich gar nicht, die weite Reisezu machen, um bei einem alten Manne zu bleiben, denDu noch niemals gesehen hattest?"

Ich freute mich, daß ich kommen durfte, OnkelRobert, denn ich las Deine Briefe an Herrn Hollmannund wußte, daß Du mich liebevoll aufnehmen würdest."

Hm, ja, ich hätte Dich schon gern vor dem TodeDeines Vaters hier gehabt, aber ich wollte warten, bisDu älter warst und selbstständig wählen konntest. WennDu bei Deinen Verwandten glücklich gewesen wärest, sohätte ich Dich ruhig dort drüben gelassen, und Du hättestniemals von mir gehört."

So lange der Onkel lebte, hatte ich nicht zu klagen."

Ich weiß es, Herr Hollmann hat mir alles ge-schrieben. Es ist gut, daß Du zu unS gekommen bist,und ich hoffe nur. Du fühlst Dich bald heimisch im fremdenLande. Wir haben noch eine weite Reise bis Marydalevor uns, fast zwei Tagereisen, aber wir bleiben erst hierin der Kapstadt , um alle Sehenswürdigkeiten gründlichin Augenschein zu nehmen."

Herr Larnbrecht hatte in dem größten Hotel derStadt Mehrere Zimmer gemiethet, er wollte längere Zeithier wrilen, und er freute sich, daß Rosa so großes In-teresse für alles Sehenswerthe zeigte. Nur über Einswunderte sie sich. Herr Lambrecht erwähnte nie denNamen seines Sohnes, trotzdem er seine Häuslichkeit, seinLeben und Treiben in Marydale ganz genau schilderte.

Endlich trat der alte Herr die Heimreise an. Eswar am Abend des zweiten Tages, und es dunkeltebereits, als Herr Lambrecht plötzlich fragte:SchläfstDu, Rosa?" und als sie verneinte, fuhr er fort:Dasist gut, denn ich muß Dir etwas sagen, was ich lieberin der Dämmerung, als i» hellen Tageslicht thue.Es ist mein Sohn Thomas, von dem ich mit Dir redenwollte. Er ist ein guter, braver Mensch, stattlich und

groß, ein tüchtiger Geschäftsmann, aber-", sichtlich

verlegen hielt er inne.

Er ist doch nicht krank?" fragte Rosa theilnehmend.

Durchaus nicht; er ist noch niemals in seinemLeben krank gewesen. Aber er hat einen Fehler eSist auch der einzige, den ich entdecken kann erhaßt alle Frauen."

Rosa lächelte, aber das Antlitz des VaierS war soernst und traurig, daß sie Mitleid mit ihm fühlte.

Glaubst Du, daß ihm mein Kommen in Marydaleunlieb ist?" fragte sie leise.

Mein Kind, er war ganz empört, als ich mit ihmdarüber sprach", gestand der Vater ganz offen.Ersagte mir, Du feist gewiß dreißig oder vierzig Jahre,und noch viel mehr Sachen sagte er mir vor, die ichalle wieder vergessen habe."

Aber Du weißt doch, wie alt ich bin", fiel Rosa ein.

Gewiß, aber es nutzte nichts, mit ihm zu rechten.Ich ließ ihn reden, waS er wollte, und sagte ihm schließ-lich, daß, wenn er keine Anstalten machte, mir eineTochter zu geben, ich die Pflicht habe, mir selbst einezu verschaffen. Ferner sagte ich ihm, Du seift eine