Ausgabe 
(27.11.1896) 98
Seite
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Gemüthsverfassung genießt man die Schönheit der Um-gebung doppelt. Dort, die in trotziger Kühnheit empor-ragende Fclsklippe des Schreckhorns dort, in einemMeer von Gletschern, die glänzenden Viescherhörner. Inunmittelbarer Nähe des Eiger erheben sich seine mächtigenGeschwister, der gewaltige Mönch und die blendende Jung-frau. Tief unter uns liegen die grünen Thäler mit denSilberadern der Bäche, und über uns wölbt sich der tief-dunkelblaue Himmel des Hochgebirges.

Wir verweilten etwa eine halbe Stunde auf demGipfel und traten hierauf den Abstieg an, der durch denherrschenden Steinfall etwas gefährdet war. Vom Wetterwurden wir begünstigt, die Sonne, welche sich dem Hori-zonte näherte, beleuchtete die Schneefelder, die wir be-traten, und die Wolken, die sich am Berge gelagert hatten,mit wunderbaren röthlichen Farben. Als die Sonne ver-schwunden war, trat Alpenglühen ein. Dieses Gebirgegewährte jetzt ein unheimliches, gewaltiges Schauspiel. Diefinsteren Felsmassen und die rothglühenden Eisfelder wurdenvon flammenden Nebclwogen umbrandet. Keinen Augen-blick blieb sich das phantastische Bild gleich, denn einSturm herrschte, der die Wolken zerriß, sie am Bergeemporjagte und jedes lose Tuch, jedes Papier blitzschnellin den Ocean der Lüfte entführte. Leider war es unswegen der späten Stunde nicht vergönnt, der landschaft-lichen Herrlichkeit längere Zeit zu widmen, da wir un-aufhaltsam abwärts eilen mußten. Bei unserm Er-scheinen im Hotel empfing uns seitens der Gäste der echtenglische Sports-Enthusiasmus. Den Comfort und dieAnnehmlichkeiten eines modernen Hotels empfindet mannach einer solchen Strapazen verzehnfacht.

Uebrigens hielt diese epikureische Stimmung nur biszum folgenden Tage an, denn ich schmiedete an dem-selben, in Gemeinschaft mit Herrn Drummond, den Planzu einer neuen, sechstägigcn Wanderung, die uns auf dieGipfel von Mönch, Jungfrau, Finsteraarhorn und Schreck-horn führen sollte. Wir wollten Jeder getrennt gehen,aber wegen der gegenwärtigen Vereinsamung der Berge(es war Ende September) womöglich am gleichen Tagedas Gleiche unternehmen. Da wir 45 Tage lang jedermenschlichen Behausung fern blieben, so mußte der Proviantund das Brennholz für diese Zeit ausreichen und bildetenin Folge dessen eine gewaltige Traglast, die jedoch vonTag zu Tag abnahm.

Nach Erledigung all' der Kleinigkeiten, die nichtvergessen werden durften, brachen wir am zweiten Tagenach der Eiger -Besteignng Morgens um 7 Uhr auf undmarschirten 9 Stunden bis zur Berglihütte des SchweizerAlpenclubS (3299 m) am Grindelwald -Vieschergletscher,in der wir vor Besteigung von Mönch und Jungfrauübernachten wollten. Oberhalb desEismeeres" undderKalli", einer Wand. die uns manchen Schweiß-tropfen kostete, hielten wir die erste Nast, denn dieFührer hatten hier unter einem Geröllhaufen eine Thee-maschine aufbewahrt, welche wir mit großer Genug-thuung benutzten. Von hier aus konnten wir bereitsdie Berghütte erblicken. Dieses Unikum steht mitten in demwilden Viescherglctscher auf einem Felsen, der von denungeheuren Eismassen verschlungen zu werden droht. Nebendem Gebäude ist auf dem Felsen kein Platz mehr, ob-gleich dasselbe nur dreimal so geräumig ist, als eineHnndöhütte. Es ist aber viel einfacher konstruirt. Näm-lich aus einer Felswand, zwei Reihen aufgeschichteterSteine und einem Dache. In der Hütte befindet sich

