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1896 .
„Nugsburger Postzritung".
Viustag, den 1. Dezember
Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von HaaS L Grabderr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Mar Huttler).
Advent.
Umtost von kalten Lüften,
Den Fuß auf Blumengrüften —
Eilt still ein Pilger hin.
Die Lande um ihn schweigen,
Die grauen Nebel steigen,
Die Wolken dunkel zieh'n.
Die Zeiten gingen schnelle,
Er war nur eine WelleIm wetten Ocean.
Sein Glück hat er begraben,
Und auch die Menschen habenIhr Theil dazu gethan.
Sie sagten: Warten, warten,
Bis auch in Deinem GartenDie Düfte milder weh'n.
Er hat in Tag und JahrenDas alte Lied erfahren,
Die Sehnsucht blieb besteh'n.
Sein Herz hat laut gestöhnetNach einem, der's versöhnetUnd ihm den Kelch versüßt.
Da sah er ein Gesichte:
Es hat der Herr voll LichteSein müdes Haupt geküßt.
Im fremden Wandel
Erzählung von C. Borges.
(Schluß.)
VI.
„Diese hier ist meine liebe, kleine Nichte undAdoptivtochter — Rosalie von Bornfeld."
Mit diesen Worten stellte Herr Lambrecht seinenLiebling vor, als die ganze Familie Davidsohn, dieEltern, sieben Kinder, von zwölf Jahren an abwärtssteigend, und die Gouvernante dem großen, schwerfälligenOmnibus entstiegen. Rosalie fühlte die großen, stechen-den Augen der Erzieherin durchbohrend auf sich gerichtet,
als sie die freundliche Begrüßung der Eltern und derkleinen Schaar herzlich erwiderte.
„Fräulein River freut sich auf diesen Besuch nichtweniger wie wir", versicherte die Mutter mit gönner-haftem Lächeln. „Das Leben auf unserer Farm bietetwenig Abwechselung, es ist sehr einsam, besonders wennman an die Zerstreuungen des Stadtlebens gewohnt war."
Die Gäste waren in ihren Gemächern, um sich vonden Strapazen der mühsamen Reise zu erholen.
Rosa saß allein in ihrem Zimmer, als nach einemleisen Pochen an der Thür Thomas zu ihr eintrat.
„Nun?"
„Was wünschen Sie?"
„Einige Informationen. Sehen Sie nur nicht soüberrascht drein; ich weiß, daß sie da sind. Was denkenSie von ihnen?"
„Frau Davidsohn scheint eine prächtige Dame, auchihr Gatte gefällt mir gut. Die Kinder sind süße, kleineGeschöpfe."
„Zugegeben. Die Mutter ist kaum zweiunddreißigJahre trotz ihrer kleinen Heerde."
„Sie sieht älter aus."
„Die Frauen altern schnell hier in diesem heißenKlima. Was haben Sie weiter zu sagen?"
„O, ich weiß wohl, was Sie wissen wollen. Ichhabe Linda River gesehen und finde sie sehr schön.Frau Davidsohn sagte, sie habe sich auf diesen Besuchsehr gefreut, und sie hofft, wir sollen Freundschaft schließen,da sie mit mir im gleichen Alter steht."
„Sie ist achtundzwanzig Jahre", verbesserte Thomas.
„Mag sein, aber sie gefällt mir nicht."
„Das freut mich."
Dann fuhr er nach einer kleinen Pause fort:
„Sie kennt Ihre Tante und Ihre Cousinen."
„Wirklich?" Rosa's Stimme klang ganz ungläubig.„Wie ist das möglich? Meine Tante war niemals inAfrika ."
„Nein, aber Fräulein River war ein ganzes Jahrlang in Deutschland und hat dort mit Ihren Verwandtenenge Freundschaft geschlossen. Sie hat sämmtliche Photo-graphien und steht bis jetzt noch mit ihnen in regerKorrespondenz."
„Die ganze Familie haßt mich", sagte Rosalie traurig,„aber glauben Sie, daß Ihr Vater mich fortsenden würde,selbst wenn meine Tante etwas Nachteiliges von miran Linda River geschrieben hätte?"