Ausgabe 
(19.4.1894) 16
 
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wieder vollständig ihren Dienst leisten, so werden eigent-lich statt eines Wunders zwei oder sogar drei verlangt.Bei längerem Verluste des Gebrauches eines Gliedes istnach Wiedererlangung dieses Gebrauches letzterer erstwieder zu erlernen; der Geheilte muß sich erst wieder andie neu erlangte Funktionsfähigkeit des Gliedes gewöhnen.Ferner bleibt naturgemäß trotz des Vertrauens des Ge-heilten für die erste Zeit eine Art Unsicherheit bezüglichdes geheilten Gliedes zurück, hervorgerufen durch dieUngewohntheit des neuen Gefühles, welches rasch undunvermittelt auf das alte schmerzhafte Gefühl oder unterUmständen auf die gänzliche Gefühllosigkeit folgt. Chnrcotverlangt also, daß mit dem physischen Defekt auch zu-gleich sofort ein doppelter moralischer Defekt ge-hoben werde. Ich halte es aber für ausreichend znrAnnahme des Wundercharakters einer Heilung, wenn da,wo bei klarer und deutlicher Einsicht in die Natureiner Krankheit eine Regeneration des kranken Organis-mus sowohl von Seiten des letzeren als von Seiten derangewendeten oder anwendbaren ärztlichen Mittel voll-ständig und positiv ausgeschlossen ist, trotzdem auf denlebendigen Glauben hin plötzlich eine Regeneration ein-tritt und ohne Rückfall vorwärts schreitet. Die unerläß-liche Prüfung hat sich aber in einem solchen Falle be-sonders darauf zu erstrecken, ob die eingetretene Re-generation in sich wesentlich vollendet ist und etwaigezurückbleibende Mängel lediglich unwesentlicher Natursind und dem berührten moralischen Gebiete angehören.Ohne Beantwortung dieser Fragen ist ein sicherer An-haltspunkt zur Annahme eines Wunders nicht gegeben.Wollte man sich aber etwa darauf steifen, daß bei demheutigen Stande der medizinischen Wissenschaft die unbe-dingte Regenerationsunfähigkeit eines kranken Organis-mus aus eigener Kraft nicht bewiesen werden könne, somüßte eben in allen Fällen, wo die Heilung nicht eineplötzlich vollständige im Sinne Charcot's ist, auch vonSeiten der medizinischen Wissenschaft das Urtheil überden Wundercharakter objectiv in LUkpanso bleiben unddem subjectiven Ermessen des Einzelnen freies Spiel ge-lassen werden.

Nun sind aber viele plötzliche vollständige Heilungen,sogar bei namhaften äußeren Verwundungen, beglaubigt.Beispiele anzuführen, halte ich für überflüssig. DieWunder der hl. Schrift erfüllen ausnahmslos die An-forderungen Charcot's im vollsten Sinne. Ich will nurauf ein Beispiel verweisen, auf die Heilung des Lahm-gebornen, welche der hl. Lukas in Apostelgeschichte 3 ganzeingehend erzählt. Wer die Erzählung nachliest, kann sichsicher im Hinblick auf die Anforderungen Charcot's desEindruckes nicht erwehren, es habe der hl. Arzt undHagiograph auf göttliche Fügung hin den Einfall seinesspäteren einseitigen Collegen im voraus berücksichtigtund zurückgewiesen. Wir haben so in den AnforderungenCharcot's eine treffende, unfreiwillige, unbewußte Be-stätigung des Wundercharakters der in der hl. Schrifterzählten Heilungen.