eine Anzahl Decken und ein kleiner eiserner Ofen, dessenNohr quer durch den Raum geführt ist, um Wärme zusparen und offenbar auch um Rauch zu erzeugen. Obich mich außerhalb oder in der Hütte aufhielt ichfror und hustete abwechselnd; außen nahm die Wlte,innen der Rauch zu. Wir schmolzen Gletschereis, umGrog und Suppe bereiten zu können. Mit dem Ein-bruch der Dämmerung verstummte in der überwältigendenGletscherwelt, die uns umgab, jedes Geräusch; das Rauschender Schmelzwasscrbäche, der Donner der Lawinen wich einerunendlichen Ruhe. Wir legten uns bald auf's Ohr undversuchten die wenigen Stunden, die uns bis Ein Uhr,unsere Aufbruchszeit, blieben, zu ruhen, denn einer derFührer hielt uns durch Schnarchen, Ränspern und Niesenso munter, daß ich Gott dankte, als ich im Freien stand.Der frostige Nachtwind verscheuchte bald alle unangenehmenSymptome einer durchwachten Nacht, und wir fühltenuns frisch und fröhlich, als wir über das bequeme Mönchs-joch an die Felsen des Mönch wanderten. Nach einigenStunden standen wir auf den Schnee- und Eishängen,welche den steilen Gipfelkamm des Mönch bedecken. Kälteund Sturm leisteten hier Beträchtliches, um uns zur Um-kehr zu bewegen; man fror wie ein Nordpolfahrcr, derseinen Pelz versetzt hat. Bei jedem Windstoß mußte mansich mit dem Pickel verankern, sonst verlor man das Gleich-gewicht, nnd am Gespräch war man durch Zähneklappernverhindert.

Endlich 7 Uhr Morgens, waren wir auf der Spitze.Der Wind brauste hier mit aller Macht, der von unsernFußtritten gelockerte Firnschnee wurde in die Luft geblasen,und der Aufenthalt war ganz unerträglich. Es kostetemich einige Ueberwindung, mit einem Halstuch eine Fahnezu improvisiern, die von der Wengern-Scheidegg, welchetief zu unsern Füßen lag, gesehen werden konnte. Vondort mochte der breite Gipfel des Mönch in der Morgen-beleuchtung so rosig als möglich aussehen für unswar jedoch jeder Naturgenuß unmöglich, und wir kehrtenzurück, um an diesem Tage noch den Gipfel der Jung-frau zu erreichen.

Um zu diesem Berge zu gelangen, überschritten wirvom Fuße des Mönch aus die ungeheuren, grcllbels chtetcnFirnfelder des Notthales, in welchem der Sage nach dieHerren vom Rotthal" Nachts ihren Spuk treiben, wennder Sturm an den rostbraunen Felskllppcn heult undschüttelt. Mühsam erklommen wir hierauf das steileSchneefeld unterhalb des ersten Bergschrundcs der Jung-frau und überlegten uns, wie wir auf die andere Seitedes SchrundeS kommen sollten. Die Merkmale einesBergschrundeS, die starke Neigung der Eisfläche und dievertikal gegen einander verschobenen Ränder der Kluft,waren im vorliegenden Falle besonders ausgeprägt. Abertrotz der ungünstigen Verhältnisse konnte die entferntere,überhängende EiSwand von meinem Führer erklettertwerden. Hans schlug sich, nur durch das Seil gesichert,tiefe Löcher für Hand und Fuß in das Eis, wobei dieBruchstücke mit unheimlichem Geräusch auf den Grundder Spalte sausten, schmiegte sich dicht an die Wand nndstemmte sich daran empor. Oben angelangt trieb er denPickel tief in die Firndccke, schlang das Sei! darum undforderte mich auf nachzukommen. Dies war Kinderspielgegen seine Arbeit, zumal ich mich hierbei, zu meine: an-genehmen Zerstreuung, von Herrn Drummond Photo-graphirt fühlte.

Als wir um 2 Uhr auf der Spitze der herrlichen.