„Ich wünschte selbst, es wäre ein Irrthum, liebeFrau Parker", fuhr Linda herzlos fort, „aber es istgar nicht daran zu zweifeln. Um vollständige Sicherheitzu haben, fragte ich gestern, ob sie die Nichte der Fa-milie von Bornfeld in B. sei, und sie sagte ja. Dieguten Leute haben oft versucht, ihr eine Stellung zuverschaffen, aber überall wurde sie schon nach wenigenWochen wegen ihrer Heuchelei und Falschheit aus demHause gejagt. Dann hat die Tante sie selbst in ihrHaus aufgenommen und sich bemüht, sie zu bessern,aber sie wollte ihre Fehler nicht ablegen. Durch herz-lose Koketterie suchte sie wie eine Schlange junge Herrenin ihre Netze zu ziehen, sogar den Bräutigam ihrerCousine hat sie durch List und Bosheit aus, dem 'Hausevertrieben. Sie — —
„ Still,still" unterbrachFrau Parker, „ich kann'snicht glauben."
„Aber es ist so",be-harrte Linda eifrig. „Sieist eine vollendete Heuch-lerin, und wie ich höre,treibt sie hier dasselbeSpiel wie in ihrer altenHeimath."
Sie war zu weit ge-gangen; mitzornsprühen-den Augen stand Thomasplötzlich vor der kleinenGruppe.
„Sie kennen mich seitmeiner Kindheit, FrauParker", sagte er mit vorErregung bebenderStimme, „und Sie wer-den mir doch das Zeug-niß gehen, daß ich dievolle Wahrheit spreche.
Ich bitte daher, kein Wortvon dem zu glauben, wasSie soeben gehört haben."
Frau Parker schauteverlegen zu Boden.
„Wirklich, Herr Lam-
brecht, ich wußte-",
stammelte sie, verwirrtund hielt inne.
„Sie werden ^diesemGeschwätz keinen Glaubenschenken", fuhr er erregt fort, „aber Andere, die dieseWorte gehört haben, könnten es thun, und heute möchteich gern ein für alle Mal diese Angelegenheit erledigen.Nosalie ist eine chrenwerthe Dame von untadelhaftcmCharakter, die aber im Hause ihrer Verwandten unter-drückt und wie eine Sklavin behandelt wurde. Für daskärgliche Brod, das ihr kaum genügend gereickt wurde,hat sie wie eine Magd gearbeitet, und ihr einziger Fehlerist, daß sie sich dieser empörend schlechten Behandlungnicht energisch widersetzte."
Er hielt inne. Seine Worte hatten auf die An-wesenden einen sichtlichen Eindruck gemacht.
„Georgine von Bornfeld hat es mir aber selbst ge-chrieben", beharrte Linda River. „Sie sagte, Rosalieei eine heuchlerische Kokette, die nur darnach strebe,
junge Herren an sich zu fesseln." Thomas lächelte über-legen; er beachtete die Worte der Sprecherin nicht undfuhr zu Frau Parker gewendet fort:
„Wie sehr muß sich doch Fräulein Nosalie in denwenigen Monaten ihres Hierseins geändert haben! DenkenSie nur, mein Vater hat nicht wehr und nicht wenigerals sechs Herren abweisen müssen, die um ihre Handanhielten; und als vor einiger Zeit wieder einer kam,der sie als Gattin begehrte, bat sie meinen Vater, ihrnichts mehr davon zu sagen, da sie fest entschlossen sei,bei ihm zu bleiben."
„Vielleicht hatte sie guten Grund dazu", höhnteLinda, „es sind ja zwei reiche Herren im Hause, undsie wird wohl wissen, wem sie den Vorzug geben soll."
Jetzt erschien Frau Parkers Tochter. Es war Allen
eine Erleichterung, daßsie Ltnda's Arm nahmund sie der kleinen Gruppeentführte, um sie einemFreunde vorzustellen.
„Warum haßtsieFräu-lein Rosalie so sehr?"fragte Frau Parker imFlüstertöne.
„Ich weiß nicht; esmüßte denn sein, daß alleschlechte Frauen die gutenhassen. Ich wünschte nur,mein Vater hätte dieseWorte gehört, er würdesie besser zum Schweigengebracht haben."
„Das glaube ich nicht",sagte.eine alte Dame, dieschweigend der Scene ge-lauscht hatte. „Ein Jederweiß, wie sehr der gute,alte Herr das Fräuleinliebt, aber daß Sie,HerrThomas, der Sie dochniemals Damen in Schutznehmen, Fräulein Rosaso glänzend vertheidigthaben, ist der beste Be-weis von Linda's Ver-leumdung."
„Ich hoffe, sie wirdnie erfahren, was hiergesagt wurde; es würdeihr sehr schmerzlich sein", sagte der junge Mann ernst.
„So viel an mir liegt, soll sie kein Wort erfahren",versicherte Frau Parker, und die anderen Damen pflich-teten ihr bei.
Thomas Lambrecht durchwanderte den großen Garten;er suchte Rosa und wußte nicht, wo er sie finden sollte.Linda's schmähliche Verleumdung des unschuldigen Mäd-chens hatte ihn heftiger erregt, als er sich selbst gestehenwollte, und er fürchtete, ob nicht ein verletzendes Wortzu ihr gedrungen sei. Aber Rosa war nicht im Garten.Er ging in das Haus, Niemand hatte sie dort gesehen.Hilda Manners versicherte ihn, sie sei noch vor einerStunde bei dem Onkel gewesen, seitdem aber nicht mehrgesehen worden.
Aber der alte Herr saß gemüthlich bei einigen älteren
Erika Wrdrkind