Aus der Darstellung Charcot's geht fernerhin mitvollster Klarheit hervor, daß nur der Glaube mit reli-giösem Charakter, oder sagen wir ganz bestimmt mitkatholisch-religiösem Charakter, Wunderheilungenhervorruft. Diesem Glauben ausschließlich ist in der hl.Schrift Wunderkraft verheißen. Wir haben bis jetzt nichteinmal den Versuch eines Beweises, daß auch der reinprofane, rein natürliche Glaube Wunderkraft besitzt,nämlich in sich, ohne jedes weitere Mittel. Man sucht viel-

mehr den übernatürlichen Glauben einfach auf das natürlicheNiveau herabzudrücken. Allerdings verlangen auch dieAerzte Glauben und Vertrauen für ihre Person vonihren Kranken. Aber der diesbezügliche Glaube ist nurein Beruhigungsmittel, wirkt nur negativ zur Bannungschädlicher Einflüsse, positiv höchstens insofern, als er denGehorsam gegen den Arzt und seine Vorschriften fördert.Ein Arzt, der mit der Entdeckung der Wirksamkeit einesrein natürlichen Glaubens auch nur den Erscheinungender Hysterie gegenüber vor die Welt träte, wäre imHandumdrehen ein gemachter Mann. Die Heilung durchpsychische" Mittel (Towler) ist etwas ganz anderes, alsdie Heilung durch den Glauben. Will man sie demGlauben an die Seite stellen, so müssen sie vor allemgenau bezeichnet und ihre Natur dargelegt werden. D erGlaube aber, welcher nach den bisherigen Erfahrungenallein zur Heilung führt, gehört wegen seines über-natürlichen Charakters nicht zu den psychischen Mitteln,höchstens insoweit sein Sitz eben die Seele ist. Aberes sind doch auch Heilungen durch den Glau-ben am Grabe des Jansenisten Paris erfolgt!Freilich, wenn man den entsprechenden Be-richten glaubt. Mit der Glaubwürdigkeit derselbensieht es aber so mißlich aus, daß dieselbe gänzlich un-annehmbar ist. Der Erzbischof von Paris , KasparVintimello de Luc, erklärte 1731 und 1734 die amGrabe des 1727 verstorbenen Franz von Paris angeblichgeschehenen Wunder für erdichtet. Dex MedarduS-Kirch-hof, in welchem sich das Grab befand, wurde 1732 aufBefehl Ludwigs XV. geschlossen. Darnach wurde derUnfug mit Erde von dem Grabe in den Häusern fort-gesetzt. Eine Controlle für die vorgegebenen Heilungengab es nicht. Ich stütze mich hier auf die Darstellungin Cardinal Hergenröther's Kircheugeschichte. Wenn ichhiermit scheinbar Autorität neben Autorität setze, so binich dazu vollkommen berechtigt, da Charcot sich so wenigals Historiker zeigt, daß er unter seinem hl. Franz vonParis und seinem hl. PLris, wie schon die Schreibweisezeigt, offenbar zwei verschiedene Personen versteht. Nachden historischen Grundsätzen, die Charcot bei seinem Ver-weis auf die Vergangenheit befolgt, müßte man con»scquenterweise alle Erzählungen aus früherer Zeit fürwahr halten, wenn sie in früherer Zeit aufgezeichnet, undinsbesondere, wenn sie mit Abbildungen versehen sind.

Charcot's ganze Darstellung leidet überhaupt anUnklarheit. Er begeht den Fehler, daß er aus feinenVoraussetzungen, mögen sie objectiv feststehen oder nicht,wie viele Vertreter moderner Wissenschaft ohne weitersschließt und mehr erschließt, als in ihnen liegt. WennLähmungen und Circulationsstörungen plötzlich auftretenund ebenso plötzlich verschwinden können, so folgtdaraus nicht mehr und nicht weniger, als daß bei derBeurtheilung von Wunderheilungen Täuschungen mitunterlaufen können das zu leugnen, fällt niemandenein, daß also bei dieser Beurtheilung die größte Vor-sicht und Genauigkeit erforderlich ist; es folgt aber nichtim entferntesten, daß es keine Wunderhetlungengibt oder keine geben kann. Will überhaupt einArzt von seinem Standpunkte aus in dieser Frage mit-reden. dann darf er nicht von vorneherein auf das philo-sophische oder gar (wenn auch nur negative) theologischeGebiet überspringen, sondern er hat in rein experi-menteller Weise die Heilkraft sowohl des natürlichenals des übernatürlichen Glaubens zu untersuchen. Ent-deckt er eine solche des ersteren, so mag er sie bestimmt