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geistliche Cultur, vor allem die der Klöster "), die hervor-ragende Bedeutung und das Ansehen des Papstthums im8. u. 9. Jahrhundert, der Charakter des philosophischenStudiums, die staatlichen Neubildungen, Burgenbau undNitterthum, deutsches und nationales Königthum, — alldas ist eingehend und farbenreich geschildert.
Der Aufschwung der religiösen Volksbildung unddie Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, welchedie großartige Thätigkeit Karls des.Großen, wie inEngland König Alfreds des Großen") zur Folgehatte, war leider nur vorübergehend. Die Otto nischeCultur weist neben wohlthuenden Lichtpunkten dunkleSchattenseiten auf. Im 10. Jahrhundert, dem Lasoulunaoftseurum, erreichte das Uebel seinen Höhepunkt. Mitden „Anfängen der Nitterdichtung", womit „wir uns mehrund mehr der ritterlichen Zeit des Mittelalters, demZeitalter der Kreuzzttge und des Minnesangs, dem Höhe-punkt von Papstthum und Kaiserthum" (S. 344) nähern,schließt Grnpp den ersten Band feiner geistreichenCulturgeschichte des Mittelalters.
Ein derartiges Werk bringt es naturgemäß mit sich,daß der Referent oder Recensent, so sehr er auch imGroßen und Ganzen den Ausführungen seine volle und»»getheilte Anerkennung zollen muß, dennoch an ein-zelnen Stellen ") seine Asterisken anbringen wird. Aberalle Wünsche und Ausstellungen beweisen nur, mit welchgroßem Interesse man ein solches Buch aufnimmtund — darin eben liegt seine beste Empfehlung.„Nicht bloße Anerkennung und Bewunderung, sondernernste Kritik, nicht nur fromme, begeisterte Leser, sondernfreimüthige Verbessere! all seiner Schriften", hat sich einAugustinus gewünscht "), der Tadel eines jeden war ihmlieber als das Lob eines Schmeichlers "). Denn mit derKritik in Liebe und im Interesse der Wahrheit sei demVerfasser und den Lesern besser gedient, als durch eine
") „Die Klöster haken Deutschland cultivirt und sowohlin materiell-wirthschaftlicker als geistig-religiöser Hinsicht dieRohheit und Barbarei besiegt." (S. 243.)
--) Alfred d. Gr., K. v. England (671-900). welcheran der Volksbildung regsten Antheil genommen, scheint nnS zuWenig berücksichtigt.
") Außer den bereits angebrachten Desidericn hätten wirstatt der „persönlichen Vorrede" eine andere gewünscht; etwaeinen rein sachlichen Plan über die Eintheilung der „Cultur-geschichte ", sowie eine Aeußerung über die bisherigen „Cultur-geschichten deS Mittelaltcrs". Sodann verlangten wir überalleine genauere Zeitangabe; man weiß oft nicht, mit welchemJahrhundert man es zu thun hat, z. B. ob mit dem 9. oder10. Jahrh. — Dem Culturhistorikcr mag es besonders schwerfallen, überall Licht und Schatten gleichmäßig zu vertheilen,aber cö geht nicht an, „den historischen Boden" zu verlassen undz. B. die bekannten römischen Verhältnisse des 10. Jahrh, „vonder Hochwarte der Geschichte aus" (S. 288) zu betrachten, „wo-mit sie alles Anstößige verlieren". Wir wollen gewiß nicht ver-gessen, daß die Schilderungen der Zeitgenossen vorzüglich dasTadelnswerthe hervorheben, während das stille, gedeihliche, be-rufötrcue Wirken meist unerwähnt bleibt, daß die Inschriften(vgl. Kraus, Lehrbuch, S. 277) aus jenen Jahrh, uns einfreundliches Bild von dem christlichen Culturlebcn entrollen,aber jene Zustände bleiben auch bei der idealsten Auffassungdas, was sie wirklich sind. Um so mehr hätte die geist-liche Hymnen-, besonders die Sequenzendichtung imZeitalter der Ottonen schärfer hervorgehoben werden sollen. —Ob man damals, ums Jahr 1000, den Weltuntergang mehrfürchtete als sonst? Nein, „es rührten sich ja trotz der Angstalle Kräfte" und „die Furcht" hemmte z. B. die Bauthätigkeitnicht (S. 316).
