Ausgabe 
(11.12.1896) 102
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in den bezeichneten Raum, taumelte aber sogleich mit demMieneuspiel des Entsetzens zurück.

Weißt Du, wem wir mit so anerkennenswertherBeharrlichkeit nachgejagt sind?" flüsterte er.

Nun?" fragte Otto, nichts Gutes ahnend.

Den vierzigjährigen Backsischen. Es ist zum Ver-rücktwerden l Ich glaube, der Teufelsspuk, der auf demRennekenberg anfing, hat uns bis hierher noch nicht ver-lassen. Fräulein Eleonore kramt den Inhalt ihrer Skizzen-mappe vor den beiden Schulmonarchen von gestern undderen Ehehälften aus", berichtete Georg lachend.

Ich hätte die größte Lust, mich heimlich zu ver-flüchtigen", murmelte Otto dumpf.

Das dürfen wir nicht, Mutter Goedike hat unsbereits angemeldet", lachte Hesse.

So gehe Du vorläufig allein ins Zimmer, ich habenoch Wichtiges zu besorgen." Mit diesen Worte drehtesich Saarstein herum und eilte, von plötzlicher Eingebunggetrieben, schnurstracks zum Telegraphenamt. Hier richteteer anf dem Drahtwege das Ersuchen an die Verlags-handlung in U. um sofortige Zusendung vonAuf derHöhe" und bat um die genaue Adresse der Verfasserin.

AIs er infolge dieser That ziemlich wohl gelauntendlich das Gastzimmer desGoldenen Rosses" betrat,fand er seinen Freund im besten Galgenhumor der Weltbereits vollständig heimisch. Die vierzigjährigen Back-fische wie die beiden Ehepaare schienen nicht unempfänglichfür guten Witz; und so unterhielt man sich schon vor-trefflich, ehe das Abendessen unter Mutter Goedike's Vor-sitz seinen Anfang nahm. Bet Tisch herrschte durchVermittlung der Hausherrin ein erfreulich zwangloserVerkehr, als ob Alle zusammen bei einer befreundetenFamilie zu Gast gebeten seien, und «an trennte sich erstspät mit der gegenseitigen Versicherung, einen angenehmenAbend verbracht zu haben.

(Fortsetzung folgt.)

--SSWSS--

Das Schlangeuauge.

Von Paul Gilchrist.

Deutsch von Emma Hanrieder.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Gewiß nicht. Würde ich etwas so Schreckliches er-finden? Sie sehen selbst, Gilchrist, von welcher Be-deutung dieser Todesfall für mich ist. Ich war zuletztbei Mainwaring, wir schieden im Zorn, die Hoteldienerwerden die Länge der Unterredung beschwören. Ich werdesogleich verhaftet werden, und um den Beweis zu liefern,der genügt, mich an den Galgen zu bringen, ist dies in«einer Tasche."

Bei diesen Worten zog er die ominöse Phiole mit demGifte heraus.

Geben Sie es mir", sagte ich und streckte meineHand danach aus.

Nein, ich werde es jetzt behalten. Ich nahm eszu meinem eigenen Gebrauche. Heute Nacht lag es anfIhrem Tische. Die Etikette mit der AufschriftGift"war das erste, was mir in die Augen fiel, als ich dasZimmer betrat. Ich unterlag der Versuchung und eig-nete es mir vor Ihrem Erscheinen an; denn ich suchteein Mittel, mir, wenn nöthig, das Leben damit zu nehmen.Gerade als Sie in das Zimmer eintraten, hatte ich dieganze Beschreibung von der eigenen Wirkung Ihres Giftes

gelesen. Ich steckte auch das achte Blatt Ihres Manuskriptesein. Hier ist das Blatt und hier auch die Flasche."

Nun, so können Sie es mir wenigstens zurück-geben. Sie brauchen sich nicht freiwillig den Strick umden Hals zu legen."

Es ist zu spät", erwiderte er.Als ich im Hoteldie unselige Nachricht hörte, strauchelte ich und fiel bei-nahe. Irgend etwas trieb mich an, die Hand in meineTasche zu stecken. Ich zog die Flasche heraus und schautesie ganz bestürzt an. Ein Kellner, der neben mir stand,muß das WortGift" gesehen haben. Nun, ich werdedie Sache durchmachen müssen. Ich bin zu Ihnen ge-kommen, dem einzigen Freunde, den ich besitze. Wasrathen Sie mir, daß ich thun soll?"

Ich rathe Ihnen, Platz zu nehmen und, wenn mög-lich, mir zu sagen, was vorgefallen ist."

Carroll sah mich einen Augenblick starr an,dann warf er sich in deu nächsten Fauteuil und begannzu sprechen.

Ich will Ihnen erzählen, wie alles gekommen ist.Im Hotel Savoy kam ich ziemlich spät an, allein Main-waring war noch nicht zu Bette gegangen. Ich sah ihnund erzählte ihm meine Geschichte. Er verweigertees ein- für allemal, Pamela aufzugeben."

Und die Flasche?" fragte ich, als Carroll einenAugenblick aussetzte und sich den Schweiß von der Stirnewischte.

Ich ging in das Crown-Hotel", fuhr er fort,einen kleinen Gasthof in der Nähe deS Hotel Savoy.Als ich dort in mein Zimmer getreten war, nahm ichdas Fläschchen aus der Tasche. Mainwaring's Wortehatten mich fast zum Wahnsinn getrieben. Ich sah ein,daß er Paweln um keinen Preis aufgeben würde. Einunabweisbarer Wunsch, mir das Leben zu nehmen, stiegin mir auf. Ich laS noch einmal Ihre Beschreibungdes Giftes, brach das Siegel und zog den Kork aus derFlasche. Im nächsten Moment würde ich das Gift ein-geathmet und meinem elenden Dasein ein jäheS Endebereitet haben, aber im gleichen Augenblicke überkam michein furchtbarer Schauder über das, was ich zu thun imBegriffe stand. Jetzt fürchtete ich den Tod eben so sehr,als ich ihn zuvor herbeigesehnt hatte. Ich drückte denKork wieder in die Flasche und steckte sie ein. Das istAlles, waS soll ich jetzt thun?"

Ich wollte soeben antworten, als ein scharfes Läutenan der Hausthüre mich unterbrach. Schon in der nächstenMinute traten ein paar Polizeibeamte, von Lord Attrillbegleitet, in das Zimmer. Einer der Herren ging ge-radeswegs auf Carroll zu.

Heißen Sie Laurence Carroll?" fragte er.

Ja", antwortete der junge Mann.

Hier habe ich einen Verhastbefehl gegen Sie, wegendes Verdachtes, daß Sie heute Nacht Kapitän Main-waring im Savoy-Hotel ermordet haben."

Nun, da der Schlag wirklich hereingebrochen, warCarroll ziemlich ruhig.

Ich werde natürlich mit Ihnen gehen", sagte er;aber das sage ich Ihnen gleich, ich bin vollständig un-schuldig."

Je weniger Sie sagen, desto besser ist es für Sie,mein Herr", erwiderte der Mann.Es ist meine Pflicht,Sie mitzunehmen; es thut mir leid, aber, wie gesagt, jeruhiger Sie sich verhalten, desto besser l"

Carroll reichte mir die Hand, er warf keinen Blick