Ausgabe 
(4.12.1896) 100
Seite
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man gerade stand, und zwar über Hals und Kopf. MitGewalt drangen die Beiden durch wildvcrwachsenes Ge-zweige, verschwanden plötzlich in mit Gestrüpp verdecktentiefen Löchern, wachten nähere Bekanntschaft mit heim-tückischen Wasserfallen, kletterten und sprangen gemsen-arttg von Fels zu Fels. Thurmähnliche ungeheuereGranitblöcke ragten hier scheinbar endlos dicht nebeneinander auf.

Ich glaube, Professor, wir find in die auf unsererSpezialkartcZeters Klippen" benannte Felspartie ge-rathen", rief Saarstctn lachend, als sie nach längererTrennung sich im Gestein einmal wieder zu Gesicht be-kamen.

Und ich behaupte", rief Hesse zurück,daß diesesunheimliche Steinlabyrinth, wo man sich im tollstenSpringen nach allen Himmelsrichtungen üben muß, unddas mir wie ein Kirchhof von Niesen aussieht, daSsicherste Anrecht auf eine andere Bezeichnung unsererKarte hat, ich glaube nämlich, daß wir uns in derHölle"befinden. Ein unangenehmeres, halsbrecherisches Fort-bewegen ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen."Nach dieser Versicherung voltigirte er weiter.

Mich erinnert diese Lustsprungpartie lebhaft aneinen Tag unserer Nordpol-Expedition, und zwar an eineEntdeckungsreise auf der Bäreninsel", so vernahm DoktorHesse aus der Ferne die Stimme seines Freundes.Diese Bäreninsel mit ihren ins Eismeer herabhängendenFelsenriffen und vorspringenden Klippenspitzen sollte eigent-lich Vogelinsel . . . ."

Der Erzähler verstummt plötzlich. Georg hört einenschweren Fall, ein eigenthümliches, langgedehntesAh",dann wird es stille ringsumher.

Otto, Otto!«

Keine Antwort.

Was ist geschehen, Otto?"

Alles bleibt lautlos wie zuvor. Da faßt einenamenlose Angst den gutmüthigen Philologen. Wennder Freund verunglückt wäre, mit zerschmettertem Schädeloder zerbrochenen Gliedmaßen in einer Felsenkluft läge! Entsetzlich! Wo sollte er menschliche Hilfe hernehmen?Und selbst wenn er nach stundenlanger unsäglicher Mühehilfvereite Menschen gefunden, war es möglich , ohneAriadnefaden wieder die Unglücksstelle zu erkennen? Ja,auf welche Weise gelangte er überhaupt jetzt zu dem ver-hüngnißvollcn Orte? Diese Vorstellungen und Zweifelmarterten sein Hirn, während er rufend und suchend dasFelsenlabyrinth durchforschte. Eine geraume Zeit stolperteer umher, ohne eine Spur von Saarstein zu entdecken.Da plötzlich blieb er mit weitaufgerisscnen Augen regungs-los stehen; was er sah, dünkte ihn unerhört stauncns-würdig.

Sollte man es für möglich halten!" platzte er end-lich entrüstet heraus.Sitzt der Patron wie ein Troglo-dyt in seiner Felsenkluft häuslich eingerichtet, in einerLectüre vertieft, läßt mich irren, jammern, rufen, gibtkeine Antwort, sondern liest in irgend welchen Runenwie verrückt. Mensch, was ist's mit diesen Hieroglyphen?"Er sprang hinzu und wollte dem Freunde über dieSchulter sehen.

Halt!" donnerte ihm der Freiherr entgegen undsprang empor.Kein profanes Auge soll auf diesenBlättern rnhen."

Hm, wie mir dünkt, gebührt Deinen Augen daseben genannte Epitheton gerade so wie den meinen diesen

zierlichen Runen gegenüber", erlaubte sich Georg zu be-merken.

Doch nicht so ganz, mein Freund! Ich habe einreizendes, von Damenhand geschriebenes Tagebuch gefun-den, mußte natürlich suchen, den Namen der Eigentümerinzu erkunden, fand ihn nicht, statt dessen aber den meinen,und zwar in schmeichelhafter Weise erwähnt. Die Damehat meine Neisewerke gelesen und ist mehr davon ent-zückt, als sie eS verdienen. Du wirst zugeben, daß ich,wenn auch gerade kein Recht, so dock eine Entschuldigunghabe, wenn ich ein wenig in dem Buche blätterte, dasmit sehr viel Geist, frischer Lebensanschauung und tiefemGemüth geschrieben ist. Die, nach ihren Aeußerungenzu schließen, noch junge Dame hat soeben fast dieselbeReise gemacht wie ich. Der betreffende Band wurde erstauf dieser Reise, und zwar in Frankfurt , begonnen, dasletzte ist in Wernigerode am gestrigen Tage geschrieben.Die Aermste hat jedenfalls gleiches Schicksal mit unsgehabt; wenn wir uns beeilen, so werden wir sie viel-leicht noch auf dem Brocken antreffen, wo sie hoffentlichglücklich hingekommen ist. Ich bin begierig, die geist-volle, liebenswürdige Verfasserin dieser Zeilen kennen zulernen."

Höre, Otto, die wunderbare Auffindung der Dichbezaubernden verwunschenen Handschrift scheint mir auchin das Programm der Bergkobolde zu gehören, derenTücken wir heute unrettbar verfallen sind", erklärte derDoktor.Wenn wir überhaupt einmal, was ich nochsehr bezweifle, auf dem Blocksberg angelangt sind, sowirst Du statt des verhexten Buches eine Hand vollStaub und dürrer Blätter aus der Rocktasche ziehen."

Daraus lasse ich es ankommen. Vorläufig wollenwir vertrauensvoll das Unsere thun, um wieder in civili-sirte Gegend zu gelangen."

Versuchen wir es", sagte der Pädagoge einiger-maßen verstimmt. Dann setzten sie sich in Bewegung.

Triumph! Der Holzweg liegt wieder vor uns",rief Otto nach nicht langer Zeit.

Jawohl, die Sisiphusarbeit kann sogleich von Neuembeginnen", murrte der Hannoveraner, indem er sich an-schickte, eine haushohe Felsenwand hinabzurutschen. Hier-mit war die letzte Schwierigkeit, welche sie von mensch-lichem Pfade trennte, besiegt. Mit großer Befriedigunggewahrte Georg ganz nahe den aufsteigenden Rauch einesKohlenmeilers.

Da werden wir hoffentlich sichere Auskunft überdie einzuschlagende Richtung erhalten", sagte er vergnügt.Meinem Feinde wollte ich es nicht rathen, sich DeinerCiceronenschaft anzuvertrauen."

(Fortsetzung folgt.)

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Das Schlangerrailge.

Von Paul Gilchrist.

Deutsch von E. Hanrieder.

(Nachdruck virbowi.)

Ich habe seinerzeit viele Abenteuer erlebt , aberkeines davon war seltsamer als das, welches ich jetzt er-zählen werde.

Die Croffthwaithes waren alte Freunde zu mir.Besonders an's Herz gewachsen war mir Lady Pawcla,ein mutterloses Mädchen von großer Schönheit. Kaumerwachsen, brach wegen einer unglücklichen Licbrsaffaire