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zählte ihr nämlich von unserer gemeinsamen Nömerfahrt.Da erschienst Du mit Deiner Dame. einer kleinen Blon-dine mir fein gezeichnetem, aber herzlich unbedeutendemGesichtchen. Du beugtest Dich zu ihr nieder und batestin einem weichen Tone, wie ich ihn nie von Dir ver-nommen, um eins Rose aus ihrem Bouquet. „WennSie Rosen lieben, so plündern Sie doch diese Vase",sagte die Kleine und lief davon. Da standest Du ziem-lich verblüfft, als Frau von Elz mit unnachahmlicherGrazie auf Dich zuschwebte und Dir die wundervolle,halb erschlossene Nose, welche sie selbst an ihrer Brustgetragen hatte, mit einem Angenaufschlag überreichte, dermich um alle Fassung gebracht hätte."
„Ich bewundere Dein Gedächtniß", äußerte Ottolächelnd. „Der kleinen Begebenheit erinnere ich michjetzt allerdings mit allen Einzelheiten. Selbstverständlichhatte ich als Bruder des Bräutigams die einzige jungeVerwandte der Braut, Fräulein Lily von Arendal, indie Kirche und zur Tafel zu führen. Du hast Recht,die Kleine sah überaus jung, fast kindisch aus; ihre Zügehatten auf den ersten Anblick durchaus nichts Blendendes,doch nach der ersten halben Stunde schon schien mir ihrAeußerss eigenthümlich fesselnd. Sie wußte mit großerAnmuth zu plaudern und hatte stets eine paffende, vonmunterem Geiste zeugende Antwort bereit; dennoch warsie weder eitel noch vordringlich und liebte es, mehr zulauschen als zu sprechen, aber ihre leuchtenden, tiefblauenAugen redeten die lebendigste Sprache ohne Laut. Nachnicht gar langer Zeit befand ich mich derart im Zauber-bann der kleinen Elfe, daß ich mich zu der Thorheithinreißen ließ, sie um eine Nose zu bitten. Weßhalb siemir dieselbe verweigerte, ist mir heute noch unklar."
„Mir nicht", lachte Georg. „Offen gestanden, ichhätte als junge Dame in diesem speciellen Fall genauso wie Fräulein Lily gehandelt."
„Und warum, wenn ich fragen darf?"
„Nun, weil Du, Halbkndianer, die Gunst begehrtestnicht allein vor Zeugen, sondern sogar vor einer Zeugin,die mit Argusaugen beobachtete."
„Also darin bestand mein Verbrechen? Ich glaubewirklich, daß ich mich in die VerkehrLsormen sämmtlicherwilden Völker, die ich kennen lernte, eher zu schickenweiß, als in diejenigen unserer Salonwelt", scherzte derFreiherr. „Höre, Georg, wir find nun schon so langeaufwärts gestiegen, daß wir füglich aus dem Kamme desNennekenberges, wo wir den Holzfahrweg treffen sollen,sein könnten. Von einem Holzwege, der unsern Pfadkreuzt, sagt unser Reisehandbuch nichts, wir stehen jedochvor einem solchen, also ist dieses der bezeichnete, demwir nach rechts zu folgen haben."
„Meinethalben", sagte der junge Doktor zerstreutund lenkte in den Holzweg ein. Nach einer Pause fragteer: „Hast Du die schöne Frau seit jener Hochzeitsfeiernicht mehr gesehen?"
„Ob ich sie gesehen habe? Frau von Elz ist jameine nächste Guisnachbarin."
„Ah das wußte ich nicht."
„Gewiß, die Dame wohnt in der schönen Jahres-zeit meist aus ihren Gütern an der Saar , die sie miteiner bei Frauen ungewöhnlichen Umsicht bewirthschaftet.Nicht selten kommt die kühne Amazone zu meiner Be-sitzung herübergeritten, um meine Pläne und Verbesser-ungen in Augenschein zu nehmen. Ich habe eine ge-
lehrige, begabte Schülerin an ihr; der Unterricht, mit dLAwir Beide es wirklich ernst nehmen, macht mir Freude."
