85
dessen Wesen ,an sich' aber der wissenschaftlichen Methodeund Erkenntniß sich entzieht."
Wer will sich da wundern, daß Siebeck nicht zueinem Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, zu keinemBeweis für die Bestimmung des Menschen, zu keinemBeweis für die Existenz Gottes und natürlich nochweniger zu dem Begriffe der Persönlichkeit Gottesgelangt.
Indeß hören wir einmal die auf monistischer Basisstehende Anschauung Siebecks über die Persönlichkeit desMenschen (S. 169): „Der Gang der Entwicklung führtvom unpersönlichen Wesen des Kindes zu dempersönlichen Bewußtsein des Erwachsenen undandererseits von der dem Wesen der Persönlichkeit nursehr unvollkommen entsprechenden geistigen Beschaffenheitdes Naturmenschen zum durchgebildeten persönlichenSelbstbewußtsein des eigentlichen Cultur menschen. DenHöhepunkt dieser Entwicklung macht eine Bestimmtheit desBewußtseins aus, kraft deren der Einzelne sich nicht mehrbloß als ein im Wesentlichen passives Theil-stück einer sehr unbestimmt abgegrenzten Umgebung weißund fühlt, sondern sich selbst als selbständige Ein-heit gegenüber einer Welt zum Bewußtsein ge-kommen ist."
Trotzdem Siebeck mit dieser Darlegung auf die Höhemoderner Aufklärung steigt, scheint er uns sie doch nichtvoll erreicht zu haben, denn sonst hätte er viel concreteralso sagen können: Die Persönlichkeit ist ein Charakter-isticnm der Langköpfe, während die Rundköpfenoch unpersönliche Wesen sind, weil sie durchaus passiverNatur und geborene Autoritütsmenschen sind, durchausabhängig von der sie umgebenden Autorität. Denn zudiesem Resultat ist die neueste Forschung der Wissenschaftgelangt. Wer es nicht glaubt, der lese Otto Ammon's Werk „Die Auslese beim Menschen". Dort wird erS. 219 finden: „Die Nnndköpfe sind geborene Autoritäts-menschen," ferner Seite 220: „Die Eigenschaften, welchedie Kirche von ihren Parochialgeistlichen verlangt, sinddie des Nnndkopfs. Die ganze Veranlagung dieses Typusmacht ihn zu gehorsamen und daher tauglichen Werkzeugender Kirche." Früher hatte schon De Lapouge bemerkt:„Von Religion ist der Nnndkopf Katholik."
Lassen wir diese Abschweifung. Siebcck hat sich mitseiner Neligionsphilosophie offenbar überstürzt. Ersagt nämlich in dem Abschnitt über die Aufgabe undMethode der Neligionsphilosophie Seite 31 u. f.: „Ne-ligionsphilosophie bedeutet nicht Anwendung von Religionauf Philosophie, sondern Anwendung der Philosophie aufdie Thatsache der Religion." Er sagt weiter wörtlich:„Die Neligionsphilosophie ist die Anwendung der Philo-sophie als der Wissenschaft von dem Wesen und der Be-thätigung des geistlichen Lebens auf die Thatsache derReligion als einer bestimmt unterschiedenen Ausgestaltungdesselben."
Wir stellen nun die Frage: Warum hat uns Siebecknicht zuerst mit einem System der Philosophie beehrt?Denn soviel wir wissen, ist Siebeck zunächst nur mithistorischen Arbeiten in die Oeffentlichkcit getreten, zuletztmit der Geschichte der Psychologie. Wir sind nun derAnsicht, hätte Siebeck zuerst auf Grund der Begriffs-formnlirung, wie sie seiner Neligionsphilosophie zu Grundeliegt, ein System der Philosophie ausgearbeitet, niemalshätte er eine Neligionsphilosophie in die Öffent-lichkeit geschickt, höchstens wäre ein Werk zu Standegekommen, ähnlich dem des Jenaer Professors Encken:
„Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und Thatder Menschheit."
Dadurch aber, daß Siebecks Neligionsphilosophie indiese Sammlung theologischer Lehrbücher aufgenommenist, ist diese Art Theologie selbst uä nstsuräuin ge-führt, d. h. sie ist nicht mehr Theologie, sonderndie vollständige Negation derselben. Denn isteinmal die Wahrheit des Christenthums in seinen Dogmenfür vogelfrei erklärt und total destruirt, so ist nothwendigdie Wahrheit der Religion überhaupt und der die Reli-gion tragenden Vernnnftwahrheiten preisgegeben. WelcheConsequenzen aber hierin für die Politik sich ergeben,dieses Thema mag einer späteren Erörterung vorbehaltensein, soweit sie Zeit und Umstände ermöglichen.
Eine Studie über den hl. Joseph, ob Zimmer-mann oder Architekt?
Von Dr, Sep p.
Unter den Darstellungen im Evangelium, welche dieKunst uns bietet, schien mir immer eine unannehmbar,wenn er, welcher noch nach seinem zwölften Jahre seinenEltern in Nazareth unterthänig war (Luk. II, 51), alsLehrjunge im Zimmerhandwerk Hobelspühne aus-kehrt oder gar in der Vorahnung seines gewaltsamenTodes aus einem Brettstücke ein Kreuz sägte, wieOverbeckund Steinle, diese wahrhaft christlichen Maler denKnaben Jesus uns bildlich vorführen. Was sagen wirerst zu Uhde, wenn er den Socialismus ins Kunstgebieteinzuführen beliebt, seine Vorbilder nicht bloß von derStraße holt, sondern aus dem Strafarbeitshause zu ent-lehnen scheint, und den Nährvater Christi alsHolzhauer mit der Säge über der linkenSchulter, Maria aber wie eine Holzträgerinmit der Eßwaarentasche in der Hand uns vorpinseltlDie Kunst soll uns erheben und erbauen, und nicht aberins Gemeine ausarten, was schon Albrecht Dürer angewissen holländischen Kollegen mit der bedenklichen Fragerügte: „Kann man so etwas auch malen?" wenn sieWirthshansscenen, Saufereien und Schlägereien zumGegenstand ihrer Darstellung wählten.
Der heilige Joseph, dessen Jahresfest wir wiederbegehen, gilt für den Schutzherrn der Zimmerleute. Gut!Sieht man aber näher zu, so darf er noch viel mehr fürden Patron der Architekten gelten, doch das habenwir erst näher zu beweisen. Den vornehmsten Patron habenwohl die Architekten eigentlich in der Person Jesu selbst. Bei Markus VI, 2 f. lesen wir vom Ausdruckder Verwunderung, welche die Nazarethaner über dieWeisheit Jesu erhoben: „Ist denn dieser nicht derZimmermann, Josephs des ZimmermannsSohn?" Mit dieser Uebersctzung und Auslegung binich nicht einverstanden. Gewiß adelte er die Arbeit. DieRabbiner: machten es jedem Vater zur Pflicht, seinenSohn zu einem anständigen Geschäfte zu erziehen. ImTalmud Liäänsolrin Fol. 4, 41 spricht der berühmteN. Meir: „Jeder gebe sich Mühe, seinen Sohn eine ehr-same Kunst ergreifen zu lassen." So könnten wir eineReihe der Lehrer in Israel, von den Zeitgenossen Jesu angefangen, aufzählen, welche diesem oder jenem Berufesich widmeten. Spinoza brachte sich mit Glasschleifenfort. Paulus war ein Zeltweber. Von Sokrates , welchendas Orakel zu Delphi für den weisesten Sterblichen er-klärte, zeigten die Athener die Gruppe der Grazien.