Ausgabe 
(15.3.1894) 11
 
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15. März 1894.

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St. Michael als Seelenwäger und Pastor Schenkelals sein Jkonograph.

8. Die Ikonographie des christlichen Mittelalters istein viel zu anziehendes Gebiet, als daß es uns wunderndürfte, wenn sich in unseren Tagen, wo die ehemaligeBilderstürmerei des 16. Jahrhunderts anch von billigdenkenden Protestanten längst lebhaft bedauert wird, nachdem Vorgänge des sehr verdienten Otte auch protestantischeGeistliche darauf begeben. Es darf uns dann aber anchnicht wundern, wenn das Bemühen, die Protestation gegendie Kirche als solche bereits vor dem Protestantismuszu constatiren, wie auf anderen so auch auf diesem Ge-biete angetroffen wird. Mit welcher Bosheit und Ver-blendung dies aber zuweilen verbunden ist, dafür wollenwir hier ein Beispiel anführen.

Im Jahre 1877 wurden in der Stcigkirche zuSchaffhausen mittelalterliche Gemälde bloßgelegt, vondenen eines den hl. Michael mit einer Waage darstellt,ein Bild,das mehrere höchst merkwürdige und selteneZüge in sich vereinigt, unter ihnen einen durchaus eigen-artigen, der ein Räthsel schwierigster Art zur Lösungaufgibt," wie Herr Pastor I. I. Schenkel meint. Nachjahrelangem Studium sei es ihm jedoch gelungen, desRäthsels Lösung zu finden, und er überrascht damit diestaunende Welt in diesem Jahre und zwar im Organdes hist.-antiqu. Vereines des Kantons Schaffhausen:Beiträge zur vaterländischen Geschichte", 6. Heft,S. 4-22.

Das Heft enthält zwei Kunstbeilagen, wovon dieeine jenes aufgedeckte Wandgemälde wiedergibt. Wirsehen auf diesem, übrigens höchst unbedeutenden Bildeaus der Zeit von 1500 den hl. Michael neben zweiHeiligen. In der Linken hält er eine Waage, deren(vom hl. Michael aus gerechnet) rechte niederziehendeSchale eine unbekleidete menschliche Gestalt beschwert, diesich an einem Kreuze anklammert, während aus der linken,in die Höhe geschnellten, eine Kirche hervorragt. Aufdem linken Waagbalken sitzt eine phantastische Teufels-gestalt, welche mit einer Gabel auf die Kirche in derSchale drückt, wahrend eine andere durch ihr Körper-gewicht, das noch dazu durch einen um den Hals ge-hängten Mühlstein verstärkt ist, die linke Schale in dieTiefe zu ziehen sucht. Mit seiner Rechten gießt der hl.Erzengel aus einem Gesäße eine Flüssigkeit über diedurch das nackte Figürchen dargestellte Menschenseele aus.Wir können die weitschweifigen, bis auf die mit den Haarenherbeigezogenen altgriechischen, ägyptischen, buddhistischen,mohamcdanischen Analogien eingehenden Untersuchungendes Herrn Pastors Schenkel bei Seite lassen. Die der mittel-alterlichen Darstellung des hl. Michael zu Grunde liegendeIdee kommt in Schenkels Studie nicht zum adäquaten Aus-druck. Die Bezeichnung des hl. Michael als Seclen-wäger ist eine äußerliche, beinahe triviale. Die Waage,ursprünglich auf Weltgerichtsbildern für sich vorkommend,gilt als Symbol der göttlichen Gerechtigkeit. Dieses Sym-bol wird später dem von Uranfang an von Gott mitder Exekutivgewalt betrauten hl. Michael , der darum inder Rechten gewöhnlich das Schwert oder Kreuzpanierträgt, in die Hand gegeben. Die christlichen Künstlerwußten diese wenigen Motive auf die mannigfaltigsteWeise zu verwerthen und zu beleben, indem sie z. B.den naheliegenden Akt des Wägens der Menschenscelen

einführten, den hl. Michael für oder gegen eine SeitePartei ergreifen ließen rc. Doch uns intercssirt zunächstdas Bild in der Steigkirche unddie Lösung seinesRäthsels", wie sie Pastor Schenke! gibt.