„Selbstverständlich", sagte der Doktor.
Ohne die Bemerkung seines Freundes zu beachten,fuhr Otto fort: „Im Winter stürzt sie sich in den Ge-sellschaftstrubel. Sie bewohnt alsdann ihr HauS in dernahen Provinzialstadt, wo auch unsere Familie ihr Winter-quartier hat."
„Und da trefft Ihr Ench natürlich Tag für Tagauf dem Parquetboden?"
„Mit Nichten. Dn weißt, was ich von der Salon-welt halte. Ich habe nur die Nöthigsten Besuche gemacht,bet Frau von Elz und den Spitzen der Behörden."
„In welchem Verhältniß stehst Du denn zu Fräu-lein von Arendal?"
„In keinem. Die kurze, herbe Weise, mit der siemeine kleine Bitte damals so unbegründet z rückwies,hatte mich doch ein wenig gekränkt, und ich glaube, daßich sie bei der nächsten Gelegenheit auffallend kühl be-handelte. Wenn wir uns jetzt zufällig einmal treffen,so gehen wir sehr gleichgültig an einander vorüber. Ichbegreife nicht, wie ich eine Sekunde lang flüchtiges In-teresse für die Kleine hegen konnte. UeSrigenS scheintmir dieser Holzweg nicht auf den Kamm des Berges zuführen; wir werden uns wohl dazu bequemen müssen,uns selbst einen Pfad auf die Höhe zu bahnen."
„Das kommt mir bedenklich vor, allein ich fügemich", lautete die Antwort.
Junger Schuß von Tannen, von Brombcerstaudenund dornigem Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt;doch die Freunde drangen muthig aufwärts. Häufigzwang sie ein riesiger Granitblvck, eine abenteuerlich ge-formte Felsengruppe, oder eine ihnen entgegensprudelndeQuelle, die eingeschlagene Richtung zu ändern. Es warein mühseliges Klettern, und die Unterhaltung wurdeimmer einsilbiger. Nach geraumer Zeit hatten sie denBergscheitel erreicht. Gebirge und Thäler, Wiesen undWälder, Felsgruppen, Städte und Dörfer in sonnigerPracht ließen sich mit einem Blick umfassen; doch aufder Hohe war Alles urwaldartig verwachsen, kein Pfadwollte sich zeigen. Noch einige Schritte drangen sie vor,und siehe — düster und stolz, in stiller Majestät standder Blocksberg ihnen gegenüber.
„Heureka! Das Ziel ist in Sicht", rief Otto.
„Aber die Götter wissen, was uns noch von ihmtrennt", bemerkte Doktor Hesse mißmuthig. „Diesemorkusartigen Abgrund traue ich nicht; sobald der Urwaldaufhört, fängt wahrscheinlich ein tückisches Moor an.Wenn Du Dich durchaus in die nächtlichen Gefildestürzen willst, so thue es auf Deine Gefahr hin allein,ich tauche nicht mit in diesen Schlund."
„Das ist ja offene Rebellion!" sagte der Freiherrbelustigt. „Ucbrigens bestehe ich nicht auf der unheil-drohenden Thalfahrt. Ich glaube, daS Klügste wäre,zu unserem vor einer Stunde verlassenen Pfade zurück-zusteuern, um dort, wie SisiphuL zwar, jedoch mit füschemMuth den Aufstieg von neuem zu beginnen. Der Pfadmündet ohne Zweifel in die Fahrstraße zum Brocken."
„Ich vermuthe wirklich, Otto, der verwünschte Zauber-spuk, das geheimnißvolle.Walten der Hexen und Koboldehat schon begonnen, und wir lassen uns recht tüchtig beider Nase herumführen. Doch ich will Deinen Vorschlagannehmen, so trostlos und nichtswürdig er auch ist."
Ohne lange Wahl ging eS nun wieder hinab, wo