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formulieren. Entdeckt er, waS das allerwahrscheinlichsteist, an dem natürlichen Glauben an sich überhaupt keineeigentliche Heilkraft, und vermag er die des übernatür-lichen Glaubens mit seinen Mitteln nicht zu fassen undzu beweisen, ohne daß er sie willkürlich ihres eigentlichenCharakters entkleidet, steht er mit seinen Mitteln hier voreinem ihm unlösbaren Räthsel, so ziehe er sich bescheidenauf sein eigentliches Gebiet zurück und überlasse die Sachegetrost der allein competenten Autorität!
Der Ammonstempel in Karuak (Theben ).
Dr. 8. L. Das Wunderland der Pharaonen hattees mir schon in frühester Jugend angethan. WaS auf dasalte Aeghpten Bezug hatte, war für mich von hohemInteresse. Was Wunder, wenn ich bei meinem Aufenthaltin Kairo den Einflüsterungen meines Dragomans Gehörschenkte und eine Dhahabiye (Segelschiff) miethete, umdie Reise bis zum ersten Katarakt zu unternehmen. Ob-wohl ich 6 Wochen ganz allein mit meinen 12 Musel-männern, welche die Besatzung ausmachten, auf demSchiffe war, und obwohl ich bei den glühendheißen Tagenund den eiskalten Nächten, bei Moskitos, Wespen, Fliegen,bei bakschischheischenden Eseltreibern rc. gar manches Un-gemach erdulden mußte, obwohl Fledermäuse und Molcheden Besuch der alten Felsengräber nicht gerade erleichtern,so habe ich doch in diesen 6 Wochen, vom 1. Nov. bis15. Dezember, die schönste und lehrreichste Reise gemacht.Ich habe alle irgendwie interessanten Denkmäler, Tempelund Gräber Ober- und Unterägyptens besucht, habe herr-liche Mondnächte auf dem Nil und in Tempeln zugebracht,habe das Leben und Treiben der alten Bewohner desNilthales mit eigenen Augen geschaut; denn in ihrenGräbern haben sie Ackerbau und Viehzucht, Jagd undFischfang, Kunst und Handwerk, Krieg und Spiel, Be-lohnung und Strafe, alles, was ein Menschcnherz mitLust oder Leid erfüllt, mit minutiöser Genauigkeit abge-bildet; auch als Btbelfreund habe ich schöne Stundenverlebt, da manche Darstellungen geradezu Illustrationenoder wenigstens Pendants zu biblischen Vorgängen sind.So erinnert der Empfang der 37 Amu d. i. Semitenunter ihrem Schech Abscha durch den Pharao (im Grabedes Chnumhotep in Benihassan abgemalt) lebhaft an denZug Abrahams nach Aegypten, in Memphis, Luxor ,Namesseum rc. sehen wir die Statuen des Pharaos derBedrückung Namses' II. als Gott Horns aufgefaßt, undim Museum in Gizeh stehen wir vor der Leiche desselbenKönigs, seine wohlerhaltene Mumie zeigt noch im Ge-sichte die Spuren des Todeskampfes; in dem GrabeRamses ' III. las ich den Text einer Wandinschrift, welcheruns mit einer Erzählung von der Zerstörung der Menschendurch die Götter bekannt macht und nach Naville, Brugsch ,Howorth, Vigouroux ein Pendant zum Berichte der Bibelvon der Sündfluth bildet; im Tempel von Der el Bahriist die Expedition der Königin Hatasn in allen ihrenTheilen mit der Gewissenhaftigkeit eines englischen Re-porters in Haut-Relief gemeißelt und ruft uns die Ophir-fahrten Salomons in's Gedächtniß u. s. f.; aber die deut-lichsten Erinnerungen an die Bibel, die erhabensten Kunst-formen, die großartigsten Verhältnisse, die interessantestenhistorischen Reminiscenzen bietet der gewaltigste Tempeldes Pharaonenreiches, das Nationalheiligthum Ober- undUnterägyptens: der Ammonstempel in Karnak .
