Ausgabe 
(4.12.1896) 100
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viel Unglück über sie herein. Ein gewisser LaurenceCarroll, ein armer Subalternossizier, hatte eine heftigeLeidenschaft für sie gefaßt, die sie erwiderte. AufregendeScenen fanden statt, da die beiden jungen Leute ge-schworen hatten, allen Hindernissen zum Trotz, sich treuzu bleiben. Carroll war adelig von Geburt, aber sorg-los und leichtlebig und steckte tief in Schulden. Des-halb betrachtete ihn die Familie Lady Pamela's nichtals passende Partie für das junge Mädchen. GrafAttrill verbot ihm das Haus Lady Pamela war wiegebrochen, wurde schwer krank und erreichte erst nachVerlauf eines Jahres wieder einigermaßen ihre frühereGesundheit und Lebenslust. Damals hatte man mich umRath befragt, und ich freute mich daher aufrichtig, alsich die Nachricht von Lady Pamela's Verlobung mit demrichtigen Manne erhielt.

Jedem Anscheine nach hatte sie jetzt ihre ganze Liebeeinem gewissen Kapitän Mainwaring, einem allgemeinbekannten Reisenden und außerordentlich tapferen Offizier,geschenkt. Er besaß eigenes Vermögen und einen tadel-losen Charakter. Er war zwanzig Jahre älter als seinehübsche, junge Braut, aber in den Augen ihrer Ver-wandten bildete dies kein Hinderniß.

Auf Lady Pamela's dringende Bitten hatte ich ver-sprochen, auf jeden Fall bei ihrer Hochzeit zu erscheinen-Diese sollte mit großem Gepränge im Monat Mai diesesJahres 1896 stattfinden im Hause der Crossthwaithes inPortland -Square. Der Bräutigam traf gerade eine Wochevorher aus Indien hier ein. Er war ein großer, feinerOffizier, und seine Braut wurde mit Glückwünschen über-häuft. Diese Gratulationen steigerten sich zu einem ge-wissen Enthusiasmus, als man entdeckte, daß der Kapitänseiner Braut unter anderem einen Diamanten von außer-ordentlicher Größe und Schönheit verehrt habe.

Am Abende nach Kapitän Mainwaring's Rückkehraus Indien dinirte ich bei den Crossthwaithes, und nachdem Essen durfte ich den Edelstein sehen. Er ruhte aufeinem Sawmetetui in einem Glasbehültnisse. Diesesstand auf einem kleinen Tischchen in demselben Raume,in welchem auch die anderen Hochzeitsgeschenke ausgestelltwaren. Das Zimmer wurde nicht nur von einem Detek-tive, sondern auch noch von einem alten, erprobten Dienerder Familie bewacht, der es nur verlassen durfte, wennder Detektivs anwesend war.

Der Diamant machte einen seltsamen, eigenthüm-lichen Eindruck; er war in Form eines Kobra-AugeSgeschliffen, mit einigen sprühenden Strahlen im Mittel-punkte, die einer Pupille ähnelten, in Gold gefaßt. Wieer so auf seiner purpurnen Unterlage funkelte undglitzerte, sah er aus wie das Auge eines bösen, unheim-lichen Wesens. Abgesehen von dem Werthe, welchen derStein durch seine eigenartige Form und seinen Schliffhatte, war er auch noch bedeutend durch fein Gewicht,das mehr als dreißig Karat betrug. Ein Blick genügte,mir zu zeigen, daß er wasserhell und frei von dergeringsten Wolke oder Unvollkommenhcit war. Je nach-dem man ihn betrachte, sprühte er in rothen oder blauenFarben.

Sie möchten gewiß gerne die Geschichte jenes selt-samen Diamanten hören?" sagte Kapitän Mainwaring,der zu mir getreten war, als er sah, daß ich den Edel-stein betrachtete.

