Ausgabe 
(19.4.1894) 16
 
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ssn. 16

19. April 1894.

Aus dem Jugendleven des ChurfürstenMaximilian I. von Bayern.

Es ist unmöglich, auch nur ein einziges Menschen-leben einer bis auf den Grund gehenden Analyse seinerseelischen Anlagen zu unterwerfen. Darum wird es niegelingen, das ganze ungeheure seelische Getriebe derWeltgeschichte bloszulegen. Nichts jedoch vermag wohlmehr die leitenden Motive der handelnden Personen inder Geschichte aus psychologischen Grundlagen zu erklären,als die Kenntniß jener Grundsätze, nach welchen dieselbenin ihrer Jugendzeit erzogen worden sind. Darum ver-dienen alle Mittheilungen wohl Beachtung, die uns zurBeurtheilung von fürstlichen Persönlichkeiten, deren Namedurch keine Macht der Zeit aus dem dankbaren Gedächt-nisse der Nachwelt ausgelöscht werden kann, einen Ein-blick in deren geistige Entwicklung in der wichtigstenLebensperiode gestatten, die uns die Erziehung und denBildungsgang ihres Jugendlebens vor Augen führen.Diesem interessanten Theile der Geschichte der Pädagogikwill der 14. Band der Nonuinonta, Oorrnanias xusäu-AOAloa, dienen, der sich mit der Geschichte der Erziehungder bayerischen Wittelsbacher von den frühesten Zeitenbis zum Jahre 1750 beschäftigt. Die hier gebotenenUrkunden zerfallen a) in Amtsinstruktionen für die mitder Erziehung der fürstl. Kinder beschäftigten Personen;b) in Briefe, die von bayerischen Prinzen und Prinzes-sinnen an ihre Eltern oder von letzteren an ihre Kindergerichtet sind; o) in Berichte und Mittheilungen vonHofmeistern und Lehrern der fürstlichen Kinder an derenEltern, und ä) in Schul- und Uebungshefte bayerischerPrinzen aus verschiedenen Zeiten. Um den Werth desgebotenen Materials in aonorsto zu veranschaulichen,will im Nachstehenden auf Grund der vorliegenden Ur-kunden das Bild einer Prinzenerziehung aus der bayer.Vergangenheit gezeichnet werden, das Jugendleben einesFürsten, der untadelig bis zum letzten Athemzuge war,des großen Churfürsten Maximilian I. von Bayern.

Maximilians Vater, Herzog Wilhelm V. , war eintreubesorgter Vater, unablässig bemüht um das geistigeund körperliche Wohl seiner Kinder. Sein väterlichesBemühen ging einzig dahin, die Prinzen zur FurchtGottes, zum Gehorsam gegen die Eltern, zu Demuthund Tapferkeit, zu Wahrhaftigkeit und Ehrbarkeit, zueinem nüchternen, mäßigen Leben zu führen, weitabvon Hoffart, von Ueberfluß im Essen und Trinken,von Spiel, Leichtfertigkeit und Unzucht. Zu diesem Zielesollen, wie die von ihm stammende Instruktion vomJahre 1584 es ausspricht, der neu ernannte Präceptorund Hofmeister seine Söhne von frühester Jugend anHinleiten, weil das, was in der ersten Jugend ange-nommen wird, tief zu wurzeln und lange zu bestehenpflegt. Darum soll der Anfang der Erziehung gemachtwerden mit der Einpflanzung der Furcht Gottes. DerHerzog schreibt eine genaue Eintheilung des Tages fürdie Prinzen vor und bestimmt genau, wie ihr Studiumdurch Uebungen des Gebetes geheiligt werden soll.Morgen- und Abendgebet sollen sie mit gebogenen Knieenin orutorw verrichten und täglich nach demMorgen-süppel" die hl. Messe anhören. Damit sie von Jugendauf lernen, ihre Gebete der Ordnung und den Gebetender Kirche anzuschließen, sollen die Prinzen, sobald siean Verständniß der lateinischen Sprache etwas zuge-

