Ausgabe 
(1.12.1896) 99
Seite
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Mein Vater wird Sie niemals fortsenden", be-ruhigte er,aber Linda wird sich bemühen, Ihr Lebens-glück zu zerstören, darum wünsche ich so sehr, sie wäreniemals gekommen."

Es war am Tage vor Weihnachten . Die anderenGäste waren noch nicht erschienen; sie wohnten in derStadt und wurden erst für den folgenden Tag erwartet.Aber die Davidsohn's, Groß und Klein, wachten schoneine bedeutende Gesellschaft aus, und das Antlitz desalten Herrn strahlte vor Freude, als er den Kreis seinerfröhlichen Gäste anschaute.

Sein Sohn und Erbe war weniger erfreut. DerZufall hatte es gewollt, daß er beim Mittagsmahl seinenPlatz an Linda's Seite fand; er hoffte nur, daß sie indiesem großen Kreise keinen Versuch machen würde, aufalte, längst vergangene Zeiten zurückzukommen.

Er hatte sich getäuscht. Bei dem heiteren Geplauderder Kinder hoffte sie, nur von ihm verstanden zu werden,denn ihre ersten Worte lauteten:

Vor drei Jahren hatte ich nicht gedacht, als IhrGast die Schwelle Ihres Hauses zu betreten."

Die Anspielung war deutlich genug, doch Thomaswar derselben vollkommen gewachsen.

Als meines Vaters Gast", verbesserte er mit dergrößten Ruhe.Fürchten Sie nichts, Fräulein River,er hat von dieser kleinen Episode in unserem Leben keineAhnung."

Haben Sie die Zeit vergessen?"

Nein", er sah ihr fest in die Augen,es gibtAugenblicke im Leben, die ein Mann nie vergessen kann.Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung ist, so seien Sieversichert, daß ich Ihnen vergeben habe."

Linda River war schlau und listig, obgleich sie durcheigene Schuld so früh in ihrem Leben Schiffbruch er-litten hatte. Sie wußte, daß sie keine Hoffnung aufden Besitz des Namens dieses reichen Kaufherrn hegendürfe, und sie ahnte, daß sein Herz einer Anderen ge-höre, aber wer war ihre Nebenbuhlerin?

Ehe die Tage des Weihnachtsfestes vorüber waren,wußte sie mehr, als sie in den wenigen Tagen zu er-fahren gehofft hatte. Ohne Thomas' Wissen hatte sieein Gespräch belauscht, welches er mit Frau Davtdsohnführte, und von dieser Stunde an waren ihre Augengeöffnet. Die alte Dame hatte ihre Freude über Rosa'sliebliche und anmuthsvolle Erscheinung offen ausgesprochenund den Entschluß des Herrn Lambrecht sehr gelobt, eineTochter zu adoptiren.

Natürlich ist er reich genug, ein halbes DutzendTöchter zu adoptiren", schloß sie ihre lange Rede,aberviele Söhne würden es nicht gerne sehen, ihre Rechte ge-schmälert zu finden." Der junge Mann lächelte.

Ich gönne ihr gern einen Platz im Herzen meinesVaters, aus dem sie mich niemals verdrängen wird",versetzte er sorglos.Es war das Beste, was er je inseinem Leben gethan hat, als er sie zu sich in sein Hausnahm. Sie erhellt unser Leben wie das Sonnenlicht,und ein Jeder, der sie kennt, muß sie lieben."

Linda hörte diese Worte, und sie biß die Zähne auf-einander in ohnmächtiger Wuth.

Er soll sie niemals heirathen, niemals!" knirschtesie.Diese kleine Person, die von der ganzen FamilieBornfeld so verachtet wurde, soll meine Nebenbuhlerinnicht sein, ich will ihren Plan schon kreuzen, so listig erauch angelegt ist."