Ich habe alle Tempel bis zum 1. Katarakt resp. bisPhilä besucht, aber keiner gewährt jenen künstlerischen,
poetischen und historischen Genuß, wie dieses Heiltgthum;ich habe es bei Morgen-, Mittag-, Abend- und Mond-beleuchtung gesehen, habe es zu wiederholten Malen durch-schritten und umritten, mit jedem neuen Besuche wurdeeS großartiger, schöner und interessanter. Es geht hier,wie mit der Petersktrche in Rom; erst nach öfterem Be-suche erschließt sich voll und ganz die Majestät, Größeund Schönheit des BaueS und seiner Theile.
Die imposanten Neste dieses Tempels liegen beimDorfe Karnak, */z Stunde nördlich von Luxor (beideDörfer sind an der Stelle des alten Theben erbaut),720 Kilometer südlich von Kairo .
Dieses Denkmal alter Größe und Macht ist daSgrößte Bauwerk Aegyptens und vielleicht der ganzenWelt. Der Tempel im engeren Sinne des Wortes hatallein eine Länge (von Osten nach Westen) von 470 Meter.In den Tempel sind aber wiederum zwei vollständigeTempel eingebaut, und auf der Area lassen sich nach denmehr oder weniger gut erhaltenen Resten außerdemweitere 18 Tempel nachweisen. Um das ganze Gebietdes Heiligthums nur zu umreiten, brauchte ich wehr alseine halbe Stunde. Don dem Haupttempel führten sowohlzum Nil im Westen als zum Tempel in Luxor im SüdenSphinxalleen, von welchen noch zahlreiche Reste vorhandensind. Diese Sphinxe sind jetzt meist in den Gärten derBauern von Karnak , ein Luxus, welchen sich kaum andereSterbliche erlauben können. Leider ist fast kein Sphinxunbeschädigt. Ich sage kein Sphinx, da alle ägyptischenSphinxe Androsphinxe sind und gewöhnlich das Porträteines Königs bieten; es ist daher unrichtig, die ägyptischenSphinxe als ksminina zu stilisiren.
ES würde zu weit führen und ermüden, wollte ichalle Gemächer und Heiligthümer Karnaks der Reihe nachaufführen und besprechen, ich beschränke mich darauf,die wichtigsten Theile zu beschreiben.
Jeder ägyptische Tempel bestand aus einem meistdunklen und nur nach vorne geöffneten Sanctuarium,auch Sckos oder Adyton genannt, welches der kleinsteRaum des Heiligthums war; um dasselbe gruppirten sichnach 3 Seiten hin, durch einen Gang von ihm getrennt,ebenfalls dunkle Gemächer zur Aufbewahrung von Opfernund Tempelgerüthen. Vor dem Sanctuarium lagen2—3 mehr breite als tiefe Säle, deren letzterer eine be-deckte Säulenhalle war (hypostyler Saal); vor diesenProsekosräumen, wie sie heißen, befand sich ein großer,fast quadratischer Hof, welchen auf 2 oder 3 SeitenSäulengänge einschlössen, welcher aber selbst unbedecktwar, daher hypäthraler Raum heißt. Den Eingang zudiesem Hofe bildet der Pylon; zwei abgestumpfte Pyra-miden, zwischen welchen das Thor angebracht war. DieseEinrichtung vom Pylon bis zum AdytoN haben alleTempel gleichmäßig, nur in untergeordneten Dingenvariiren sie; hier aber in Karnak tritt eine sonst nirgendsnachweisbare Veränderung ein, indem das Sanctuariumauch nach rückwärts geöffnet ist und sowohl nach vorne(Westen) als nach rückwärts (Osten) sich ein vollkommenerTempel an dasselbe anschließt, so daß wir eigentlich zweiTempel mir einem gemeinsamen Sanctuarium haben. Auchsonst hat der Bau des Tempels interessante Eigenthüm-lichkeiten auszuweisen, worauf ich aber hier nicht eirr-gehen will.
Nach diesen Vorbemerkungen schreiten wir durch dieSphinxallee, welche den Nil mit dem Tempel verbindet.Diese Sphinxe haben alle Widderköpfe, und zwischen denBeinen halten sie kleine Statuetten. Kurz vor dem