Ausgabe 
(11.12.1896) 102
Seite
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Ich soll meineidig werden?" sagte ich.Sie wissennicht, was Sie sprechen."

Ja, ich weiß es", erwiderte sie bei diesenWorten warf sie sich mir zn Füßenwas kümmertmich ein Meineid. Man wird ihn ja hängen, wenn Siedir Wahrheit sagen."

Stehen Sie auf." Ich nahm sie bei der Handund führte sie zu einem Sopha.

Versprechen Sie mir zu schweigen i"

Lassen Sie ruhig mit sich reden, Lady Pamela,Sie find außer sich vor Angst. Man kann Carroll nurdamit einen Dienst erweisen, indem man versucht, denVerdacht von ihm zu nehmen."

Aber wenn er nicht von ihm genommen werdenkann?"

Was meinen Sie damit?"

Ich kann nicht dafür", seufzte sie,ich fürchtedas Schlimmste. Er war in Verzweiflung, der Brief,den er mir schrieb, verrieth es mir. Ich hätte ihn nieaufgeben sollen. Niemals liebte ich Kapitän Mainwaring.Oh! unter diesen schrecklichen Verhältnissen könnte sichalles ereignet haben."

Sie müssen mich anhören", unterbrach ich sie.Siehaben in der vergangenen Nacht nicht mit Carroll ge-sprochen, aber ich; Sie sahen ihn heute nicht; aber ich.Wären Sie bei ihm gewesen, so würde diese Furcht Sienicht befallen haben. Er ist ein Mann in verzweifelterLage, ich gebe das zu, aber, Lady Pamela, er ist keinMörder."

Sie trösten mich, trotzdem ich nicht daran zu glaubenwage", seufzte sie. Sie wischte den Angstsweiß von ihrerStirne, und ihre Augen nahmen einen ruhigeren Aus-druck an.

Ich würde Ihnen dies nicht sagen, wenn ich nichtselbst davon überzeugt wäre. Nun muß ich auf etwasanderes übergehen. Wissen Sie, daß der Diamant fehlt?"

Wie!" rief sie aus,das Schlangenauge?"

Ja, es ist gestohlen worden. Gopinath hat so-eben die Nachricht davon gebracht. Ihr Herr Vater istmit ihm fortgegangen. Diese Thatsache allein scheint mirCarroll's Unschuld zu beweisen. Diejenige Person, welcheden Diamanten raubte, beging zweifelsohne auch denMord. Nun brauchte aber Carroll kein Geld indiesem Moment seines Lebens wäre der Diamant von gar'einem Werthe für ihn gewesen."

Lady Pamela hörte mir mit glühenden Wangen undglänzenden Augen zu. Die Thatsache , daß der Steinfehlte, war für sie der größte Trost. Ich mußte sie jetztverlassen, versprach ihr aber, sobald ich neue Nachrichtenempfangen hätte, zurückzukehren.

Das Verhör fand am folgenden Morgen in allerFrühe statt. Ich hatte natürlich dabei gegenwärtig zusein. Die Verdachtsmomente waren für den armenCarroll ungeheuer belastend und man übergab die An-klage wegen vorsätzlichen Mordes dem Schwurgerichte.

Carroll wurde gesanglich eingezogen, um seine Ver-nehmung vor Gerichte zu erwarten, und die ganze FamilieCrossthwaite war in tiefster Trauer. Spät abends wollteich Lady Pamela nochmals besuchen, doch man sagte mir,sie fei ernstlich erkrankt, und man habe einen Doktor znNathe gezogen. Ein Nervensieber wurde befürchtet.

Unruhig und bedrückt kehrte ich nachhanse zurück.Ich ging in meine Bibliothek und versuchte vergebensauf andere, minder aufregende Gedanken zu kouimen, als

Silva mir meldete, daß der Jndier gekommen sei undmich zu sprechen wünsche. Ich befahl, ihn sogleich vor-zulassen. Gleich darauf betrat er das Zimmer.

Er kam gerade auf mich zu und übergab mir einenBrief von Lady Pamela, in welchem sie mich dringendbat, sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen.

Ich bin fast von Sinnen vor Kummer und Krank-heit", schrieb sie.Eine Unterredung mit Ihnen würdemir die größte Erleichterung verschaffen."

