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vielbesungenen Jungfrau eintrafen, war die Luft so klarund mild, daß wir längere Zeit oben blieben. Wiederlagen die gesummten Alpen, vom Montblanc bis zumGroßglockner , zu unseren Füßen, diesmal nicht so düsterwie vor 7 Stunden, sondern in warmem, sonnigem Glanz.Die Fels- und Schneehänge grell in dem Kontrast vonSchwarz und Weiß, die Häupter blendend in der Ueber-fülle des Lichts, Alles überstrahlend die Jungfrau. IhrGipst! war zum Theil fast schneefrei, er fällt nach Südenzu schräg, nach Norden zu sehr steil ab und besteht ausGneis.
Der Abstieg regte uns nur an den Bcrgschründenetwas auf, da die eingehauenen Stufen inzwischen zer-schmolzen waren. Beim unteren Schrunde zogen wir esvor, einfach über die Kluft hinweg auf den Firnschneehinabzuspringcn. Nun marschirten wir den riesigen Aletsch-gletscher hinab und erreichten so gegen 7 Uhr Abends die„Concordia-Hütte", nachdem wir im Ganzen 20 Stundenunterwegs gewesen. Diese Hütte ist weder sauber nochschön, aber sie befindet sich in einer erhabenen Gebirgs-landschaft, und man muß ihr deshalb diese Fehler ver-zeihen. Während wir bei der Suppe saßen, wurden wir durchdie Ankunft von Gcmsjägern überrascht. Diese Leute, dreiwilde verwetierte Gestalten, gedachten ebenfalls in der Hüttezu übernachten, sie luden ihre Beute ab, eine Gemse undein Murmelthier. Die armen Kerle hatten außer einemStück Brod nur einen Brocken gedörrtes Schaffleisch beisich. Dasselbe besaß die Härte, den Geschmack und dasAussehen des Mahagoniholzes, und ich habe mir davonmühsam mit dem Messer ein Stück abgesägt. Genüg-samere Gesellen, als diese drei Jäger, sah ich selten; inder Nacht legten sie sich, der größeren Wärme wegen, ineinen Knäuel zusammen und bedeckten sich mit einer ge-meinsamen Decke.
Für den kommenden Tag hatten wir uns vorge-nommen, das Finsteraarhorn kennen zu lernen. DieGemsjäger behaupteten, es gäbe schlechtes Wetter, undwir verzögerten deshalb unsern Abmarsch bis 5 UhrMorgens. Als sich jedoch um diese Zeit ihre Prophe-zeiung nicht zu erfüllen schien, nahmen wir Abs r ied undstiegen zunächst über eine» Paß, die Grünhornlücke, umin das Gefilde deS Berges zu gelangen. Beim Abstiegvon der Paßhöhe sahen wir das Finsteraarhorn bereits inseiner ganzen dämonischen Wildheit vor uns liegen, undnach einer Stunde standen wir an den Felsen, die zuseinen Eishängcn am „Hugisattel" cmporführen. Einekurze Rast in einem Felskamin machte uns wegen deskalten Windes wenig Freude, und ebenso erschienen unsdie steilen Schneefelder, die das Gletschereis gefährlichbedeckten, recht unangenehm. Wären wir nicht hierher-gekommen, um etwas überflüssige Energie auf gute ArtloS zu werden, so wären wir vielleicht wieder umgekehrt.Aber beim Marsche über die endlosen Schneefclder ent-fernte sich der Geist bald von der rauhen Wirkichkeit, unduran erblickte in Gedanken irgend eine angenehme FataMorgaua,z. B. ein glänzend erleuchtetes elegantes Cafö mitanatomisch gebauten Divans und dem spezifischen Geruchs-potpourri von Cigarettcn, Parfums und Getränken. MeinFührer Hans war schlechter Laune; seine Cognacflaschewar beim Rutschen über eine Schneebrücke zerbrochen.Als wir den „Hugisattel" erreicht hatten, kehrte bei derheftigen Kletterei, die nun folgte, aller Wagemuth zurück,und Punkt zwölf Uhr standen wir auf der Spitze deshöchsten Gipfels der Berner Alp:n, des Finsteraarhorns.
