Ausgabe 
(19.4.1894) 16
 
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Wie dort, so beweist der Verfasser auch hier sicheresUrtheil und solides Wissen, staunenswerthe Belesenheitund innige Vertrautheit mit der Spezialliteratur, großeAuffassungsgabe und gewandte, mitunter flotte Dar-stellungsform. Das Ganze ist lichtvoll geordnet undgibt ein nahezu vollständiges Bild von dem vielseitigenCulturleben des an Erscheinungen aller Art so reichenMittelalters. Das Gebiet der politischen Ereignisse undVeränderungen ist nur insoweit berührt, als es auf diemenschliche Cultur bestimmend einwirkte. Die beige-gebenen Abbildungen machen den interessanten Inhaltsehr anschaulich, und die Lektüre ist durch die glattfließende Sprache sowie dadurch erleichtert, daß derge-lehrte Ballast" und die Controversfragen in die Anmerk-ungen verwiesen sind.

Für den ganzen Inhalt, für das richtige Verständ-niß der mittelalterlichen Cultur und Gesittung hat vr.Grupp sich einen sicheren Boden geschaffen durch eineeingehende und liebevolle Betrachtung des Christenthumsund der urchristlichen Kirche. Die Ausgestaltung desDogmas und die Entfaltung der kirchlichen Institutionen,die nltchristliche Lebensweise und die einzelnen Ständemit ihren Beschäftigungen, Sitten und Gewohnheiten,Tugenden und Lastern, der harte Kampf gegen und derruhmvolle Sieg über die materiellen und geistigen Kräftedes Heidenthums, der religios -sittlich-sociale Zustand derGesellschaft und der Kirche vor dem Einfall der Germanenwerden mit lebcnsfrischen Farben geschildert. Dabei istdas Verhältniß des klassischen Heidenthums zum Christen-thum vollkommen erfaßt, dasselbe hat ja viele wirklicheElemente des Wahren, Guten und Schönen in sich ge-borgen. Aber wir Hütten auch die Schäden und Aerger-nisse in der frühesten Kirche (vgl. Apostelgesch. 5 u. 6u. 1. Korinth. 5, 1) sowie die heidnische Literatur gegendas Christenthum erwähnt (S. 4060) und den Ein-fluß des letzteren auf die römische Gesellschaft viel höhertaxirt; man denke nur an den herrlichen Kreis, der sichum Hieronymus gebildet hat.Die Wirkungen dieserHeiligung des Familienlebens für die socialen undvolkswirthsch östliche» Verhältnisse können nichthoch genug angeschlagen werden. Sie veredelte dasöffentliche wie das Privatleben. Es mußte ein milder,edler Geist die Unterhaltung, den Unterricht beherrschen.Die Briefe des hl. Hieronymus au vornehme Römerinnenlegen ein Zeugniß hicfür ab""). Auch der sittliche Ri-gorismus in dem Leben und den Ansichten der altenChristen, der theilweise bis ins 5. Jahrhundert hineinfortdauerte, Hütte Erwähnung verdient "); man denkenur an die harte Beurtheilung der wiederholten Ver-ehelichung.

Auf solidem Fundamente erhebt sich nun das statt-liche Gebäude dcs reichhaltigen Culturlebens der mitt-leren Zeit. Die Romantik in der griechischen Literatureröffnet das Mittclalter als eine Periode des Gefühles.Das widerstandsfähige Byzantinerthnm, dastau-send Jahre lang auf allen Seiten umgeben von unauf-hörlich Andrängenden kriegstüchtigen Barbaren" (S. 86)sich zu halten vermochte, und namentlich das nrkräftigeGerm ane nthnm werden in trefflicher Weise charak-

°) Schanz, Apologie des Christenthums, III, S. 403.Vgl. auch Kober. Einfluß der Kirche und ihrer Gesetzgebungauf die Gesittung, Humanität u. Civilisation im Mitttclalter,Tübinger Theol. Qnartalschr. 1858.