") S. Theol. Quartalschrift 1891, S. 103.
s°) Lla11 m wo reprokouüi a rsprsbsiwors kalsitatis gnamao sgns tauäators lauäari (äs trillit. 1. I o. 3 ll. 6).
Prüfungslose Zustimmung "). Das schön ausgestatteteWerk Grupps sei darum allen gebildeten Kreisen bestens em-pfohlen. Ohne die Absicht des Verfassers ziehtsich durch das Ganze wie ein lang glänzender Lichtstreifdie Wahrheit durch, daß die christliche Kirche diewahre Bildungsmacht ist.")
Neligionslehrer vr. tlrsol. Koch.
Charcot über die Wirksamkeit des Glaubens inder praktischen Heilkunde.
Von Pros. vr. Haas in Passau .
(Schluß.)
Nach Charcot sind die an Gnadenorten wunderbargeheilten Krankheiten meist Lähmungen hysterischer Natur,aber nicht alle. Wie steht es nun mit leheren, z. B.mit geheilter Blindheit, Taubheit u. f. w.? Sinddiese Krankheiten auch hysterischer Natur? Es gibtzwar hysterische Erscheinungen von einseitiger Anästhesieund insofern von einseitiger Taubheit, Blindheit u. s. w.Aber das sind wechselnde Erscheinungen: wie verhält essich mit Blindheit u. s. w., die auf eine gewaltsameäußere Einwirkung hin entstand, oder von Geburt ausanhaftete, oder sich allmählich ohne jede hysterische Grund-lage durch sonstige schädliche Einflüsse ausbildete? Zu-dem ist von Charcot die Frage ganz unberührt gelassen,ob denn die Hysterie als solche lediglich auf Einbildungberuht, ob sie nicht irgendwie als organisch aufzufassenist. Können ferner die Erscheinungen und Folgen derHysterie schwinden, ohne daß letztere geheilt wird? Undwenn mit ihren secundären Erscheinungen die Hysterieselbst ohne weiteres ärztliches Eingreifen an einem Gnaden-orte geheilt wird, läßt sich diese Heilung auf eine reinnatürliche Wirkung des Glaubens zurückführen? Demganzen Verfahren Charcots liegt eine eklatante logischekatitio xrinoixii zu Grunde, nämlich der Satz: JederGlaube ist Einbildung. Da ergibt sich für ihnfreilich ohne alle Schwierigkeit folgender Schluß, deraber selbst in seinen einzelnen Gliedern eine strengePrüfung nicht aushält: Die Erscheinungen in der Hysterieberuhen auf Einbildung, können also durch Einbildungbeseitigt werden. Krankheitserscheinungen werden durchden Glauben beseitigt, beruhen also auf Einbildung, sindalso hysterischer Natur. Selbst die falsche Voraussetzungals wahr angenommen, ist dieser Schluß so wackeligerNatur, daß auch der ungeschulteste Logiker das Sophistischein demselben sofort erkennt.
Charcot verlangt nach seiner ganzen Darstellungvon einer wunderbaren Heilung ein Zweifaches: plötz-lichen Eintritt und sofortige Vollständigkeit.Hier verlangt er augenscheinlich zuviel. Die wunder-bare Wendung in der Krankheit muß allerdings eineplötzliche sein; denn wenn ein Organismus derart derAuflösung bereits verfallen ist, daß in ihm die Kraft zuciuer Wendung zum Bessern nicht mehr liegt und durchkein natürliches Mittel wehr hineingelegt werden kann,so muß derselbe in seinem innersten Wesen neugeschaffen,es muß ihm eine neue Kraft verliehen werden. Dieserganze Vorgang kann aber seiner Natur nach nur einmomentaner fein. Wird aber die Vollständigkeit der Heilungin der Weise gefordert, daß die geheilten Organe sofort