Ausgabe 
(11.12.1896) 102
Seite
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auf Lord Attrill, der seinerseits nicht die geringste Notizvon ihm nahm.

Einen Augenblick später befand ich mich mit demalten Grafen allein.

Der Schurke!" rief er aus, als die Thüre sichhinter Carroll und den Beamten geschlossen hatte.Ichwundere mich, daß Sie solchen Besuch bei sich dulden,Gilchrist, das find hübsche Ereignisse; mein einziger Wunschist, daß ich noch erlebe, wie diesen Burschen das Schick-sal, das er verdient, ereilt."

Er ist unschuldig, Attrill«, sagte ich.Bei Gott ,ich spreche die nackte Wahrheit. Carroll hat ebensowenigden Mord begangen, als ich."

Lord Attrill beehrte mich «it einem sonderbarenLächeln.

Ich glaube, Sie werden an Ihrer Meinung nichtrütteln lassen, aber ich theile sie nicht. Uebrigens hatdiese furchtbare Nachricht mein armes Kind schrecklich auf-geregt. Sie bat mich, Ihnen zu sagen, daß sie Sie zusprechen wünscht. Wollen Sie mit mir kommen?"

Gewiß!"

Ich setzte meinen Hut auf, und gleich darauf ver-ließen wir beide das Haus. Wir nahmen einen Wagenund fuhren direkt nach PortlandS-Square.

Natürlich hatte man alle Vorkehrungen für die Hoch-zeit weggeräumt, und das große HauS bot einen eigen-artigen Anblick. Diener und Tapezierer entfernten alleSpuren der angesetzten Feierlichkeit. Eine Thüre amentgegengesetzten Ende der großen Halle stand offen, undLord Attrill und ich gingen nach dieser Richtung, alswir in das HauS eintraten. Wir befanden uns in demRaume, in dem Lady Pamela's Hochzeitsgeschenke aus-gestellt waren. Der Tisch mit dem Glaskästchen standin der Mitte, ein purpurnes Kiffen lag darin aberder Diamant war fort.

Ah", sagte Lord Attrill, der die Richtung meinerAugen bemerkt hatte,der arme Mainwäring hatte be-sondere Eigenheiten mit dem Steine. Er brachte ihnjeden Morgen hierher, aber bestand darauf, ihn währendder Nacht bei sich zu behalten. Uebrigens wird es unterden gegenwärtigen Umständen nicht gerathen sein, ihn imHause zu belassen. Ich will ihn lieber gleich holen."

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als amandern Ende des Zimmers sich eine Thüre öffnete undder indische Diener Gopinath hcreinglitt. Sein geräusch-loser Eintritt war von keinem von uns beiden bemerktworden, aber sobald er uns sah, stieß er einen seltsamenSchrei aus und fiel uns zu Füßen.

Lannx Koe ist gestohlen!" stöhnte er.Ichhabe das leere Etui gefunden."

Er hielt das lederne Etui in der Hand.

Lord Attrill ergriff es.

Was soll das heißen", sagte er.Steh' auf,Bursche. Was hast du entdeckt?"

Das Schlangenauge ist fort", wiederholte der Mann.Ich fand den Behälter leer, so wie er da ist, unter demKiffen «eines Herrn. Ich habe das Futteral hierher-gebracht. Mainwaring Sahib muß von dem Diebe, derden Stein gestohlen, ermordet worden sein."

Lord Attrill's Aufregung bei dieser Nachricht warpngeheuer.

Das ist in der That ein Grund für den Mord.Gilchrist, ich muß Sie verlassen. Gopinath, komm' so-gleich mit mir."

Der Graf und der Jndier verließen zusammen dasGemach, und ich wendete mich um und läutete. EinDiener erschien.

Wollen Sie Lady Pamela mittheilen, daß ich hierbin. Fragen Sie, ob ich mit irgend etwas dienen kann."

Der Mann zog sich schweigend zurück. Nach einigenMinuten kam er wieder.

Lady Pamela wünscht Sie sogleich zu sprechen",sagte er,darf ich Sie bitten, mir zu folgen."

Er führte mich in den ersten Stock, in ein hübschesBoudoir, dessen rosa Vorhänge herabgelassen waren.

Eine weiß gekleidete Dame kam auf mich zu, strecktemir beide Hände entgegen und umklammerte die meinenmit kräftigem Drucke.

Bemitleiden Sie mich nicht", sagte Lady Pamela»denn sie war es,ich bin nicht traurig über meines Ver-lobten furchtbares Ende. Oh, ich weiß, es ist gefühl-los von mir, aber ich will Ihnen die Wahrheit sagener liebte wich, und man sagt, er sei ermordet worden.Sein Tod hat mich nur betäubt, überrascht, aber Siewerden mich verachten, wenn ich es eingesiehe, ich weißes, aber wenn ich leide, so geschieht es nur umCarroll's willen."

Setzen Sie sich", sagte ich zu ihr,dieses ent-setzliche Eceigniß hat Sie zu sehr aufgeregt. VersuchenSie, ruhig zu sein."

Wie kann ich das? rief sie aus.Soeben sagteman mir, daß man Laurence verhaftete man glaubtauch an seine Schuld, ich lese es in den Augen Aller;man meint sicher, daß er Mainwaring ermordete. Ichkann kaum sprechen vor Angst. In seiner Tasche hatman auch ein Fläschchen Gift gefunden. Man sagt, Siewüßten etwas darüber."

Unglücklicher Weise ist eS so."

Wie kam er dazu? Hatten Sie etwas damit zuthun?"

Ihrem Herrn Vater beantwortete ich eine ähnlicheFrage nicht", erwiderte ich,allein bei Ihnen ist esetwas anderes; wenn Sie mir ruhig zuhören wollen, werdeich Ihnen alles sagen."

In wenig Worten erzählte ich ihr, anf welche Weisedas Gift in Carroll's Hände gelangt war.

Sie glauben, daß er es nahm, um damit einenSelbstmord zu begehen?"

Das war seine Absicht. Drch, Gott sei Dank, alsder Augenblick kam, hatte er nicht den Muth, sein un-seliges Vorhaben auszuführen."

Wollen Sie das Verhör abwarten?" fragte LadyPamela nach einer Pause.

Ja."

Werden Sie voraussichtlich über das Gift befragtwerden?"

Es ist sicher, daß man diesbezügliche Fragen anmich stellen wird."

Und werden dann sagen, was Sie wissen?"

Ich blickte sie überrascht an.

Ich darf mit dem, was ich weiß, nicht zurückhalten",sagte ich.Denken Sie daran, daß man mich ver-eidigen wird."

Das ist gerade der Punkt, über den ich mit Ihnensprechen möchte", erwiderte sie, all' ihre Kraft Zusammen-nehmend.Wenn Sie auch unter Eid aussagen, somüssen Sie mir doch feierlichst versprechen, daß Sie daS,was zu Ihrer Kenntniß gelangt ist, verschwngcn."