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„Freund, nun habe ich sie!" rief Saarstein in seinerFreude so laut, daß sogleich ein Dutzend Köpfe sich er-staunt nach ihm umdrehten.
„WaS hast Du?" fragte Hesse trocken.
„Ihr Roman ist im Loschen Verlage erschienen undwird hier besprochen", berichtete der Freiherr leise. „Sage,Georg, glaubst Du, daß Ilse Treuenfels ein fingirterName sei?"
„Wie kann ich das wissen! Er kommt mir etwasphantastisch vor."
„Mir auch. Doch Pseudonym oder nicht, ich habejetzt die beste Hoffnung, sie zu finden. Vor allen Dingenmöchte ich keine Zeit mehr hier verlieren. Komm', lass'uns gehen."
Georg fügte sich dem Wunsche seines Freundes;und wie auf Sturmesflügeln ging es unter Otto's An-leitung hinab in daS sogenannte Schneeloch. Das Reise-handbuch hatte vor diesem Wege als einem sehr beschwer-lichen gewarnt, er erwies sich jedoch im Vergleich mitdem gestern durchkreuzten Klippenlabyrinth als eineäußerst bequeme Gelegenheit zum Vorankommen. Eheman eS gedacht, war man über glatte Felsblöcke hinwegund durch Gehölz gedrungen, hatte sumpfige Streckenhinter sich gelassen und befand sich nun in einem wunder-vollen Tannenwalde. Auf allen Seiten plätschertenQuellen, die sich bald zu der reizenden Ilse vereinten,welche dann in unzähligen Wasserfällen das Bergthalhinabrauschte. Otto dachte lächelnd an die AusführungHeine's: „Die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend undblühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnen-schein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Windeihre silbernen Busenbänder l Wie funkeln und blitzenihre Diamanten!" In natürlicher Jdcenverbindungschweiften seine Gedanken dann hinüber zu Ilse Treuen-fels, die er dort unten zu finden hoffte, und vergnügtsummte er vor sich hin:
„Ich bin die Prinzessin IlseUnd wohne im Jlscnstein,
Komm mit nach meinem Schlöffe,
Wir wollen selig sein l"
„Beabsichtigst Du nun, alle Hotels nach Deinerunsichtbaren, geheimnißvollen Dichterin zu durchforschen?"fragte Georg, als die ersten Häuser von Jlsenburg zwi-schen den Tannen auftauchten.
„Ehe ich eine solche Rundreise antrete, werde ich imStationsgebäude Nachfrage halten, ob das Dampfroß sienicht schon entführt hat", erklärte Saarstein.
Eine Viertelstunde später standen sie vor dem Schalter,um zu erfahren, daß soeben eine Gesellschaft von zweiältlichen Ehepaaren und zwei jungen Damen mit demZuge nach Halberstadt gefahren sei.
„Wann geht der nächste Zug dorthin?"
„Nach drei Stunden, mein Herr."
„DaS ist Tücket Was beginnen, Georg?"
„Ich denke, wir setzen uns in jene sehr einladendaussehende Veranda und widmen dort unsere Aufmerk-samkeit einem Gabelfrühstück."
Gesagt, gethan. Die Veranda war in der Thatein unmuthiger Aufenthaltsort mit entzückender Aussichtauf den nahen, von Schwänen durchzogenen Teich undauf das Gebirge mit dem majestätischen Brocken im Hinter-gründe. Auf diese Weise wurde es Otto nicht schwer,sein Schicksal mit Würde zu tragen. Die Stunden eiltenunter angenehmer Unterhaltung dahin wie im Fluge, bis
die Locomotive bereit stand, um ihn und seinen Freundnach dem alten Halberstadt zu entführen. Die Fahrkindessen durch ziemlich flache Gegend dünkte ihm in seinerErwartung ungebührlich lang. Endlich wurden die Thürmeder ehemaligen Bisthumshauptstadt sichtbar; das Zielwar erreicht.
„Kann mir hier Jemand sagen, wohin eine Gesell-schaft von zwei ältlichen Ehepaaren und zwei jungenDamen, welche vor drei Stunden hier ausstiegen, sichgewandt hat?" rief Saarstein auf's Gerathewohl in einChaos von Gasthofbedienten und Kutschern hinein. Einekleine Berathung entstand, dann tönte es ihm entgegen:„Die Gesellschaft, wonach der Herr fragt, ist unzweifel-haft im „Goldenen Roß" bei Mutter Goedike abgestiegen."Ein strammer, betreßter Bursche trat vor und erhärtete:„Ja, das kann ich bestätigen, die Herrschaften sind inunserem Hause."
„So fahrt uns dorthin", entschied der Freiherr.
Das Haus „Znm goldenen Roß" in Halberstadt trägt nicht nur von außen daS Gepräge der guten, altenZeit; der Fremde, welcher seine Schwelle überschreitet,fühlt sich sofort angemuthet von der herzlichen, echt deut-schen Gastfreundschaft, mit der man ihm entgegenkommt.Die Herrin des Hauses, eine stattliche, alte Dame, welcheals „Mutter Goedike" weit und breit in hohem Ansehensteht, empfing unsere Reisenden mit freundlichem „Will-kommen", und Beide sagten sich sogleich beim Eintreten,daß es ihnen hier sehr leicht gelingen werde, sich heimischzu fühlen. Auf Otto's Frage nach den Gesuchten wardihm freilich eine neue Enttäuschung zu theil.
„Die Herrschaften haben einen Ausflug nach denSpiegelsbergen unternommen, wollen aber zur gemein-samen Abendmahlzeit wieder hier sein", berichtete MutterGoedike.
„Werden die jungen Damen auch dabei erscheinen?"fragte der Freiherr etwas mißtrauisch.
„Selbstverständlich. In unserem Hause schließt sichso leicht Niemand ungesellig ab", lautete die zuversicht-liche Antwort. „Wenn Sie, meine Herren, die Spiegels-berge mit ihren schönen Anlagen heute Abend nicht mehraufsuchen wollen, so rathe ich Ihnen, unsere interessantenBauwerke, besonders den Dom, die Liebfrauenkirche un^das Nathhaus, zu besichtigen."
„DaS letztere wollen wir thun, und zwar sogleich",entschied Doktor Hesse. Dann schlenderten die Freundedurch die alterthüwlichen Straßen mit den hochgiebeligenHäusern voller Holzschnitzereien nach dem Domplatze. Diealte Kathedrale, eine. der schönsten Kirchen Deutschlands ,fanden sie namentlich im Innern sehr sehenswerth. DieLiebfrauenkirche wurde von Otto nur äußerlich in Augen-schein genommen, er lenkte seine Schritte in die nächsteBuchhandlung. Natürlich fand er nicht, was er suchte:„Auf der Höhe" von Ilse Treuenfels, war nicht vor-rüthig, konnte jedoch auf Bestellung in einigen Tagenhier sein. Um eine Hoffnung ärmer, suchte er seinenFreund im bereits dämmerigen Gotteshause auf, dannwandten sich die beiden mit gespannter Erwartung wieder-um dem „Goldenen Rosse" zu.
„Die Herrschaften sind zurückgekommen", empfingMutter Goedike sie im Vorsaale. „Ich habe den Damenbereits gesagt, daß zwei fremde Herren nach ihnen ge-fragt. Sie sind alle dort im Zimmer."
Heffe öffnete behutsam die Thür, warf einen Blick