gegenseitige Abhängigkeit n. dgl. erkennt. Der Blick inunser eigenes Innere, wie die Beobachtung der Aeußer-ungen fremden Seelenlebens zeigt uns das Bild einerungemein reichen Mannigfaltigkeit derBethätigungen inner-halb der Einheit des Selbstbewußtseins, die Gegensätze sinn-licher und geistiger, innerlich auffassender und nach außenstrebender Vermögen. Vorzugsweise gibt sich in der That-sache der freien Selbstbestimmung und der wirklichen oderangestrebten Herrschaft des Willens über die niederen Triebeund Strebungen ein nach innen und außen wirksamesund selbständig thätiges Prinzip kund. Diesen Erfahrungs-thatsachen aber widerstreitet geradezu die Herbart'schePsychologie. Das Lindner'sche Lehrbuch sagt (S. 4 f.)uns: „Die sogenannten Seelenvermögen: Verstand, Ver-nunft, Gedächtniß, Einbildungskraft u. s. w., gehörennicht zu den Uran lagen und sind vielmehr abgeleiteteVorgänge, die sich aus der Wechselwirkung derVorstellungen ergeben. Denn der Inhalt unsererVorstellungen ist in keiner Weise angeboren, sondernkommt uns von außen zu durch die Sinne. Angeborensind uns nur die formellen Verschiedenheiten derArt, wie die Seelenzustände im Bewußtsein auf-treten und wie sie verlaufen. Der eine faßt lebhaft undtief auf, der andere matt und seicht; der eine begreiftaugenblicklich, während der andere mit seiner Auffassungnur nachhinkt. Die Ursache hiervon liegt zumeist in derererbten Beschaffenheit des Nervensystems, welchewir das Temperament und Naturell nennen... AlleAnlagen sind ursprünglich körperliche Anlagen, d. h. ge-wisse angeborne Beschaffenheiten des leiblichen Organis-mus. Jnsoferne jedoch die letzteren einen Einfluß habenauf das Auftreten und den Verlauf der Seelenzustände,kann man auch von geistigen Anlagen sprechen." Diewahren Gründe — wenn auch unausgesprochen — fürLindner, mit Herbart , seinem Meister, die Existenz derSeelenvermogen zu leugnen und das gesammte Seelen-leben auf die Wechselwirkung der Vorstellungen zurück-zuführen, liegen in der Herbart 'schen Begriffsbe-stimmung der Seele. Nach Herbart (Werke, Bd. 5,S. 108 ff.) „ist die Seele das einfache Wesen, dessenSclbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Seele ist eineinfaches Wesen; nicht bloß ohne Theile, sondernauch ohne irgend eine Vielheit in ihrer Qualität... DieSeele hat gar keine Anlagen und Vermögen, weder etwaszu empfangen, noch zu produziren. Sie ist demnach keinetusiulu raoa, in dem Sinne, als ob darauf fremde Ein-drücke gemacht werden könnten; auch keine in ursprüng-licher Selbstthätigkeit begriffene Substanz in Leibniz'Sinne. Sie hat ursprünglich weder Vorstellungen, nochGefühle, noch Begierden; sie weiß nichts von sich selbstund nichts von anderen Dingen; es liegen auch in ihrkeine Formen des Anschauens und des Denkens, keineGesetze des Wollens und Handelns; auch keinerlei wieimmer entfernte Vorbereitungen zu dem allem. Daseinfache Was der Seele ist völlig unbekannt und bleibtes auf immer; es ist kein Gegenstand der spcculativenso wenig als der empirischen Psychologie. .. Die Selbst-erhaltungen der Seele sind Vorstellungen undzwar einfache Vorstellungen, weil der Akt derSelbsterhaltung einfach ist, wie das Wesen, das sicherhält. Daniit besteht aber eine unendliche Mannig-faltigkeit von mehreren solchen Akten; sie find nämlichverschieden, je nachdem es die Störungen sind. Dem-gemäß hat die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen undeine unendlich vielfältige Zusammensetzung derselben gar