°) Vgl. Hcfele, Beiträge zur Kirchengeschichte u. Archäo-logie, Tübingen 1864, S. 16-59,

terisirt; beide sindzwei entgegengesetzte Lebensmächteund Lebensprincipien" (S. 97), aber jedes groß in seinerArt?). Jenes war ja von der Vorsehungzu einerZuflucht und Aufbewahrnngsstätte aller Geisteserzeugniffeund Culturelemente des Alterthums ausersehen" (S. 86),und die welthistorische Bedeutung der Germanen ist mitRecht darin gefunden worden,daß der kräftige, lebens-volle und saftreiche Wildling, Germane genannt, der rechteStock war, dem der göttliche Keim für die edelsten Früchteeingeimpft werden konnte" (Arndt). Aeußerst interessantist die Darstellung der Lebensart und Sitte, Staats-verfaffung und Religion, des Kriegs- und Wirthschafts-wesens der Germanen, wobei jedoch eine ausführlichereBehandlung der Rechtsverhältnisse, der Agricultur undder Eintheilung in Sippen und Hundertschaften (S. 105u. S. 113) zu wünschen wäre"). Mit kräftigen Zügenist die Völkerwanderung des 4. und 5. Jahrh, inihrer Ursache und Zweckbeziehung geschildert"), der Cha-rakter der Wandalen und Goten, der Langobarden undFranken mit naturwahren Farben gezeichnet unddasHeldenthum dieser Wanderzeit im romantischen Frühlichtder Sage" schwungvoll dargestellt.

Als Gegenpol des Germauenthums erscheint dasphantasievolle Araberthum, begeisternd durch seinenGlaubensmuth, verderbenbringend durch seine Sinnlich-keit, feinen Glanz und seine Ueppigkeit. Gegen den Ein-bruch der Germanen und Araber erhebt sich die gewaltigeMacht der Kirche in ihrer Thätigkeit als Erzieherinund Mutter, die lehrt und bessert, aufrichtet und erhält,das Böse straft und zum Guten ermuntert, die Trümmerantiker Bildung durch ihre Klöster und (Dom- undPfarrei-) Schulen rettet, in allen Verhältnissen eineQuelle deS reichsten Segens und Trostes. Mag diesePeriode, die durch den Zusammenstoß barbarischer Wild-heit und römischer Korruption bezeichnet wird, auchdunkle, sehr dunkle Schatten aufzeigen und hinter demIdeal der Sittlichkeit zurückbleiben, es fehlt ihr doch nichtan hellstrahlendem Lichte: überall entfaltet sich jugendliche,schöpferische Kraft und immer mehr offenbart sich dastiefe, reiche Gemüth deutscher Nation. Es ist sodanndie Heldengestalt eines Karl des Großen, der dieCultur Mächtig gefördert und nach den hohen Ideeneines Augustinus den christlichen Gottesstaat auf-zubauen strebte'"). Wirthschafts- und Kriegswesen,Wissenschaft und Unterricht, religiöses und kirchlichesLeben werden in erfreulicher Weise ausgebildet. Dasreiche Culturleben des römischen Reiches deutscherNation erscheint in seinen vielverheißeuden Anfängen.Die weltlichen und geistlichen Ideale der Dichtung, die

') Wir schätzen die oströmische Cultur (u. Literatur)höher, als der Verfasser. LiutprandS Berichte sind doch sehrmit Vorsicht aufzunehmen. Man vgl. sodann Krumbacher ' sGeschichte der byzantinischen Literatur von Justinian bis zumEnde des oströmischen Reiches (5271453), München 1891, u.Reuters Augustin. Studien, 1887, 153 ff.

°) Auch die Geistigkeit und verhältnißmäßige Rein-heit der religiösen Vorstellungen (vgl. Tacitus, Osrman. v.19) wäre mehr zu betonen.

") Das geschichtliche Bild der Völkerwanderung ist jedochnicht klar genug gezeichnet.

'") Karl der Große erscheint in zu Hellem Lichte.Denn als Schutzvogt der Kirche überschritt er ost das richtigeMaß und mischte sich zu tief in religiöse Fragen ein (S. 204),er warein leidenschaftlicher Liebhaber des schönen Geschlechtes",undgleicht hierin etwas den Merowingern" (S. 214).Ja, im merowingischen Königshause war Polygamie fast her-gebracht. Und wie Pipin II. , ist auch Karl d. Gr. hierin schlechtbeleumundet.