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M 98. Kreitag, den 27. November 1896.
Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Haas L Grabpcrr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler ).
Im fremden c-lande!
Erzählung von C. Borges.
(Fortsetzung.)
V.
Weihnachten, das Fest der Freude! Aber welch'ein Weihnachtsfest im Vergleich zu den Festen, die Na-salst von Bornfeld in ihrer früheren Heimath gefeierthatte! Die Nasen blühten in üppiger Fülle, dunkleClematis und weiße Kletterrosen schützten die Terrassevor den sengenden Sonnenstrahlen, und Nasalst fand esim Hause und im Freien zu heiß zu irgend einer Be-schäftigung, selbst das Buch entfiel ihren Händen, dennauch im schattigsten Winkel war es zu heiß, um zu lesen.
Obgleich Herr Lambrecht fast sein ganzes Lebenhindurch hier in Afrika gelebt hatte, wollte er doch vonden deutschen Sitten und Gebräuchen am Weihnachtsfestenicht lassen. Wenn das Thermometer auch noch so hochstand, er mußte nicht allein einen Weihnachtsbanm haben,sondern liebst es auch, zu diesem Feste eine SchaarFreunde um sich zu versammeln.
„Wie gefällt Ihnen die Weihnachtszeit hier, Fräu-lein Nosa?" fragte Thomas ungefähr drei Tage vor demFeste und ließ sich dann an ihrer Seite in die Hänge-matte fallen. „ES ist fast zu heiß, um zu athmen;möchten Sie nicht ein wenig von dem Eis und demSchnee hcrübcrzaubern können, der um diese Zeit inIhrer alten Heimat!) das ganze Land bedeckt?"
Vier Wochen waren vergangen, seitdem Thomas dieUnterredung mit Nosalie über Linda River hatte, undseit dieser Zeit war mit dem Jüngling eine wesentlicheVeränderung vorgegangen. Der Vater beobachtete ihngenau und freute sich im Stillen, daß er mit der neuenHausgenossin auf einem so guten Fuße stand. Er be-gleitete oft ihre Lieder, sang mit ihr Duette, lehrte siereiten nnd begleitete sie aus ihren Spaziergänger: imnahen Walde.
Nosalie ihrerseits war aufrichtig betrübt, daß sie,durch falsche Vorspiegelung geblendet, den Charakter desjungen Mannes so schlecht beurtheilt hatte. Sie fühlteinniges Mitleid mit ihm, noch mehr aber zürnte sie LindaNiver, die durch ihre Heuchelei sein Lebensglück — wiesie meinte — doch zerstört hatte.
„Wir werden beide gut miteinander fertig", sagtesie in ihrer schlichten, offenen Weise zu Frau MannerS,„obgleich wir noch nicht gute Freunde sind. Aber er duldet
doch jetzt meine Gegenwart, und er sagt auch kein bösesWort mehr gegen Damen."
Dr. MannerS lachte heiter, als seine Frau ihmdiese Worte wiederholte.
„Ist Nosa denn wirklich noch ein so harmloses Kind?"
„Das ist sie ganz gewiß. Sie ist so frei und auf-richtig, wie ein unerfahrenes Kind von zehn Jahren."
„Glaubt sie denn wirklich, Thomas wäre gleichgiltiggegen sie?"
„Daran ist gar nicht zu zweifeln, und ich glaube,sie hat darin auch vollkommen Recht. Thomas wird nie-mals für eine Dame ein Interesse zeigen, sie müßtedenn eine alte Jungfer oder eine verhcirathete Frau sein,die also nicht die geringsten Ansprüche auf seinen Namenmehr macht."
„Hm!" machte der Doktor gedankenvoll, „vielleichthast Du Recht; ihr Frauen müßt ja immer Recht behalten— aber — —"
„Aber waS?" fragte Hilda ungeduldig.
„Wenn Thomas wirklich ganz gleichgiltig gegenFräulein Nosalie ist, warum war er denn vor einigenTagen so sehr empört, als der junge Farmer Gervin umihre Hand anhielt? Er und Thomas waren früher diebesten Freunde; gestern sagte er mir aber, er wünsche,der Farmer sei tausend Meilen weit von hier und ließesich niemals wieder in Marydale sehen, weil er gewagthabe, Rosa für sich zu gewinnen."
„Meinst Du denn — —"
„Ich meine gar nichts, durchaus gar nichts", unter-brach der Arzt schnell seine Gattin. „Sollte sich Thomasaber einmal ernstlich verlieben, so kann es nur in dieliebliche Nosa sein."
Unterdessen saßen die Beiden an diesem heißenDczembertage im kühlen Schatten auf der Terrasse. Nosaversicherte scherzend, sie sehne durchaus nicht Eis undSchnee herbei, und ein heißer WethnachtStag sei ihr soneu» daß er einen gewissen Netz für sie habe.
„Die Wahrheit zu gestehen", fuhr sie heiter plau-dernd fort, „hatte ich noch gar nicht daran gedacht, daßin anderen Erdtheilcn dieses schöne Fest in die heißesteJahreszeit fällt, erst im letzten Juni hörte ich zuerst da-von reden."
„Bei welcher Gelegenheit?"
Nosa errathest heftig, und Thomas, der sich überdiese Verlegenheit belustigte, wiederholte seine Fragedringender.