Ausgabe 
(27.11.1896) 98
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Was fürchten Sie denn?"

Ich sagte niemals, daß ich mich fürchte."

Sie sind aber entsetzich aufgeregt, Thomas. Nun,für Sie ist's nicht so schlimm, Sie haben konsequentDl'mengcsellschaft gemieden, bleiben Sie Ihrem Grund-sätze auch jetzt getreu und ziehen Sie sich zurück. Fürmich ist es viel schlimmer, ich soll für die Unterhaltungder Gouvernante ganz besonders sorgen."

Sie glaubte, Thomas würde ihre Worte belächeln,aber sein Antlitz war ernst, als er sagte:

Sie kennen sie nicht. Ich gäbe mit Freuden Tau-sende, wenn ich sie von Marydale fern halten könnte."

Sie fürchten doch nicht für Ihren Vater? O,Thomas, denken Sie das doch nicht; er kann ja nochimmer nicht den Schmerz über den Verlust seiner Gattinlindern."

Für meinen Vater fürchte ich nichts, aber dennochwürde ich kein Opfer scheuen, um Linda fern zu halten.Ich weiß, Sie hassen mich, Nosa, aber ich bitte Sie,einen guten Rath von mir anzunehmen."

Ich hasse Sie nicht. Welchen Rath geben Sie mir?"

Vermeiden Sie Linda'S Gegenwart so viel wiemöglich. Sie streut gern Eiftsaat aus sagen Sieihr kein Wort, was nicht die Spatzen auf den Dächernzwitschern dürfen."

Ich habe keine Geheimnisse, und wenn ich welchehätte, so würde ich sie Fremden nicht mittheilen", ver-sicherte Nosa.

(Schluß folgt.)

--S28SLS---

In der Vrrg- und Glrtschriivrlt der BernerHochnlM.")

Von Dr. Naimund Schäfer (Baben-Daden).(Wetterhorn. Eiger . Mönch. Jung-frau. Finsteraarhorn. Schreckhorn.)

Die Bergbahn hielt, und ich befand mich in Grindel-wald . Hans Brawand wurde mein Führer. Unberührtvon Europas übertünchter Höflichkeit, von stählernem Bau,kühnen Zügen, welche durch den langen, braunen Barteine gewisse Wildheit erhielten, schien er wie geschaffen,den Gefahren der Alpen zu trotzen und sie zu besiegen.Am Tage nach der Ankunft war ich mit ihm auf demWege zum Wctterhorn. Wir gingen in Gesellschaft desHerrn James Drummond und seiner beiden Führer. HerrDrummond trug einen Photographischen Apparat, den ermit bewundernswürdiger Zähigkeit in allerlei gefährlichenSituationen benutzte. An Punkten, wo es schon schwierigwar, ein freundliches Gesicht zu machen, verlangte er all-gemeine Pose. Auf unserem Wege zurGlccksteinhütte"hatten wir den Oberen Grindelwaldglctscher zu über-schreiten und viele abschüssige Felswände zu erklettern.Nach etwa sechsstündiger Wanderung erreichten wir dieHütte. Sie steht friedlich auf einem Vorsprung des Berges.Im Glänze des feurigen Strahlenmeercs, mit welchemdie Abendsonne uns und unsere herrliche Umgebung über-flutete, entwickelte sich nun jenes romantische Zigeuner-leben, welches einen so großen Reiz der Alpenwanderugbildet. Das Lager wurde hergerichtet, Feuer angezündet,Wasser herbeigeschleppt, der Proviant ausgepackt und ent-sprechend zubereitet.

Wir entnehmen diese anziehende Schilderung demFeuilleton derFrankfurter Zeitung ".

