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Hofe gehe", sagte Lady Pamela. „Später möchte ichihn dann auf die Bank schicken. Es ist nicht angezeigt,einen solchen Schatz im Hanse aufzubewahren."
„Gewiß nicht, außer Sie beabsichtigen, Gopinath zubehalten."
„DaS ist noch nicht entschieden, aber ich glaube, erwill nach Indien zurück. Uebrigens werde ich den Steinnicht oft tragen — er ist zu prachtvoll, und es ist etwasan ihm, das mich erschreckt."
„Ich betrachte ihn auch «ehr als Werthobjekt, dennals Schmuckgegenstand. Er ist zu groß und sieht, wieSie sagen, einem Schlaugenange zu sehr ähnlich, um einenwirklich angenehmen Eindruck zu machen."
„DaS eben verleiht ihm seinen Werth", bemerkteKapitän Mainwaring, der soeben hinzugetreten war.„Uebrigens glaube ich nicht, Pamela, daß eS nothwendigist, die Fassung zu ändern. Ein Edelstein wie dieserist ein Besitz — und muß dereinst ein Erbstück wer-den, wie?"
Bet diesen Worten traf ein liebevoller Blick desOffiziers das junge Mädchen, das bald seine Frau wer-den sollte — ihre Augen begegneten sich auf einen Augen-blick, dann sah sie nach der Thüre.
In einem Augenblick änderte sich ihr ganzer Gestchts-ausdruck; sie wurde todtenbleich und umklammerte dennächsten Stuhl, wie um sich zu stützen. Eine Damekam heran, um mit dem Kapitän Mainwaring zu sprechen,er wandte sich um und antwortete ihr höflichst. Imselben Momente sah ich einen großen Mann mit blassemGesichte hastig vorwärts kommen. Ich erkannte ihn so-gleich, und sein Erscheinen hier befremdete mich nichtwenig — eS war Pamela Crossthwaithe'S ehemaligerVerlobter, Laurence Carroll. Er ging geradeswegs aufsie zu und bot ihr seine Hand, ohne ein Wort hervor-zubringen. Der unruhige Ausdruck in ihren Augen tratnoch mehr hervor, und trotz aller Anstrengung, sich zufassen, zitterte sie heftig. Kapitän Mainwaring wendetesich nun wieder zu ihr. All' ihre Kraft zusammen-nehmend, legte sie ihre Hand auf seinen Arm.
„Ich stelle Dir hiemit meinen Freund LaurenceCarroll vor", sagte sie, „Herr Carroll — Kapitän Main-waring."
Der Kapitän verneigte sich und beehrte Carroll miteinem kurzen Blicke — daS nervöse Flackern verließCarroll's Augen — sie Wurden heiter und hell. Erfing an, eifrig zu sprechen, und Pamela folgte seine«Beispiele. DaS Gespräch lenkte sich wieder auf denDiamanten. Kapitän Mainwaring schloß das Glaskäst-chen auf, nahm den Stein in die Hand und gab ihndann mir und Carroll, um ihn ganz in der Nähe zubesehen. Wir tauschten unsere Meinungen aus in Bezugauf die Schönheit und Seltenheit des Steines, aber sobald Carroll sich unbemerkt glaubte, folgten seine Augender sich eben entfernenden Lady Pamela. Ein Blick ge-nügte, mir zu zeigen, daß seine Leidenschaft für sie stärkerwar als je. Bald darauf kamen Lady Pamela und ihreFreundinnen wieder an ihm vorüber. Sie sprach keinWort, er aber streckte seine Hand aus, als wollte er siezurückhalten. Daraufhin wendete sie sich um und blickteihm voll in das Gesicht.
„Ich kam heute Abend hierher", sagte er, „umZhnen Ihr Versprechen und Ihr Geschenk zurückzugeben."
Er drückte ihr einen Brief in die Hand und verließsogleich daS Zimmer.
Bald darauf nahm auch ich Abschied und kehrte inmeine Wohnung in Bloomsbury zurück. Dort habe ichmir ein Laboratorium hergerichtet und verbringe einenguten Theil meiner Zeit in diesem Sanktnm.
Es war elf llhr vorüber, als ich nach Hause kam;mein Diener, ein Ungar, NamenS Silva, wartete aufmich. Ich hieß ihn zu Bette gehen und begab mich inmein Laboratorium. In den letzten Tagen hatte ichverschiedene interessante Experiments gemacht, insbeson-dere entwickelte ich gerade mehrere Photographien, die ichmit Hilfe der Röntgen-Strahlen ausgenommen hatte.Die neue Entdeckung bildete zur Zeit daS Steckenpferdder ganzen gebildeten Welt, und ich natürlich that inGesellschaft von anderen Männern der Wissenschaft mit.Ich besaß mehrere Hittorf'schen Röhren und alle nothwen-digen Apparate, um die Nöntgen'schen Strahlen herzu-stellen. Meine Meinung ging dahin, daß die neue Ent-deckung große Fortschritte machen und besonders nach dermedizinischen Seite hin von ungemeiner Wichtigkeit seinwerde. Soeben hatte ich mich in meine Dunkelkammerzurückgezogen, um einige Photographien zu entwickeln,als an der Hausthüre geläutet wurde. Für einen Be-such war es zu spät, und einigermaßen überrascht gingich hinaus, um zu sehen, waS es gebe. Silva war nochnicht zu Bette gegangen, er öffnete die Thüre, führteJemanden herein und kam darauf zu mir.
„Herr Carroll, Herr — er möchte Sie auf einigeAugenblicke sprechen."
„Carroll", rief ich aus, „und zu dieser Stunde —wo hast Du ihn eintreten lassen?"
„In das Laboratorium", antwortete Silva.
„Ich werde ihn empfangen", erwiderte ich. „Bleibenicht länger auf. Ich kann Herrn Carroll selbst hinaus-lassen."
Ich kehrte in das Laboratorium zurück. Carrollstand an der Stelle, wo die Strahlen des elektrischenLichtes voll auf sein Gesicht fielen. Er sah leichenblaßaus — seine Wangen waren hohl, seine Augen hatteneinen trüben, gläsernen Ausdruck. Als ich in das Zim-mer eintrat, hielt er einige Korrekturbogen von mir inder Hand, welche nebenan auf einem Tische gelegen.Sie waren mir von einem medizinischen Blatte, für dasich beständig schreibe, zugeschickt worden. Als er meineSchritte vernahm, warf er die Blätter weg und gingmir entgegen.
„Ich kann mich für mein spätes Kommen nicht ent-schuldigen, denn die Sache, die mich hierher geführt, istvon großer Wichtigkeit. Nebenher gesagt, dieser Artikelüber Gift ist höchst interessant — ist er für eine medi-zinische Zeitschrift?"
„Er ist für die nächste Nummer des „Lauert" bk»stimmt", erwiderte ich. Dann fügte ich hinzu: „Aberder Inhalt wird für Sie kaum von Interesse sein."
„Er interessirt mich doch außerordentlich", antwor-tete Carroll, der Artikel behandelt ein sonderbares Gift."
„Das gefährlichste, welches bis jetzt bekannt ist.Da Sie einen Theil meiner Ausführungen gelesen haben,will ich Ihnen sagen, wie ich dazu kam, Vorliegendes zuschreiben. Die Röntgen - Strahlen interessiren mich inhohem Grade, und so stelle ich mit dem neuen Lichteviele Experimente an. Während ich vor einigen Tagenmit Cyan-Kalium Versuche machte, fand ich zufällig, daßich als Nebenprodukt jenes gefährliche Gift, wasserfreieBlausäure, erhalten hatte. Der Artikel, von dem Sie