wechselseitigen Förderung und Hemmung, Anziehungund Abstoßung der Vorstellungen abzuleiten? Somitbeherrscht Materialismus und Mechanismus ihre Päda-gogik, weil er ihre Psychologie durchdringt. Der Vor-wnrf des Atheismus mag im subjcctiven Sinne vielePädagogen der Herbart'schen Schule nicht treffen, aberauf alle trifft er im objectiven Sinne zu. Dies wirduns besonders klar werden bei Betrachtung der ethischenGrundlage der Herbart'schen Pädagogik L 1a Lindner.Doch bleiben wir noch zunächst bei der Lindner'schenPsychologie. Die sogenannten Seelenvermögen sind ihm,wie wir oben schon gehört, nur abgeleitete Vorgänge,welche sich aus der Wechselwirkung der Vorstell-ungen ergeben. Auf diese Weise erscheint die Psycho-logie als die reinste Mechanik der Vorstellungen. Voneinem snbstanziellen Ich, einem thätigen Selbst, einerfreien Selbstbestimmung des Willens kann da keine Redesein. Das Ich ist Ergebniß der innigen Verschmelzungund Verflechtung der Vorstellungen, der Schwerpunktgleichsam eines Vorstellungscomplexes. Da wird dieFreiheit geradezu zum Scheine, zur Selbsttäuschung. Wobleibt da für die Pädagogik eine wahre und gründlicheErkenntniß der Seele und des Menschen? Irrthümeraber über das Wesen der Seele und des Menschenführen nothwendig zu einer falschen Bestimmung desEndzwecks des menschlichen Lebens und des Zieles derErziehung. Die Herbart'sche Theorie widerspricht geradezudem Zeugniß des Bewußtseins, der inneren Erfahrung.Ist das Selbstbewußtsein die Erscheinung des Seelen-wesens, so kann dieses nicht ein todtes, vermögen- undthätigkeitsloses Reale im Sinne Herbarts sein, welcheskeine Macht über seine Vorstellungen besitzt und starrund unthätig hinter ihnen steht. Vielmehr muß die Seeleals ein selbstthätiges, sich mit Freiheit bestimmendesWesen mit einer Vielheit von Vermögen und Thätig-keiten anerkannt werden.
(Fortsetzung folgt.)
Eine „Sammlimg theologischer Lehrbücher"mit besonderer Berücksichtigung der Neligions-philosophie.
(Schluß.)
III.
O. Was zunächst die Religionsphilosophie aufSeite der protestantischen Wissenschaft betrifft, so könnenuns ja hier Neberraschungcn kaum mehr zu theil werden,und Siebeck begreift seine Stellungnahme innerhalb diesereigenthümlichen Richtungen vollständig. Bekannt sind jadie in neuester Zeit erschienenen Ncligionsphilosophienvon Teichmüller, Otto Pfleiderer, Nauwenhoff, RudolfSeydel .
Der verstorbene Professor Teichmüller in Dorpat wird in der Regel als „theistischcr gerichteter Neligions-philosoph betrachtet", Pfleiderer ist Pantheist, Nauwen-hoff sagt unö: „Glaube an uns selbst", das ist dashöchste Erkenntniß- und Lebensprincip. Nauwenhoff ver-steht darunter „die Nothwendigkeit, aus das zu vertrauen,was sich als Gesetz unserer Anlage bet unserem Fühlen,Denken und Urtheilen geltend macht".