Er bietet einen wirklich einzigen Anblick", ant-wortete ich,er muß eine Geschichte haben."

So ist es er ist in der That das Auge einesindischen Götzen. Ein Rajah, dem ich das Leben rettete,gab ihn mir. Als er mir den Stein anbot, stellte ereine sonderbare Bedingung.

,Er gehört einem Stamme, mit dem ich und meinVolk seit langem im Kriege sicherst, sagte er. ,Wie einBlick Ihnen zeigen wird, ist er das Auge einer Brillen-schlange wir in Hindostan nennen es Lannx I(esdickst was Schlangenauge bedeutet. Der Geldwerthdieses Steines ist ein ungeheurer, deshalb ist sein Besitzfür mich sehr gefährlich. Ich wäre in der That sehrfroh, wenn ich seiner los wäre. Wenn Sie die Ver-antwortlichkeit auf sich nehmen wollten, können Sie ihnunter einer Bedingung haben?

Ich versicherte ihm, daß ich nicht ängstlich sei undgerne die Verantwortlichkeit für einen so werthvollenGegenstand tragen würde.

,Sie retteten mein Leben, und ich bin Ihnen ver-pflichtet', erwiderte der Rajah, ,der Stein sei Ihr Eigen-thum, wenn Sie meinen Diener Gopinath als dessenHüter nehmen wollen. Ich möchte nicht an Ihrem Todeschuld sein, und Sie würden England gewiß nicht lebenderreichen, wenn Gopinath den Diamanten nicht für Siehüten würde. Er ist Brahmane, ein ausgezeichneterBursche. Er wird Ihnen Tag und Nacht dienen undden Stein beschützen. Nehmen Sie ihn mit nach Eng-land . So lange er in Ihren Diensten bleibt, ist derDiamant sicher?

Nachdem der Rajah so gesprochen hatte, lüftete ereinen Vorhang, und Gopinath erschien. Es war einehübsche Gestalt, groß, mit der glänzenden Haut, den ge-schmeidigen Gliedern und den blitzenden Augen seinerLandsleute. Ich bedurfte damals gerade eines Dienersund nahm den Hüter sammt dem Geschenk dankbarst an.Gopinath hat mich nach England begleitet und ist so an-hänglich an mich und das Schlangenauge, daß wir uns,aller Wahrscheinlichkeit nach, sobald nicht trennen werden."

Sie haben unterwegs also keine Gefahren zu be-stehen gehabt, als Träger und Besitzer eines Edelsteine?von so großem Werthe?" fragte ich.

Mehrere, aber Gopinath war immer mir zur Seiteund ich glaube, daß er öfters zwischen mir und de»Tode gestanden."

Andere Gäste sammelten sich nun um das Glaskäsichen, und Mainwäring fing neuerdings an, den Stein,den Rajah und Gopinath zu beschreiben. Ich hörte nurmit halbem Ohre zu, so versunken war ich in die Be-trachtung des prächtigen Diamanten.

Was sagen Sie zu diesem indischen Wächter?"fragte ich Lady Pamela, die gerade auf mich zutrat.

Meinen Sie Gopinath?" antwortete sie lächelnd;er ist ein gelungener Bursche."

Ich möchte ihn gar zu gerne sehen", bat ich.

Er ist im Hause, ich werde ihn gleich holen", er-widerte sie. Sie eilte fort und kehrte nach wenigenAugenblicken mit dem Brahmanen zurück. Dieser trugeinen prächtigen Turban und war nach der Sitte seinesLandes gekleidet. Er begrüßte mich mit einem ehrfurchts-vollenSalaam", als das junge Mädchen mir ihn vor-stellte. Seine glänzenden Augen hefteten sich auf michund dann auf den Stein. Einen Moment später warer in einem dunklen Theile des Saales verschwunden.

Herbert will den Diamanten anders fassen lassen,und ich soll ih» tragen, wenn ich nach der Hochzeit zu