Als die Nacht hereinbrach, tauchten tief unten dieLichter Grindelwalds auf, und die Abendglocken sandtenihre Klänge empor. Um diese Zeit brannten wir zweiRaketen ab. Die eine hatte keine Lust, in die Höhe zusteigen; sie cxplodirte und vertheilte sich unparteiisch unterden Unterstehenden. Nachdem unsere Nerven sich wiederetwas beruhigt hatten, hüllten wir uns in Decken, legtenuns auf das Strohlager in der Hütte und schliefen bis3 Uhr Nachts. Aldann kochten wir schnell Kaffee undstiegen mit Laternen versehen in Nacht und Felsen hinein.Wir brauchten fünf Stunden, um den Gipfel zu erreichen.Er ist steil und mit Firn bedeckt. Zahlreiche Dohlenflatterten umher, und hoch über unsern Häuptern flogeneinige Naubvögel, welche die Führer für Adler hielten.Die Aussicht war großartig. Die zunächstlicgenden Gipfeldes Vordergrundes sind es im Wesentlichen, welche unsan der bald angepriesenen, bald angezweifelten Schönheitder Hochgipfelaussicht entzücken. Mit jeder Orts- undZeitveränderung wechseln die Berge Rahmen und Be-leuchtung, und jede Aussicht in den Alpen ist deshalb eineneue Aussicht. Aber die hunderterlei Ansichten, die einBerg gewähren kann, geben jeder Gipfelausstcht ihren be-sonderen Charakter. Um sich in dem Chaos der fern-liegenden Berge zurechtzufinden, bedarf man, abgesehenvon auffallenden Bergformen, einer genauen Kenntniß derAlpen. Derjenige, der hier Berge wiedersieht, auf welcheer vor Jahr und Tag seinen Fuß gesetzt hat, heftet seineAugen voller Freude auf die alten Bekannten in demgestaltenreichen Zug im Hintergründe des wundervollenBildes, dessen letzte Ausläufer sich in den Dünsten desHorizontes in matten Umrissen verlieren. Dort untenherrscht dumpfe Schwüle, hier athmet die Brust jenen un-vergleichlichen Aether, der den jungfräulichen Schnee derhöchsten Gipfel umfluthet. Der Abstieg vom Wetterhornbot nichts Bemerkenswerthes.

Am Tage nach der Wetterhornbesteigung fuhr ichmit Herrn' Drummond und einem Herrn Clayton mit derZahnradbahn nach der Wengern-Schcidegg, an den Fuß desEiger und der Jungfrau. Am darauffolgenden Tag be-stiegen wir den Eiger . Herr Drummond hatte seine altenFührer, und der andere Engländer hatte den bekanntenChr. Allmer, sowie den Führer Kauffmann aus Grindel-wald engagirt. Wegen deS starken Nebels kamen wirerst um 8 Uhr zum Abmarsch. Nach Ueberschretten einigerNasenhänge und Schutthalden erreichten wir die schroffenKalkkiippen des Eiger . Wir kletterten rastlos empor,bald auf scharfen Graten, bald an Abgründen entlang,welche losgelösten Felsblöcken freien Fall boten.

Um 2 Uhr Mittags standen wir auf dem Gipfel,und der Knall eines Salutschusses drang schwach anunser Ohr, ein Zeichen, daß wir von den Gästen deSHotels mit dem Fernrohr verfolgt worden waren. Derschmale, schisfskielförmige Gipfel deS Eiger vermochte unskaum zu fassen. Er ist stark vereist und von einerSchneewächte gekrönt. Stoßen wir ein Loch durchden Schnee zu unseren Füßen, so erblicken wir unteruns den zerklüfteten Vieschergletfcher, der etwa 1000Meter tiefer liegt. Rings umher befinden sich tod-bringende Abstürze, die sich von oben schlimmer aus-nehmen als von unten, und unwillkürlich Gedankenan das Jenseits erregen. Aber man empfindet daS Da-sein nie reizvoller, als wenn man Gefahr läuft, eS zuverlieren. Jeder gefahrlose Nnhepunkt erzeugt eine Artbeneidenswerter Neconvalescentenstimmung. In dieser