Der Tag war wundervoll, und wir legten uns ver-gnügt in die Mittagssonne der Windschattenseite auf dasschöne Diorit-Gneisgestein, welches den Gipfel bildet. DerAbstieg nach der Grimsel zu, den wir sehr bald antretenmußten, um wenigstens nicht auf den Gletschern von derNacht überrascht zu werden, verlief nicht ohne Zwischcn-fälle. An der Gamsilücke, einem kleinen Paß, entgingenwir knapp einem Steinfall. An brennendem Durst leidend,erstiegen wir das Obcraarjoch, einen zweiten Paß, undschritten den Oberaargletscher seiner ganzen Länge nachhinab. Wir rasteten kurze Zeit auf demselben, kochtenThee und zehrten den letzten, traurigen Rest unseresProviantes auf.
Die Landschaft war auf der ganzen Strecke vonhochalpiner, imposanter Schönheit; häufig boten sich ent-zückende Fernblicke auf die Berge der Monte Nosa-Grnpprdar. Beim Sonnenuntergang warfen die Bergspitzenlange Schatten über die erbleichenden Eisflächen, derenKlüfte eine eisige Luft aushauchten. Da uns allen dieStrecke, die uns von der Grimsel noch trennte, unbe-kannt war, so zündeten wir nach Verlassen des Gletschersdie Laternen an, um einen Pfad zu finden, falls einsolcher da war. Unten, in der finsteren Schlucht, hörtenwir das Brausen der Aar, und zu beiden Seiten erhobensich die Bergwände des ehemaligen Glctscherbettcs. Ver-gebens suchten wir auf den schroffen Wänden den richtigenWeg, wir geriethen bald auf glatte Felsabstürze, baldblieben wir im hohen, nassen Gras und im Dickicht desUnterwaldes stecken. Wir waren von der Aussicht, untereinem Felsen übernachten zu müssen, keineswegs erbaut.Da sah Hans unter uns den heiß ersehnten Pfad! ZweiStunden, die letzten einer lOstündigen, fast ununter-brochenen Wanderung, trennten uns noch vom Grimsel-hospiz, in dem wir um Mitternacht eintrafen. Endlich— und zwar schon nach fünf Minuten — schliefen wirwieder in einem ordentlichen Bett.
Um die Mittagszeit sagten wir dem Hospiz Lebe-wohl und wanderten zur „Dollfußhütte", der reinlichstenund zweckmäßigsten Clubhütte, die ich je kennen gelernthabe — um hier zur Besteigung der Strahlegg und deSSchreckhorns zu übernachten. Ein Uhr Nachts warenwir wieder unterwegs. Erst nach vierstündiger Wanderungüber den Unteraar-Gletscher wurde es hell, und nach demAufstieg zur Strahlegg lagerten wir uns auf der Paß-höhe zum Frühstück. Wir schwenkten alsdann nach rechts,zum Schreckhorn-Gletscher, der mit geringeni Gefälle gegenden gewaltigen Felsgrat deS Schreckhorns hin ansteigt.Der Gletscher zeigt nur wenige, aber riesenhafte Spalten,welche prächtige Profile durch den Gletscher boten.
^ Die Felsen der südwestlichen Flanke des Groß-Schreckhorns wurden durch eine zweistündige Klettereiüberwunden, und wir erreichten so die tiefste Einsattelungdes Grates, an der wir Halt machten und die bevor-stehenden Dinge, eine sehr steile EiSwand und den scharfenFelsgrat, kritisch betrachteten. Hans nannte die Eiswandfrivol das „Elliotzwängli", als diejenige Stelle, wo derBergsteiger Elliot ausgeglitteu und ausgelitten. Diespiegelblanke Wand, die sich über 1000 Fuß an derBergfeste in die Tiefe erstreckt, sah fürchterlich genug aus.Als wir dieselbe hinter uns hatten, — Hans nach langer,harter Arbeit mit dem Pickel, und die Urbrigen nachstarker Nervenanspannung in der körperlich und geistigangreifenden Situation —, athmeten wir Alle auf. Wirkamen vom Regen in die Traufe, aber es war doch Ab-