(Schluß folgt.)

--t-> v i * -

Die Cardmassivnrde und deren Verleihung.

Am vergangenen 3. Dezember hat LeoXIIl. in öffent-lichein Consistorium ivieder sieben nenernannten Cardinälenden Purpur verliehen. Bei diesem Anlasse dürfte es unsereLeser interessircn, etwas über die Bedeutung der Cardinals-ivnrde und das Ceremonie!! der Verleihung dieser Würdezu vernehmen. Wir benützen hiefür eine Studie des WienerVaterland":

Der Erhabenheit der Cardinalswürde entspricht auchihr hohes Alter; denn in einem gewissen Sinne habenjene Kirchenhistoriker und Canonisten Recht, die den Ur-sprung des Cardinalats in die ersten Zeiten des Christen-thums versetzen und bis auf die heiligen Päpste Cletus,zweiten Nachfolger des heiligen Petrus, oder Hymnus (154)zurückführen, wie es wohl auch nicht in Abrede gestelltwerden kann, daß die Bezeichnung Cardinal schon zur Zeitdes heiligen Silvester, also zu Anfang des vierten Jahr-hunderts, üblich war, allerdings nicht für die römischenPriester allein. Was die römische Kirche betrifft, so warendie Cardinäle ursprünglich die Inhaber der.tituli", d. h.der Pfarrkirchen Roms, also mit einem Worte die röm-ischenPresbyteri und derenGesammthcit; das Presbyteriumbildete seit den ältesten Zeiten gleichsam den Senat, dasberathende Kollegium des Papstes oder römischen Bischofs;dazu kamen dann später noch die Inhaber der Diakonicn,d. h. die' Vorsteher der frommen Anstalten in Rom undder damit verbundenen Kirchen. Daher der Unterschiedzwischen Cardinalpriestern und Cardinaldiakoncn, zu denennachher noch einige Bischöfe in der Umgebung von Romals Cardinal b i s ch ö f e kamen. Es war ganz natürlich,daß die Bedeutung und Würde der Cardinäle als derunmittelbaren Rathgcber und Mithelfer des Papstes inder Regierung der Kirche immer mehr zunahm, so daßschon der heilige Petrus Damiani sagen konnte, die Car-dinäle nähmen an der päpstlichen Würde selber theil.

Die Cardinäle sind Fürsten der Gesammtkirche, siesind gleichsam die Arme des Papstes, und abgesehen ebenvon der päpstlichen Würde, gibt es in der Kirche keinehöhere Würde als die der Cardinäle. Ihre Anzahl undihre Befugnisse wechselten im Laufe der Zeit. Ihr vorzüg-lichstes und wichtigstes Recht besteht seit 1059 darin, daßihnen ausschließlich die Wahl des Papstes zusteht, wäh-rend seit 1376 die Cardinäle nicht nur die Wähler desPapstes sind, sondern dieser auch nur aus ihrer Mittegewählt werden kann: das heißt: es kann Niemand Papstwerden, der nicht vorher Cardinal geworden. Daher dennauch Souveräne und Regierungen den Cardinälen diehöchsten Ehren erweisen, sie den Prinzen der regierendenFamilien gleichstellen und ihnen dementsprechend öffent-liche Ehrenbezeigungen zuerkennen.

Die Zahl der Cardinäle war, wie gesagt, sehr ver-schieden nach den Umständen und besonders nach demWillen der Päpste, denen deren Ernennung allein zukommt.Erst Sirius v. setzte in der berühmten Bulle .RostgumiMvon: Jahre 1685 ihre Zahl auf 70 fest, entsprechend derZahl der Aeltestcn, die Gott dem Moses als Rathgeberbestimmte, und zwar 6 Cardinälc von der Ordnung derBischöfe (die sogenannten snbnrbicarischen Bisthümer),60 von der Ordnung der Priester und 14 von der Ord-nung der Diakonen.

Das Amt der Cardinäle bringt es mit sich, daß sie ausgenommen jene, die auswärts Bischöfe sind beidem Papste rcsidiren, und es ist ihnen positiv vorgeschrieben,sich von dem Orte, wo der Papst residirt. nicht zn ent-