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Steigbilde der Fall. Statt der nachgelassenen Sünden,die nichts mehr wiegen, findet sich in der linken Waag-schale des Steigbildes einfach die Kirche, als die Sühne-anstalt (dgl. Joh . 20, 22 f.), wie anderwärts, was Sieja selbst wissen, das Lamm Gottes . Was Sie von einemzum Nachtheile der Seele wirkenden Gewichte der Kirchefaseln, entspringt einer mehr als bloß optischen Täuschung.Denn Sie müssen ja doch sehen, daß die Schale mit derKirche in die Höhe geht. Was aber den Satz: der Zweckheiligt die Mittel, betrifft, so belieben Sie ihn einmalgefälligst aus der Mittelalterlichen Kirchenlehre zu be-weisen. Eine krasse Unkenntniß sodann, und wenn nichtdies, dann eine um so größere Bosheit verräth aber derSatz: .-Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zupolitisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerusso an die Ocffentlichkeit gezogen hätte." Soll ich Sieetwa mit einer Wolke von Beispielen gleichsam bedecken,welche alle Zeigen, wie die kirchlichen Künstler, angefangenvon dem Zeitpunkte, wo das dramatische Moment derScheidung der Auferstehenden in die Glückseligen undVerdammten in die Weltgerichtsbilder aufgenommen wurde— ungefähr von der Zeit des Meisters vom Weltgerichteim Campo Santo zu Pisa und des Deutschen StephanLochncr — bis herauf zu Cornelius und weiter, sich nichtscheuten, unter den Unglückseligen auch Ordensleute, Welt-geistliche, ja selbst auch mit Jnful, Cardinalshut undTiara ausgezeichnete Häupter aufzuführen?
Doch genug über das Steigbild zu Schaffhausenund seines Räthsels Lösung.
In dem gleichen Band „Beiträge zur vatcrl. Ge-schichte" des Schasfhausener hist.-antiqu. Vereins findetsich noch ein anderer Beweis dafür, wie unzuverlässigProtest. Berichte über rein katholische Dinge zuweilenausfallen können. Herr Nob. Harder veröffentlicht hierein Jahrzeitbuch (Anniversarienvcrzeichniß) der LeutkircheSt. Johannes in Schaffhausen und schickt demselben inbester Absicht einige einleitende Bemerkungen über die beider Jahrtagsfeier in Betracht kommende kirchliche Liturgievoraus. Trotzdem er sich aber bei seiner Arbeit derUnterstützung zweier Pastoren erfreute, gewinnen dochgerade seine liturgischen Erklärungen manchmal einen fastkomischen Anstrich. Ich begnüge mich damit, nur seineBeschreibung der Seelenmesse hieher zu setzen: „Wie dieöffentliche Messe, so setzt sich auch die Privat- oderSeelenmesse zusammen aus: 1. dem Jntroitus oder Ein-gang, bestehend in dem Wechselgesang eines Psalmversesoder sonst einer Bibelstelle, dem dreimaligen L^riseleisoir und der sogen. Doxologie oder Lobpreisung;2. dem Graduale d. i. dem Gesang eines Psalmen-oder Bibelvcrses, dem der Segen und die Anrede desPriesters, sowie die Verlesung des Episteltextcs voraus-geht. Nach 3. dem Ollsrtoriuw, womit die Brode auf-gelegt und die Mischung des Weines nebst der Hand-waschung vorgenommen wird, folgt 4. der Lanon wissao,die eigentliche Meßhandlnng. Sie wird eingeleitet durchein Dankgebet für die Erlösung, die Anrufung Gottesum gnädige Annahme und die Fürbitte für den Stifterund seine Angehörigen. Es erfolgt sodann unter ver-schiedenen leisen Gebeten, namentlich auch dem für dieVerstorbenen, die Weihung, Brechung und Austheilungder Hostie und der Abendmahlsgenuß des Cclebrauten,worauf die Feier mit 5. der l^ootoomurunioii, dem Ge-sang eines kurzen Gebetes und nachherigem Segen schließt."(S. 102.)
