«1V2.
189b.
i»Augsburgrr PoMtung"
Areitag, den 11. Dezember
Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler ).
Ihr erster Roman.
Novelle von Antonio Haupt.
(Fortsetzung.)
Als sie einige Stunden später den Gastsaal auf-suchten, fanden sie Alles in lebhafter Bewegung. Vielerüsteten sich zum Abmarsch. Einige waren noch damitbeschäftigt, ihren Morgenkaffee zu trinken, frühe Wan-derer trafen schon ein; das war ein Fragen und Ant-worten, ein Gehen und Kommen ohne Unterlaß. Nach-dem Otto den Blick spähend über die Anwesenden hattegleiten lassen, richtete er denselben mit gespannter Er-wartung auf die Thür. Seine Geduld sollte auf dieProbe gestellt werden, die Ersehnte wollte nicht erscheinen.
„Hier, meine Herren, die neuesten Nachrichten!"Der Gasthofbesitzer legte ein Packet Zeitungen auf den Tisch.
„Haben die Damen ihr Zimmer noch nicht verlassen?"ergriff Saarstein sofort die Gelegenheit, um den Haus-herrn zu befragen.
„Ah, Sie meinen die jungen Damen, welche gesternin die Klippen geriethen? Dieselben sind schon seitmehreren Stunden über alle Berge."
„Was, sie sind schon fort? Ich habe ja noch darBuch!" rief Otto erregt. „Hinterließen sie keinen Auf-trag für mich?"
Der Wirth lächelte.
„Keinen. Nicht einmal ihren Namen schrieben sieinS Fremdenbuch."
„Wie fatal l Wissen Sie nicht, wohin sie sichwandten?"
„Ich horte, daß sie von Jlsenburg sprachen; auchschlugen sie den Weg dorthin ein, und zwar durch dasSchneeloch."
„Gingen sie allein?"
„Das nicht, mein Herr. Sie gingen in Gesellschaftzweier ältlichen Ehepaare."
„So haben wir wenigstens einen Anhaltpunkt. Ichdanke Ihnen sehr."
AIS der Wirth sich entfernt hatte, rief Saarsteinlebhaft:
„Ich bitte Dich, Georg, sieht da» nicht aus wieeine Flucht?"
„WaS eS im Grunde auch ist", versetzte dieser gleich-müthig. „Die Dame argwöhnt wahrscheinlich, daß Duzufällig oder als indiskreter Mensch das Loblied aufDeine Person gelesen hast. Ihr mädchenhaftes Benehmengewinnt ihr übrigens weine Achtung. Sie will Dir,
nachdem ihr HerzenSgeheimniß enthüllt ist, um keine»Preis begegnen."
„Und ich werde Alle» daran setzen, sie aufzufinden,sie kennen zu lernen", betheuerte Saarstein feurig. „ESmag freilich nicht ganz leicht sein; denn das erst kürzlichauf der Reise begonnene Tagebuch ist nur eine Fort-setzung früherer Annalen und gibt keinerlei Aufschlußüber den Namen oder auch nur den Wohnort der Ver-fasserin. Beeile Dich etwas mit Deinem Frühstück, aufdaß wir schleunigst ihren Spuren nach Jlsenburg folgen;eS dünkt mir dies die einzige Möglichkeit, sie zu haschen."
Der Philologe versprach, sich zu sputen, würdigteaber zunächst mit großer Seelenruhe die vor ihm liegendeZeitung einer genauen Durchsicht. Otto schaute sinnendin die Ferne.
„Ob sie den in ihren Memoiren erwähnten Romanwohl veröffentlicht hat? Dann wäre ja der Weg zu ihrgefunden", so dachte er und nahm sich vor, alle Roman-ankündigungen der Gegenwart, sowie sämmtliche belletri-stische Kataloge der letzten Jahre eingehend zu studiren.In natürlichem Zusammenhang mit seinen Erwägungenfiel sein Blick unwillkürlich auf die „Ltterarische Rund-schau" der auf dem Tisch liegenden Zeitung. Mit demgrößten Interesse starrte er plötzlich darauf nieder.
Täuschte ihn ein Spiel seiner Einbildungskraft, oderstand dort wirklich: „Auf der Höhe, Roman von IlseTreueufelS"? — Nein, dies konnte unmöglich eine trü-gerische Vorspiegelung sein! Er laS: „Im Verlage vonX. in U. erschien soeben: „Auf der Höhe", Roman vonIlse TreuenfelS. In der Verfasserin lernen wir einefrische poetische Kraft kennen, deren Erstlingsschöpfungunbedingt zu den besseren Werken der Belletristik gehört.Anlage und Durchführung von Situationen und Cha-rakteren verrathen viel Geschick. Der Held der Erzähl-ung, ein Bild edler, schöner Männlichkeit und adeligerGesinnung, ist eine lebensvolle Gestalt, wie sie nur derWirklichkeit abgelauscht sein kann. Sein Porträt wurdemit besonderer Liebe und Hingebung gemalt; in frischenFarben gruppiren sich darum die übrigen Personen desRomans, unter denen namentlich die Heldin, ein echtdeutsches Mäochen mit warmer, tiefer Empfindung undanspruchsloser Liebenswürdigkeit, eine herzgewinnende Er-scheinung ist. Wir empfehlen diesen mit überaus feinerBeobachtungsgabe und reichem Geiste geschriebenen Ro-man den Freunden guter UnterhaltungSlektüre auf'Swärmste."