Ausgabe 
(27.11.1896) 98
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wechslung. Um sich vom Kommenden, dem Gipfclkamm, ^ein Bild zu machen, stelle man sich eine hohe, schmale,durch den Zahn der Zeit baufällig gewordene Mauervor, auf der man aufrecht gehen soll. Näher dem Gipfelging es besser, und das Bild war weniger aben-teuerlich die Füße der Vorangehenden waren nichtmehr hoch über den Köpfen der Nachfolgenden.

Es war ein herrlicher Augenblick, als wir den welt-entrückten Gipfel betraten, ein Augenblick, der sich tiefin meine Seele eingrub. Nicht blos das starke Gefühlder Befriedigung war die Ursache hiervon, sondern daslebhafte Bewußtsein eines erhabenen, seltenen Genusses.Zum letzten Male sahen wir auf dieser Wanderung voneiner himmelstürmenden Spitze aus weit über die Alpen hin und ließen unsere Blicke über die stolzen, kalten Bergeschweifen. Nur der Gedanke an den Abstieg erschien unSwenig heiter. Wir sollten wirklich die Gefährlichkeit desBergeS, die seinen Namen rechtfertigt, erst auf dem Rück-weg kennen lernen.

Nach Verlassen des Gipfels, dessen grünlicher Gneiszahlreiche Blitzspnren ausweist, waren wir fortwährend aufdem(Zu vive". Bis zum Sattel ging Alles gut, diesteile Mauer balancirten wir kühnlich hinab, und mitgrößter Vorsicht stiegen wir dasElliotzwängli" hinunter.Wir gelangten wieder glücklich auf die Felsen des Grates undder Flanke und kletterten zum Schrcckhorngletscher hinab.Hierbei wurden wir durch Steinfälle äußerst gefährdet.War es beim Aufstieg hier noch ganz harmlos gewesenin dieser Hinsicht, so pfiffen jetzt unaufhörlich Steine anuns vorüber, bald einzelne, bald ein förmlicher Regen.Sie besaßen Faust- bis Kopfgröße. Weder Fatalismus,noch Stoizismus nützten etwas, wir entwickelten eine hals-brechende Schnelligkeit. Am Bergschrund, wo der Stein-fall am lebhaftesten war, glitt Hans in Folge der Hastaus. Merkwürdigerweise fiel er nicht in den Schrundhinein, sondern darüber hinweg, dorthin, wo ich schonstand. Als wir in Sicherheit waren, ruhten wir im Schatteneines großen Eisblockes aus, denn die Firnfelder glühten imSonnenglanz. Gemeinschaftlich mit Herrn Drummond'sKarawane, die von jedem Unfall verschont blieb, stiegenwir nun eine Schlucht hinab, deren Boden mit Gletscher-eis bedeckt war. Dies war die unangenehmste Kletteretdes ganzen Tages. Herr Drummond verlor seinen Pickel,er flog in kühnen Sprüngen abwärts und entschwand ineiner Eisspalte.

Lange waren wir schon abwärts geklettert» als dasFelsband, das wir benutzten, plötzlich ein Ende nahmund der Bach, der uns bisher begleitet hatte, als Wasser-fall zum Gletscher hinabstürzte. Nach kurzer Nathlosig-keit ließ ich mich von Hans an das Ende eines 20 Meterlangen Seiles binden und wurde von ihm über den Fels-vorsprung auf den Gletscher hinabgelassen. Bei dieserGelegenheit kletterte ich so lange, als es anging, dannkam der unvermeidliche Ruck, durch welchen mein Lebenan ein Seil gehängt wurde und ich, von Hans alleingehalten, immer tiefer sank. Hinunter hatte ich nochnicht gesehen; ich bemerkte nun zu meiner Ueberraschung,daß unter mir kein Kletscherboden kam, sondern einemehrere Meter breite Kluft zwischen Eis und Felswand.Das Seil reichte gerade bis zum Niveau des Gletschers,und es glückte mir durch Hin- und Herschwingen denselbenzu erreichen. Hans ließ nun auf die gleiche Weise HerrnDrummond und seine beiden Führer hinab, und er selbst im Nothfall hätte er das Seil oben festgebunden und i

