Ausgabe 
(20.11.1896) 96
Seite
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Nachdem die Fremden am Altare das wunderbareBlut gesehen und verehrt, wurde es auch dem Volte anden Schranken zum Kusse gereicht. Gegen 11 Uhr wurdees in feierlicher Procession und unter lautem Jubel desVolkes auf den Hochaltar der Kathedrale übertragen,unter dem der Leib des heiligen JanuariuS ruht. Nunfolgte daS feierliche Pontifikalamt, celebrirt von dem ehr-würdigen Kardinalerzbifchof Wilhelm Sanfelice, der, ehe-mals ein einfacher Benediktinermönch, auch mit dem Purpurgeschmückt, die Demuth des OrdensmanneS nicht ver-leugnet. Die Canontker des Domkapitels, etwa 30 ander Zahl, sämmtlich in Prachtgewändern und mit derJnful ausgezeichnet, bildeten gewissermaßen das glän-zende Gefolge des hohen Kirchenfesten. RauschendeMusik begleitete die heilige Handlung.

Gegen 1 Uhr waren die Feierlichkeiten zu Ende;das heilige Blut jedoch blieb den ganzen Tag auf demHochaltars ausgesetzt und wurde zeitweise zum Kusse ge-reicht. Erst am Abend wurde eS in die Kapelle zurück-gebracht und im Tabernakel verschlossen, wo es auch so-fort seine feste Gestalt annahm. Am nächsten Morgenund die ganze Oktav hindurch erneuert sich dasselbeWunder stets unter der gleichen Betheiligung des gläu-bigen, begeisterten Volkes.

D'Waiz.

Eine Spukgeschichte, wie sie sich ror 100 Jahren einmal inMbapern zugetragen hat.

--- (Nachdruck vcrboicn.)

Sie wurde mir vom alten Kutscher-Schneider erzählt.Warum hieß der Mann Kutscher-Schneider? Mit seinemwahren Namen hieß er Peter Lambrecht, aber sein Vaterwar auf dem Schloß, das noch vor dreißig Jahren be-stand, gräflicher Kutscher. Als das Schloß abgerissenwurde, weil cs baufällig sein sollte, und der Herr Grafnicht die nöthigen Moneten hatte, es mieser aufzubauen,konnte die Herrschaft auch nicht mehr dort wohnen, undso wurde der Sohn ein Schneider. Einen solchen gab'Sim Dorfe noch nicht, und da nun einmal das HausbeimKutscher" hieß, so nennt man den Schneider M nochden Kutscher-Schneider. Also der alte Kutscher-Schneidererzählte mir die Geschichte, wie er sie von seinem Groß-vater gehört hatte, der sie mit erlebt haben wollte.

Bei dem Schlosse wurde eine mittlere Oekonomiebetrieben, nebst einem Brauhaus, wie dies ja bei denmeisten adeligen Landgütern und Klöstern in Bayern derFall war. Die Ockonomie-Gebäudc nebst Braubans be-stehen heute noch. Der Braumeister ist zugleich Verwalterder Gutswirthschaft. Ein solcher Braumeister war nunein gar schlauer Kumpan. Er liebte es gar sehr, wenndie Herrschaft auf einem andern Gute weilte. War derGras fort, dann hielt er sich nämlich anstatt zwei Kühe,wie ihm gestattet war, deren vier bis sechs, und stattvier Schweine deren zehn bis zwanzig, und trieb in dernahen Stadt einen flotten Fleisch- und Milch-Handel;auch liebte er es gern, Uebersndcn zu machen, d. h. auseinem bestimmten Quantum Malz mehr Bier zu sieden,als ihm erlaubt war zum Schaden der Bauern, welchedenPlempl" trinken mußten. War der Graf an-wesend, so konnte er alle diese Gaunereien nicht offen und'Mgenirt treiben.

