Ausgabe 
(20.11.1896) 96
Seite
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Gesellschaft für mich und nicht für ihn; aber ich zweiflenicht, daß er bald seine Gesinnung ändern und sich alsliebenswürdiger Gentleman zeigen wird, wie er auch inWirklichkeit ist."

Nosa schwieg, Madame Darby hatte zu viel. vonihm erzählt.

Ich wollte es Dir nur vorher sagen", fuhr deralte Herr fort,damit Du es nicht als persönliche Be-leidigung ansiehst, wenn Thomas anfänglich etwas zurück-haltend ist. Es ist keine Dame in Marydale, die sicheines freundlichen Wortes von ihm rühmen kann, aus-genommen die junge Frau Dr. MannerS, die so leidendund schwach ist, daß sie die Hälfte ihres Lebens auf demSopha zubringen muß. Habe aber Nachsicht mit ihm,er kann gewiß nicht anders gegen Damen sein, es liegtso in seinem Charakter."

(Fortsetzung folgt.)

Das Zaunariussest in Neapel .

(Schluß.)

Mittlerweile war auch die Volksmenge eingelassenworden und hatte bald das letzte Plätzchen der geräumigenKapelle ausgefüllt, mit Ausnalime des durch Schrankenverschlossenen Raumes um den Hochaltar, der, wie esschien, ausschließlich den Fremden vorbehalten war. Neu-gierig betrachtete ich von hier aus die unruhig hin- undherwogende Menge; es waren meist Leute der unterstenKlasse, doch fehlte es auch nicht an Mitgliedern derhöheren Stände. Nach und nach kam etwas Ordnungin die Versammlung, doch trat keine Stille ein, sondernman begann jetzt zu beten und zu singen. LateinischeAnrufungen wechselten mit italienischen, halblautes Ge-tümmel mit lärmendem Geschrei, und dazwischen hineinerklang wieder die Strophe eines Liedes, dessen im neapo-litanischen Dialekte gesungenen Text ich nicht verstand;deutlich jedoch vernahm ich den immer wiederkehrendenRefrain: I'assi, Lan dsnnaro, il wiraaolo I (HeiligerJanuarius , wirk' uns das Wunder!)

Mein höchstes Interesse erweckte eine Anzahl Frauen,allem Anscheine nach aus der niedersten Klasse der Lazza-roni, die, in den vorderen Reihen sitzend, die Lieder undGebete bestimmten und alle übrigen im Schreien zu über-bieten suchten. Ein junger Priester neben mir, an denich mich wandte, erklärte mir, diese Frauen bildeten dieFamilie des heiligen JanuartuL; sie rühmen sich, vonder Amme des Heiligen abzustammen, und behaupten seitunvordenklichen Zeiten das Recht, die ersten Plätze ein-zunehmen und Neihedienfolge der Gebete zu bestimmen.

Etwa eine Stunde mochten Gebet und Gesang ge-dauert haben, als die fungirende Geistlichkeit am Hoch-altäre erschien. Die Büste mit dem Haupte des Heiligenund die Monstranz mit den Blutfläschchen wurden ausdem Tabernakel geholt und auf den Altar gestellt. Nacheinem feierlichen Gebete betrat ein Priester den Altarund begann die Blutfläschchen den Fremden zu zeigen,die sich dicht um den Altar und auf die Stufen des-selben drängten. Diese Handlungsweise erschien mir an-fänglich wenig ehrfurchtsvoll, zumal ich nicht auf allenGesichtern der Anwesenden ein Gefühl der Andacht, wohlaber Neugierde und sogar ungläubigen Spott lesen zukönnen glaubte. Allein es ist durchaus nothwendig, daßjeder, der will, ohne Unterschied der Gesinnung, dasWunder wie einen natürlichen Vorgang genau prüfen

kann; nur so ist es möglich, allen Einwürfen eines Be-truges zu begegnen, die man zu machen geneigt wäre,wenn man den ganzen Vorgang nur von ferne sehenkönnte. Mit vieler Mühe gelang es mir endlich einenPlatz auf der obersten Altarstufe zu erringen, und ich standnun unmittelbar vor dem Kanoniker, der die Blutfläsch-chen herumzeigte; er drehte dieselben fortwährend, jedochlangsam und ohne zu schütteln, um, indem er die Mon-stranz abwechselnd bei der Handhabe und dem oberen,mit einem Kreuze versehenen Ende faßte; ein zweiterKanoniker stand neben ihm und beleuchtete zeitweilig miteiner Kerze den Inhalt der Fläschchen, um denselbenmöglichst sichtbar zu machen; es zeigte sich keine Beweg-ung an der dunklen, braunen Masse, sie blieb starrund fest.

Die Andacht der Menge hatte sich bet Beginn derHandlung noch gesteigert; das Gebet wurde immer lauterund dringender; mit einer Stimme, die fast nicht mehrmenschlich war, schrie eine Frau aus der Familie deshl. Januarius ein über das andere Mal: Lauts la-uuari, ora pro uvbis, und der ganze Chor wiederholtedie Worte in derselben Weise. Für ein deutsches Ge-müth hatte diese Art und Weise zu beten wenig An-dachterweckendes. Allein der Italiener ist, wie schon be-merkt, leidenschaftlich auch im Gebete. Gerade dieseheftigen Ausbrüche schienen mir ein Beweis des leben-digsten Glaubens und des festesten Vertrauens zn sein.Auch sonst ist es keine Seltenheit, daß man in der Kirchevor einem Altar oder Heiligenbild Leute antrifft, welchemit lautem Gebet und unter lebhaften Gebärden demHimmel ihre Anliegen vorbringen.

Schon über eine halbe Stunde lang hatte derPriester, auf der obersten Altarstufe hin- und hergehend,unausgesetzt die Monstranz gezeigt; die Spannung allerUmstehenden war aus's Höchste gestiegen, auS dem Ge-bete des Volkes schien bereits einige Ungeduld heraus-zukliugen. Da ging Plötzlich eine freudige Bewegungüber das Antlitz des Priesters und der Zunüchststehenden,und mehrere Stimmen riefen zugleich: II wirucolo ölatto (das Wunder ist geschehen). Mit Blitzesschnelleflog dieses heiß ersehnte Wort von Mund zu Mund, undnun brach ein so brausender Jubel los, daß alles bis-herige Singen und Schreien wie schwaches Gcmnrmclerschien, und unter Glockengeläute, Orgelklang und Trom-petengeschmetter erscholl aus dem Munde der dankes--freudigen Menge ein vteltausendstim-niges 1s Demo.

Beim Eintreten des Wunders stand der Priestergerade auf der anderen Seite des Altares, so daß ichdas Emporwallen und Flüssigwerden des Blutes selbstnicht beobachten konnte. Doch kam er alsbald wiederauf mich zu, und jetzt konnte ich deutlich die Veränderungsehen, die an dem Inhalte der Fläschchen vorgegangenwar. War vorher derselbe bei allen Wendungen unbe-weglich geblieben, so floß jetzt derselbe, sobald das Gefäßgewendet wurde, von einer Seite znr andern; auch wardas Quantum desselben größer geworden; vorher warendie Fläschchen zu Dreiviertel gefüllt, jetzt stieg das Blutfast bis an den Hals derselben. Mehrmals ließ ich mirdie Monstranz zum Kusse reichen und verlangte dasWunder zu sehen; stets wiederholte sich beim Umwendendes Gefäßes dasselbe Schauspiel. Die Thatsache, daßdas Blut flüssig geworden, war augenscheinlich, und jedermußte das anerkennen, der nicht den offenkundigsten That-sachen sein Auge verschließen wollte.