keine Schwierigkeit. . . Der Gegensatz zwischen Seele undMaterie ist nicht ein solcher in dem Was der Wesen,sondern er ist ein Gegensatz in der Art unserer Auf-fassung. Die Materie als ein räumlich Reales, miträumlichen Kräften vorgestellt, wie wir sie zu denken Pflegen,gehört weder in das Reich des Seins, noch in das deswirklichen Geschehens, sondern sie ist eine bloße Erscheinung.Eben dieselbe Materie aber ist real als eine Summe ein-facher Wesen; und in diesem Wesen geschieht wirklichetwas, welches die Erscheinung einer räumlichen Existenzzur Folge hat." Nach Lindner (a. O.) sind Verstand,Vernunft, Wille u. s. w. Ergebnisse der Wechselwirkungsinnlicher Vorstellungen. Offenbar eine Theorie desreinsten Materialismus. Da kann es freilich nicht be-fremden, wenn es heißt, die Seele sei nicht wesentlichverschieden von den Elementen der Körperwclt. Die Auf-fassung der Materie als eines bloßen Phänomens ändertnichts an diesem groben Materialismus. Denn die Seeleund die Elemente der Körperwelt werden eben als Prin-cipien einer materiellen Welt, also materiell gedacht undbestimmt. Erklärte doch oben Herbart die Seele als ein-faches Wesen, dessen Selbsterhaltungen Vorstellungen sind.Die Vorstellungen aber sind ihm Produkte mechanischerVerhältnisse, eines Mechanismus der Elemente, wie alleübrigen Seelenphänomeua außer den Vorstellungen Pro-dukte des Mechanismus der Vorstellungen sind. Die Vor-stellungen sind nach Herbarts Ansicht Selbsterhaltungender einfachen Wesen gegenüber Störungen, welche vonaußen kommen. Wie nun aber soll man sich dies er-klärend Herbart findet den Grund der mannigfaltigenErscheinung (des Scheines) in der Vielheit der einfachenWesen, welche in dem mechanischen Verhältniß des Druckesund Gegendruckes zu einander stehen. Diese einfachenWesen suchen in einander einzudringen, setzen aber einenWiderstand entgegen und erhalten sich selbst gegenüberden von außen wider sie eindringenden Störungen. Erunterscheidet eben die Welt des Scheins, d. i. der Er-scheinung, und die Welt des Seins. Alles, was wirunmittelbar, äußerlich oder innerlich, erfahren, gehört derWelt des Scheines an, hinter der aber eine Welt desSeins angenommen werden mnß; denn „soviel Schein,soviel Hindeutung auf Sein". Der Schein ist relativ,das Sein absolut, unbeschränkt, einfach, unveränderlich.Das Sein ist jedoch nicht eines, das alles ist, sondern,entsprechend dem mannigfaltigen Scheine, eine Vielheitvon einfachen Wesen, welche alle ebenso absolut, unbe-schränkt, unveränderlich u. dgl., also ebcnsovicle Göttersind (Pantheismus). Darum weiß Herbart auch vondiesen Wesen keinen Weg zu einer schöpferischen Ursacheder Welt zu finden. Die Herbart'sche „Wissenschaft" istund bleibt atheistisch, sofern sie die Annahme eineshöchsten Wesens im religiösen Sinne ausschließt, pan-theistisch, sofern die von ihr angenommenen Wesenalle die göttlichen Eigenschaften der Absolutheit, Einfach-heit, Ewigkeit n. s. w. haben, materialistisch, soferndiese Wesen auch ganz wie die Atome Demokrits undEpikurs in bloß mathematisch-mechanischen Beziehungensich bethätigen. Allerdings wollen die Herbart 'schen Pä-dagogen, so auch insbesondere unser Lindner, jene athe-istischen und materialistischen Theorien ablehnen, abersie nehmen Lehren an und stellen Behauptungen auf,welche mit jenen abgelehnten stehen und fallen. Odersind das nicht Herbart 'sche Wege und Spuren, das ge-sammte Seelenleben auf Vorstellungen zurückzuführen undalles andere aus mechanischen Verhältnissen, aus der