Es war ihm nun bekannt, daß die Frau Gräfin aneiner krankhaften Aengstlichkeit litt; heutzutage würd- man

sagen, sie wäre nervös gewesen. Sie konnte nicht diegeringste Aufregung ertragen. Nun war im Thurm imobern Stock ein Zimmer, das gemieden wurde. Denndort sollte ein französischer Offizier, der während desKrieges auf einem Durchzug für kurze Zeit mit seinerCompagnie Rast auf dem Schlosse gemacht hatte, eineKammerzofe ermordet haben, weil sie seinen Gelüsten undVersprechungen kein Gehör schenken wollte. Der Offiziersoll dann bald daraus in einem nahen Gefechte mit Oester-reichern gefallen sein. Dieser Umstand kam dem schlauenBräumeister sehr zu statten. War die Herrschaft anwesend,so fing es in dem gemiedenen Zimmer stets an zuwaizen",wie der Altbayer sagt.Der Franzus geht nm!" hießes dann. Sonderbarer Weise hörte der Spuk immer baldauf, wenn die Herrschaft wieder fort war.

Der Graf hatte schon Verschiedenes versucht, de?Sache auf die Spur zu kommen vergeblich. Die Dienerschwuren auf ihre Seel' und Seligkeit, daß eine weißeGestalt mit Blutflecken behaftet Nachts umgehe und denNamen der ermordeten Kammerzofe beständig ausrufe.Besonders der Braumeister, Dicht! mit Namen, wollteam meisten gequält werden. Er wußte nicht genug vondemWaiz" zu erzählen. Der Gräfin wurde iu ihremkrankhaften Zustand der Aufenthalt auf dem Schlosse ver-leidet. Die Herrschaft kam immer seltener, und wenn siekam, dann blieb sie nie mehr lange.

Ein Mal kam nun die Herrschaft doch wieder aufdas SLloß aber der Spuk ging auch bald wiederlos. Der Graf, unmuthig über die Geschichte und überdas Gejammer seiner Gemahlin, ließ den Braumeisterkommen. Der Braumeister war nicht, wie sonst die Brau-meister find, groß und dick, sondern mager und gebeugt,aber ein schlaues, verschmitztes Lächeln umspielte oft seinsonst so ehrlich aussehendes Gesicht.

Nun, Dichtl," redete ihn der Graf an,sind Sieimmer noch nicht hinter die Geschichte gekommen?"

Von meiner Seite ist alles geschehen, um hinterdie Sache zu kommen, aber Geister sind halt schlauerwie wir."

Ach was! Ich glaube halt immer noch nicht daran;mir scheint die Geschichte noch ein loser Unfug zu sein."

Wie Herr Graf meinen, so wird's wohl sein."

Haben Sie noch nie in dem Zimmer wachen lassen,Dichtl?"

Herr Graf meinen doch nicht, daß man in demZimmer eine Nacht zubringen soll?"

Doch, gerade das meine ich. Haben Sie das nochnie versucht?"

Herr Graf, so sehr ich Ihnen ergeben bin, o ver-langen Sie das nicht von mir ... ich würde sterbenvor Schrecken; so muß ich schon so viel Angst ausstehen."

Aber Sie sind ein Hasenfuß! Wüßten Sie dennsonst niemand, der den Muth hätte, eine Nacht in demZimmer zuzubringen? Ich will'mal, daß die Geschichteaufhöre. Kaum ist man hier, so muß man schon wiederfort, weil man keine Ruhe hat. Also wissen Sie niemand?"

Ich wüßte niemand, Herr Graf, der dazu Muthgenug hätte. Ich glaube nicht, daß man jemand findet."

Und wenn ich hundert Gulden biete?"

Hundert Gulden, Herr Graf? . . . Vielleicht findetman dafür doch jemand."

Nun, so schauen Sie nur, daß Sie jemand finden."

Der Bräumeister drückte sich. Wieder umspielte dasverschmitzte Lächeln seinen Mund. Er ging in's Gesinde-