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„Sie werden gewiß über mich lachen", flüsterte sieleise, „aber eine Zigeunerin sprach zuerst davon."
„Sie glaubten doch nicht dem Gerede einer Zi-geunerin ?"
„Nein — ja — ich weiß eigentlich nicht."
„Bah, ich hielt Sie für vernünftiger", sagte Thomasverächtlich. „Na, Sie werden doch darüber nicht weinen?Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen."
„Ich kann nicht anders", gestand sie, gewaltsamihre Thränen zurückdrängend, „ich muß immer weinen,wenn ich an jene Zeit und an die Worte der Zigeunerinzurückdenke."
„Sie lebten doch in einer großen Stadt, wo sahenSie denn eine Zigeunerin?"
„Meine Tante veranstaltete ein Sommerfest, undich mußte vorher hinausfahren, um dem Hausmädchenzu helfen, die Tische für die Gäste zu bereiten."
Thomas sprang entsetzt aus seiner nachlässigenStellung empor.
„Wurden Sie nicht wie eine Tochter im Hause ge-halten?" fragte er erregt.
„Ich war dort so unglücklich, daß ich jetzt oft nochweine, wenn ich an jene Zeit zurückdenke. Ich mußteden ganzen Tag in einer engen Mansarde sitzen und dieKleider meiner Cousinen nährn, bis mir dir Fingerschmerzten. Wenn Besuch da war, so durste ich nichteinmal zum Essen hinuntergehen. Niemand sagte mirein Wort, ich mußte nur täglich mit anhören, daß ichans „Mitleid" im Hause geduldet würde. Ich hatteschon den Plan gefaßt, mich als Kinder- oder Haus-mädchen zu verdingen, da machte mir Ihr Vater dasAnerbieten, hierher zu kommen."
„Das war für Sie ein hartes Leben. Aber wiewar's mit dem Sommerfest und der Zigeunerin? Bitte,erzählen Sie."
„Sie werden nur darüber lachen."
„Erzählen Sie nur!"
„Nun, einer der eingeladenen Gäste erschien nicht,und so mußte ich mich mit zu Tische setzen, damit diegefürchtet« Zahl „dreizehn" vermieden wurde. Eine derDamen — sie war so schön und dabei höchst elegantgekleidet — war so freundlich zu mir, daß ich meinärmliches Kleid ganz darüber vergaß. Sie mit ihremVetter, Herrn Wilmer, bereiteten mir frohe Stunden, daßwir die flüchtige Zeit darüber vergaßen. Dort im Waldetrafen wir auch die Zigeunerin, die mir die Zukunftenthüllte."
„Nun, was sagte sie?"
„Zuerst sagte sie mir, ich habe jetzt viel Sorge undNoth, aber ich würde bald in einem besseren Lande sein.Ich glaubte, ich würde bald sterben, doch sie sagte nein,ich hätte ein langes Leben vor mir und stände jetzt voreinem Wendepunkte. Ehe der Vollmond am Himmelstände, würde ich das Haus meiner Tante verlassen haben."
„Versprach sie Ihnen keinen Gatten?"
Nosalie beachtete diese Frage nicht und fuhr fort:
„Ferner sagte sie, sobald die Noscn am Weihnachts-feste blühen, würde der Stern meines Glückes aufgehen."
„Wad weiter?"
„Weiter nichts. Meine Tante zürnte mir sehr unddrohte, mich fortzuschicken, weil ich so lange mit derreichen Dame und deren Vetter allein im Walde gewesenwar, doch da erhielt ich den Brief von Herrn Hollmann,und der gut: alte Herr nahm mich in sein Hans auf."
„Und was haben Sie mir weiter von dem Vetterder reichen Dame zu sagen — wollen Sie ihn heirathen?"
„Wahrlich, Thomas, Sie treiben Scherz mit mir",rief Nosalie heiter lachend. „Ich sah den Herrn ja nurdieses eine Mal. In der letzten deutschen Zeitung, dieich in der vorigen Woche erhielt, las ich feine Heiraths-anzeige, und es war mir lieb, daß er nicht meine CousineGeorgine gewählt hatte."
„Nun", sagte der junge Herr gedankenvoll, „dieRosen stehen bereits in voller Pracht, und in drei Tagenist Weihnachten. Der Stern Ihres Glückes muß sichjetzt beeilen, um rechtzeitig am Himmel zu erscheinen."
Rosa wollte antworten, doch ihre Lippen bliebengeschlossen, denn gerade in diesem Augenblick trat deralte Herr auf die Terrasse hinaus, einen offenen Briefin der Hand haltend. Ein zufriedenes Lächeln erhelltesein gutmüthiges Antlitz, als er die beiden jungen Leuteso heiter plaudernd beisammen fand.
„Gute Nachrichten, Thomas!" rief er lebhaft. „Dieganze Familie Davidfohn hat unsere Einladung ange-nommen; sie kommen Me. Morgen treffen sie ein undbleiben bis nach Neujahr."
Der junge Mann schien bei dieser Eröffnung wenigerfreut.
„Ich kann nicht begreifen, welches Vergnügen Dudarin findest, das ganze HauS mit Gästen anzufüllen",erwiderte er unwillig. „ES wäre viel besser, wir bliebenzum Feste allein."
„Am W-ihnachtsfeste muß ich einen großen Kreisfröhlicher Gesichter um mich sehen; so hab' ich es gern",beharrte der alte Herr.
„Na, jetzt wird Dein Wunsch erfüllt. So viel ichweiß, sind sieben kleine Sprößlinge in der Familie David-sohn, außerdem hast Du noch Gäste aus der Stadtgeladen."
„Ich erwarte zwanzig Personen", rechnete der alteHerr, still vergnügt. „Zwanzig Personen mit der FamilieDavidsohn, die auch ihre Gouvernante mitbringt. DieMutter wollte die Erzieherin der Kinder nicht gern alleinzurücklassen, und da sie so weit entfernt — in Natal —wohnt, wollte sie auch für die wenigen Tage die Heim-reise nicht antreten. Sie soll eine angenehme jungeDame sein, die Dir gewiß gut gefällt, Rosa."
Thomas und Nosalie wechselten verständnißvolleBlicke; ein gleicher Gedanke durchzuckte ihre Seele, dochsie wagten nicht, ihn in Worte zu kleiden. Herr Lam-brecht beachtete dieses Schweigen nicht und fuhr heiter fort:
„Du wirst ihr doch einen freundlichen Empfangbereiten, nicht wahr, Rosa? Ich meine, der Gouvernante.Sir gehört einer alten Kausmannsfamilie in Natal an,aber sie hatten viel Unglück und leben jetzt in kümmer-lichen Verhältnissen. Denke nur, diese Linda River —so heißt sie — ist eine Nichte der Madame Darby, mitder Du die Seereise machtest."
Jetzt war kein Zweifel mehr über die Identität derGouvernante. Rosa wagte nicht, Thomas anzusehen,aber sie fühlte ihre Wangen sich purpurn färben. ZumGlück verließ der alte Herr bald die Terrasse und Tho-mas seufzte laut:
„Was in aller Welt soll ich nun thun?"
„Fürchten Sie sich?" fragte Rosa.
„Fürchten? Nein! Ich würde mein Herz nichtnoch einmal an Linda Niver verlieren, selbst wenn siedie einzige Frau in ganz Afrika wäre."