Diese Ausführungen schließen jede böswillige In-
sinuation gegen die katholische Kirche aus und sind deß-halb wesentlich anders zu beurtheilen, als jene des HerrnPastors Schenkel. Doch sollte man von einer Arbeit,welche mit Unterstützung zweier Geistlichen erstellt ist,die noch dazu zu den „Tit. Archivbeamtungcn" gehören,und bei denen deßhalb wenigstens um des historischenInteresses willen eine genauere Kenntniß der uraltenkatholischen Liturgie vorauszusetzen wäre, bessere In-formationen erwarten können.
Wir schließen, indem wir dem hist.-antiqu. Vereindes Kantons Schaffhansen den guten Rath ertheilen, inden Nedactionsausschuß der Beiträge zur vaterländischenGeschichte nur solche Mitglieder zu wählen, welche beifeinem, namentlich dem Historiker ziemenden, Takte gegenAndersgläubige der Fähigkeit zu sachlicher Kritik nichtentbehren. Dann wird der wahren Toleranz und derhistorischen Wahrheit zugleich gedient sein.
Der Herbartiniiisllms
an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien.
2^2 Im 2. Hefte des Jahrbuches für Philosophieund spekulative Theologie, herausgegeben von ProfessorCommer (Jahrgang 1893/94), veröffentlicht KanonikusOr. Gloßner einen trefflichen Artikel über den ebensoweitgreifenden wie unheilvollen Einfluß, welchen die Her-bart'sche Philosophie auf Geist und Methode der Er-ziehung und des Unterrichtes gewonnen hat. Der gelehrteVerfasser beabsichtigt mit dieser seiner Arbeit, die Auf-merksamkeit der maßgebenden Faktoren auf die Gefahrendes Eindringens Herbart'scher Lehrbücher in die Bildungs-anstalten für Lehrer und Lehrerinnen hinzulenken. Umdiesen Zweck noch besser und nachdrucksamer zu ermög-lichen, wollen wir auch den werthen Lesern unserer Blätterdie Hauptgedanken des erwähnten Artikels vorführen. Umso mehr fühlen wir uns dazu gedrängt, weil viele unsererLeser als Schulinspektoren oder Lehrer mit den der Schuledrohenden Gefahren näher bekannt gemacht werden müssen.Dies nun eindringlicher und concret zu thun, wählen wtrmit dem Verfasser als stellvertretendes Beispiel ein Lehr-buch, das seit Jahren unbeanstandet an den Lehrer- undLehrerinnen-Seminarien gebraucht wird: „Die all-gemeine Erziehungslehre. Lehrtext zum Ge-brauche an den Bildungsanstalten für Lehrerund Lehrerinnen. Von Schulrath Dr. G. A. Lindner.6. unveränderte Auflage. 1886." Das vorliegende Lehr-buch ist durchweg im Herbart'schen Geiste geschrieben.Daran vermochte die Berücksichtigung der „Empiriker"nichts wesentlich zu ändern. Wenn die Herbartianer dasVerdienst beanspruchen, strenge Wissenschaft mit Gläubig-keit und Religiosität zu verbinden, werden wir im Ver-lauf dieser Ausführungen wohl erkennen, daß die Wahr-heit und Wirklichkeit diesen schön klingenden Versicherungendurchaus nicht entspricht. Die Herbart'sche Philosophiewird uns geradezu ungeeignet erscheinen, die unentbehr-lichen psychologischen und ethischen Grundlagen einerwissenschaftlichen Pädagogik zu bieten. Unstreitig bedarfdie Erziehungsknnst und Erziehungswissenschaft einer reichenpsychologischen Erfahrung, einer klaren und tiefen Er-kenntniß der Seele und des Seelenlebens. Soll doch vorallem die Erziehung einwirken auf die Seele und ihreVermögen, insbesondere auf Verstand und Willen.Der Erzieher aber wird dies um so erfolgreicher können,je gründlicher er die Natur und Entwicklungsgesetze derScelenvermögen, die Art ihres Zusammenwirkens, ihre