Georgine von Bornfeld hatte vergeblich auf dasGlück gewartet, die Gattin des reichen Gutsbesitzers Wil-mer zu werden. Als dieser sich aber mit einer anderenDame verlobte, kannte ihr Zorn keine Grenzen mehr;sie gab Rosalie allein die Schuld und wollte sich an ihrrächen, trotzdem das Weltmeer zwischen ihnen lag.

Da gedachte sie ihrer früheren Freundin LindaRiver. Natal und Marydale lagen zwar weit von ein-ander getrennt, aber ihre Kenntnisse in der Geographiewaren sehr allgemein, und sie dachte, daß die EinwohnerAfrikas schon Gelegenheit finden würden, sich zu treffen.Darum schilderte sie das Benehmen und den Charakterder entfernten Verwandten in den grellsten Farben undlegte ihr hauptsächlich zur Last, alle hetrathsfähtgen jungenHerren aus dem Hause zu vertreiben.

Ich halte es für meine Pflicht, Dir über denCharakter dieser Heuchlerin die Augen zu öffnen", schloßsie ihren ausführlichen Bericht,denn Du wirst gewißGelegenheit haben, sie zu sehen, und ich warne Dich,denn es wäre mir sehr schmerzlich, wenn Du oder DeineGeschwister durch ihre Falschheit und Koketterie unglück-lich gemacht würden. Rosalie versteht es, durch Trugund List die jungen Herren an sich zu fesseln und machtsich kein Gewissen daraus, das Lebensglück Anderer zuzerstören, wie sie es auch bei mir gethan hat."

Linda River hatte die Zeilen ihrer ehemaligenFreundin kaum beachtet, aber jetzt kreuzte Rosalie ihrenWeg sie entsann sich jedes Wortes des Briefes undwollte ihren Vortheil daraus ziehen.

Das Wethnachtsfest war vorüber. Dr. Mannershatte die Gäste seines Freundes nach dem Waldhof ein-geladen, dazu auch viele Bekannte aus Marydale. Aufdiesen Abend setzte Linda ihre größte Hoffnung.

Sie erschien in einem einfach eleganten Spitzenkleide,das rabenschwarze Haar mit zierlichem Vergißmeinnichtgeschmückt, kleine Sträußchen derselben Blumen befestigtesie am Hals und am Gürtel. Frau Davtdsohn, die gernihre Gouvernante an diesem Vergnügen Theil nehmenließ und deshalb bei ihren Kindern daheim blieb, schautesie wohlwollend an und prophezeite ihr, daß sie dieSchönste aller Schönen auf dieser Festlichkeit sein werde.

Doch Thomas, an den diese Worte besonders ge-richtet waren, achtete weder darauf, noch antwortete er;seine Augen hingen an der zarten, elfenhaften Gestalt,die jetzt die Treppe herab kam. Es schien ihm, daßRosalie in ihrem schlichten weißen Kleide mit dunkel-rothen Rosen die Königin des Festes sein würde.

Es herrschte eine drückende Schwüle in den festlichgeschmückten Räumen des Arztes, viele Gäste zerstreutensich im Garten, um unter den hohen, schattigen Palmenund Kokosnußbäumen erfrischende Kühlung zu suchen.

Auch Thomas Lambrecht schritt hinaus. Er kannteeine versteckte Nasenbank, die ihn zur Ruhe einlud, aberplötzlich hörte er eine nur zu bekannte Stimme, dielaut und vernehmlich, daß viele Umstehende es hörenkonnten, sagte:

Ich kann es Ihnen versichern, es ist die volleWahrheit. Die ganze Familie von Bornfeld ist mir sehrbefreundet, und die älteste Tochter Georgine hat es mirausführlich geschrieben, um mich gegen diese Heuchlerinzu warnen."

Aber das müßte Herr Lambrecht doch wissen! Ichhoffe bestimmt, Sie irren sich, Fräulein River, denn wirAlle haben die kleine Rosalie sehr lieb gewonnen."