geopfert kletterte an einer seitlich gelegenen, leichterenStelle herab, auf welche er von uns aufmerksam gewachtwurde. Und hierauf holte der Unermüdliche den Pickeldes Herrn Drummond aus der Spalte hervor. Da dieNacht hereinbrach, liefen wir in thunlichster Eile denGletscher hinab. Kaum waren wir etwa 10 Minutenentfernt, so erscholl plötzlich ein gewaltiges Donnern, undwir gewahrten, rückwärtsblickend, wie sich unmittelbarüber unserer Abscilstelle ein Stück des Schreckhorn-Gletschers, der hier in starker Särac-Bildung begriffenist, loslöste und in die Schlucht stürzte. Einige Blöckekamen bis zu uns herangerc-llt, an unsern Gefährten vor-bei, die sich verloren glaubten und einander, durch daSSeil verbunden, stark hin- und herzerrten. Unsere Ab-seilstelle sah jetzt ganz anders aus und war durch einegigantische Schutthalde von Eisblöcken ganz leicht gang-bar geworden. Wir hatten Alle genug vom Schreckhorn.In der Schwarzegg-Hütte rasteten wir einige Minuten, ver-sahen das Fremdenbuch mit einer Notiz und versuchtenuns an den Gedanken eines weiteren, fünfstündigenMarsches zu gewöhnen. Der Weg, der zahlreiche steileLeitern und Kletterstellen ausweist, ist an sich schon einetüchtige Tour.

Daß wir sehr müde waren, brauche ich nicht zu er»wähnen; sobald wir uns niedersetzten, schliefen wir ein.Wir waren glücklich, als wir die Lichter von Grindel-wald schimmern sahen. Es schlug Zwölf, als wir imDorfe eintrafen. Am Morgen stand ich frühzeitig auf undwar Abends in Luzern .

Es ist wunderbar, wie man durch aufregende Er-lebnisse das Dasein stärker und tiefer empfindet. WieeS Tage gibt, die eindrucksarm an uns vorüberziehen,gibt eS auch solche, die den Inhalt von Wochen an Ge-dachtem und Erlebtem in sich bergen und wieder die Fülle ihresErinnerungsbildes das Leben länger erscheinen lassen,während sie es in Wirklichkeit eher verkürzt haben mögen.Solche Tage erlebt man aber nur im Kampfe, in diesemFalle mit der wilden Gebirgswelt und deshalb schonist der Kampf an sich das Erstrebenswerthe, ganz abge-sehen von der ästhetischen Bedeutung und der ethischenWirkung des mit ihm verbundenen Naturgenusses. ImHochgebirge lernt die Persönlichkeit eine harmonischeMacht über sich selbst behaupten und erhebt sich damitüber den Wechsel der irdischen Dinge. Der Muthschlügt den Schwindel todt an Abgründen und wostünde der Mensch nicht an Abgründen?

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Sand- und Lichtbäder.

Schon seit langer Zeit kennt man auf Jschia,an den Küst.'N des mittelländischen Meeres, ferner inNordcrney, in Travemünde und an den Gestaden derOstsee die Anwendung von durch die Sonne erwärmtenSandbädern. In der Bretagne , besonders in der Um-gebung von Anray, sind die Saudbädcr bei den Bauernallgemein üblich, indem man die an Rheumatismus ,Podagra , Rachitis und ähnlichen Krankheiten Leidendenin warmen Sand steckt. Der Arzt M. Suchend hatähnliche Bcrsnchc an den llfcrn der Rhone angestellt.Aber der von der Sonne erhitzte Sand halte ungenügendeund veränderliche Temperatur. Seit 1865 erwärmt:man in Deutschland den Sand künstlich; der DoctorFlcmming in Dresden und der Doctor Sturm in Kostritz erzielten die ersten Erfolge.