nommen haben, brauchbare Meßbüchlein, welche auch diewechselnden Gebete und Lesungen enthalten, zu Händenbekommen. Den englischen Gruß, der so viele Geheim-nisse unserer hl. Religion enthält, sollen sie öffentlichbeten, wo immer die Betglocke sie antreffen uiögc. Be-züglich des Tischgebetes wünscht der Herzog, daß seineSöhne mit den für die Hochfeste gebräuchlichen veränder-lichen Versikeln bekannt gemacht werden. Einmal in derWoche, vorzüglich an Samstagen und Feierabenden, sollensie den Rosenkranz mit der lauretanischen Litanei beten.Die Prinzen sollen aber nicht nur beten, sondern auchwissen und verstehen, was sie beten, und erkennen, daßsie einen solchen täglichen Gebetsdienst dem Allmächtigenschuldig sind, um Hilf' und Stärkung zu einem christ-lichen, tugendsamen Leben zu erlangen, zu dem sie nichtnur wie die anderen Gläubigen durch die Taufe sich ver-pflichtet, in dem sie vielmehr kraft ihres Standes undBerufes anderen vorzuleben und vorzuarbeiten haben.Der TitelDurchlaucht" soll sie daran erinnern, daß siemit allen Tugenden geschmückt und so aus den anderenMenschen gleichsam heranslerichten und scheinen sollen.Darum sollen sie gegen jedermann freundlich und hold-selig, gegen die Ihrigen aber sich gnädig und hilfreicherzeigen, und wohl es bedenken, daß es nicht Knechteund Leibeigene, sondern christliche Mitbrüder und Erbendes Himmelreiches sind, denen sie dereinst vorstehen sollen,damit sie in Glücks- und Unglückszeiten sich einen Schatzsammeln und Freunde machen. Der innig fromme, zarte,religiöse Sinn des Vaters Zeigt sich besonders in der An-weisung, welche er an den Hofmeister richtet; wenn ergewahre, daß die Prinzen einen besonderen Wunsch hegen,z. B. nach einer Reise, nach einem Geschenke, oder über-haupt nach einem von den Eltern zu erbittenden Gegen-stände, so solle er dieselben lehren, diese Dinge durchAndacht im Gebete zu suchen, damit sie wissen und ver-stehen, daß Alles und Jedes allein von Gott erbeten underhofft werden muß.

Herzog Wilhelm hat es wohl erkannt, daß das besteSchutzmittel für seine Kinder gegenüber der um sichgreifenden neuen Lehre in dem kindlichen Anschlüsse andie Kirche und ihr oberstes Haupt, im rechten Verständnißder katholischen Lehre und in treuem, herzlichem Gebeteum die Gnade des Glaubens vor allem durch die Für-bitte Mariens, der Patronin Bayerns , gegeben ist. Darumsoll zunächst der deutsche, später der lateinische Katechis-mus und darauf die (laxita, äootrinas Ollristianas6ar>isii mit- und neben dem täglichen Brode in denHänden seiner Söhne sein. Hierin soll der Präceptorganz besonders sich angelegen sein lassen, gründlich zuunterweisen, in seinen Schillern Liebe und Neigung zurKirche und zum göttlichen Dienste zu wecken und zudiesem Behufe sie in das Verständniß der herrlichen undschönen Ceremonien einzuführen. Zugleich ist sorgfältigdarauf zu achten, daß kein Buch in die Hände derPrinzen komme, das in Bezug auf Religion und Sitt-lichkeit irgendwie verdächtig erscheint. Desgleichen sollenPersonen, welche in dieser Richtung nicht verlässig er-scheinen, keinen Zutritt bei ihnen haben; denn es sindBeispiele vorhanden, daß fürstliche Kinder heimlich undin der Stille, ehe man die Sache recht gewahrte, inner-lich verführt wurden durch böse, schädliche Leute, die unterAnwendung von allerlei Formen von Höflichkeit undscheinbarer Liebe sich meisterlich einzuschleichen verstanden.