Neuestens hat man sich gar noch bewogen gefühlt,bi Neligionsphilosophie des verstorbenen Leipziger Pro-fessors Ludwig Seydel aus dem Nachlaß herauszugeben,ein opus, aus dem keine Klarheit gewonnen werden kann.Seydel ist ein Phantast. Bis zum Jahre 1680 war er
ein geradezu fanatischer Anhänger der Freimaurerei undglaubte im Frcimaurerbnnde den Anfang des Werdenseiner wahrhaft christlichen, idealen Kirche zu sehen. 1880trennte er sich, in seinen Hoffnungen getäuscht, von derFreimaurerei und warf sich der buddhistischen Richtung indie Arme, trieb Buddhismusschwärmerei in seinem Werk:„Das Evangelium von Jesu in seinen Verhältnissen zurBuddha-Sage und Buddha-Lehre." Den Abschluß seinerliterarischen Thätigkeit bildet „die Neligionsphilosophie tmUmriß." Der ursprüngliche Titel sollte lauten: „DieReligion der freien Gotteskindschaft im Umrisse einerNeligionsphilosophie."
Gegenüber diesen verschiedenen Versuchen, eine Ne-ligionsphilosophie aufzubauen, nimmt Hermann Siebeck insofern eine eigenartige Stellung ein, als er ohne Zweifelvon dem für ihn feststehenden Antagonismus zwischenCultur und Religion ausgeht, Cultur die These und Re-ligion die Antithese. Damit hat Siebeck einer gegenwärtigherrschenden Richtung Rechnung getragen. Hat man bisherbald das Absolute, bald den Urstoff als Embryo betrachtet,der sich in eine ganze Welt entwickelt, so ist jetzt dieserEmbryo der Begriff Cultur .
Siebeck sagt: Der Culturproceß verläuft in unbe-stimmte Ferne und Höhe; wie seine Anfänge in dasDunkel der Vorzeit, so verliert sich sein zukünftiger Ver-lauf in ein Stadium immer zunehmender Vervollkomm-nung, für welche keiner der erreichten Zustände je alsletzter und abschließender zu gelten hat. Inhalt undZweck der Welt fallen zusammen in dem Begriff der sichselbst bedingenden und sich selbst in unaufhörlichem Fort-gange vollendenden Ausgestaltung der Welt zum Schau-platze und zugleich zur Substanz des sich immer mehrerweiternden und vertiefenden Lebens der Menschheit."
Aber diesem Culturproceß stellt die Religion einBein. Wie löst sich dieser Kampf? Siebeck weiß unsschließlich nur eine Antwort zu geben, die im monistisch -evolutionistischen System mündet und nur ein neuesProblem stellt. Nach einer überaus schwierigen Dar-stellung von über 400 Seiten weiß uns Siebeck keineandere Auskunft, als: „Die Persönlichkeit, die sich alsGlied des Weltprocesses erlebt, mutz und darf zugleichdas Bewußtsein haben, ein Princip zu sein, welches ihmnicht untergeordnet, sondern übergeordnet ist. DiejenigeSeite der Cultur nun, kraft deren die Persönlichkeitdieses Bewußtsein in sich findet und in seiner Bedeutungzu würdigen vermag, ist die Religion, sofern diese dasBewußtsein des absoluten Werthes der Persönlichkeit fest-hält gegenüber allem Anschein ihrer Jnferiorität angesichtsdes Stromes der Gesammtentwicklung."
Doch da erhebt sich sofort gebieterisch die Frage:Was ist Persönlichkeit?
Denn diese Frage wird sich nicht entscheiden lassen,wenn nicht zuvor die andere entschieden ist, wie sich derGeist oder die Seele zum Körper stellt. Darauf weißaber Herr Siebeck keinen Aufschluß zu geben. DennS. 427 sagt er diesbezüglich: „Diese beiden Seiten,nämlich die seelische und die leibliche, müssenwegen der Einheitlichkeit der Entwicklung desOrganismus als die verschiedenartigen und doch ver-wandten Triebe aus einer und derselben Wurzelangesehen werden und als solche ist ein einheitlicherLebensgrund vorauszusetzen, der als dasjenige zu geltenhat, was sich erscheinungs- und erfahrungsgemäß in demWechselverhältniß der beiden bezeichneten Seiten des(psycho-physischcn) Organismus ausschließt und darstellt,