Weitaus das Merkwürdigste in dem Gemälde derSteigkirche ist, wie er meint, daß in der Waagschalelinker Hand eine Kirche steht. Was soll diese Kirchebedeuten? . . . Ein Bild der Scclcnwägung, auf welchemeine Kirche dargestellt ist, kam mir allerdings vor. Das-selbe befindet oder befand sich als Fresko in der Kirchezu Velemer in Ungarn ." Dort stelle nämlich ein Engeldas Kirchlein auf das rechte Ende des Balkens der vomhl. Michael gehaltenen Waage; es spreche also das Kirch-lein für die gewogene Seele.Nun aber liegt ja dieSchwierigkeit im Steigbilde eben darin, daß die Kirchesich in der Sündenschale befindet. Sie spricht danachgegen die Seele. Sie symbolisirt eine Schuld. Diezwei Teufel sind geschäftig, nicht etwa, sie aus der Schalehinauszuwerfen, was sie thun müßten, wenn ihr Gewichtzu Gunsten der Seele spräche, nein, sie bemühen sich,ihr ohnehin zum Nachtheil der Seele wirkendes Gewichtnach Kräften zu vermehren" (S. 19). Und so strengtsich Pastor Schenkel in fast krampfhafter Weise an, eineantikirchliche, jaantirömische" (S. 22) Tendenz ausdem Bilde herauszuklügeln. Und was sollte es anchanderes enthalten?Handelt es sich etwa beim Steig-bilde um eine bestimmte Person, und bestand deren Ver-sündigung vielleicht darin, daß sie eine Kirche erbauteaus erwuchertem oder geraubtem Gute, mit den Thränenvon Wittwen und Waisen? Schwerlich! Wenn un-gerechter Besitz zum Ban eines Gotteshauses diente, sowar die mittelalterliche Kirche in ihrer Beurtheilung desFalles sehr zur Milde geneigt. Der Zweck heiligte dasMittel."

Ist es etwa die Seele eines Priesters, die ge-wogen wird, und will mit der Kirche in der Schale linksgesagt werden: die Schuld des Mannes sei um so schwerer,weil ein Diener des Heiligthums sie auf sich lud :c.?"Gewiß nicht!Die römische Kirche war zu allen Zeitenviel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihresKlerus so an die Oeffentlichkeit gezogen hätte". Undnun soll der wahre Sinn des Steigbildes in Folgendemzu suchen sein: Die bloß äußerliche Zugehörigkeit zurKirche sei allein nicht zum Heile, sondern gereiche nur zuum so größerer Verantwortung u. a. m.

Allein derartige Grundsätze, wie Sie, Herr Pastor,dieselben aus dem Bilde herauslesen zu dürfen glauben,sind so ziemlich auch katholisch, nur mit der bestimmtenAusnahme, daß sich die katholische Kirche in ihrem Lehr-amts nie zu der wahrhaft horrenden und für den größtenTheil der Menschheit geradezu verzwciflnngsvollen Be-hauptung verstieg, die Sie in ächt lutherischer Weisewagen, daß nämlich die nicht im Gnadenstande gewirktenguten Werkestrahlende Sünden" (S. 21) seien undin die Sündenschale gehören". Schade nur, daß dasfragliche Bild bei nüchterner Betrachtung keinen Gedankenan jene Grundsätze erweckt. Eine antikirchliche Tendenzwürde aber weder in ihnen liegen, noch ist sie zu findenin dem Bilde der Steigkirche. Ich will Ihnen vielmehr,Herr Pastor, um zum Schlüsse zu kommen, kurz desRäthsels Lösung geben. Wie der Dichter, so setzt auchder Künstler zuweilen die Ursache statt der Wirkung.Man nennt das Metonymie. Das ist auch auf dem