Ausgabe 
(19.4.1894) 16
 
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fessor der Dogmatik an der Universität, der seinem Schutz-befohlenen als erfahrener Rathgeber zur Seite stand.Herzog Wilhelm erkannte sehr wohl den segensreichenEinfluß der hl. Beichte auf die sittliche Gestaltung desjugendlichen Lebens. Darum verfügte er,daß seineSöhne nicht nur einmal im Jahre, sondern etlichemal,als Anfang und Ende der Fastenzeit, Pfingsten, MariaHimmelfahrt, Allerheiligen und Weihnachten" die hl.Beichte ablegen sollten. Daß diese Praxis auch inJngolstadt beibehalten wurde, läßt sich aus den Briefendes jungen Herzogs, sowie aus den Berichten seinerHofmeister entnehmen, die zugleich alle außerordentlichenkirchlichen Veranstaltungen registriren. an denen der Prinzsich aufs eifrigste bethetligte. In dem eifrigen Gebrauchedieser mächtigen Waffe gegenüber den Gefahren der Jugend-zeit ist wohl auch die Erklärung zu dem herrlichen Urtheilezu suchen, welches der Präceptor Fickler vor Abschluß desUniversitätsstudiums im Jahre 1590 an den Herzog überseinen Zögling berichtet hat.Ich habe an ihm einezur Frömmigkeit und zu heroischer Tugend veranlagteSeele gespürt, sowie eine Geistesrichtung an ihm wahr-genommen, die durchaus rein und von jeglicher Makelder Unkeuschheit unversehrt und unbefleckt ist. Ueberdiesist er von solchem Ernste erfüllt, daß er nie am Anblickeleichtfertiger, possenhafter Menschen, geschweige denn anihrem Umgänge ein Wohlgefallen empfindet und unscham-hafte Worte auf das äußerste verabscheut. Diese Vor-züge entstammen seiner Liebe und kindlichen Ehrfurcht,welche er gegen Gott in sich trägt, und aus welcher dieseWohlthaten GotteS gleichsam als Belohnungen und alsSchutzmittel auf ihn zurückfließen. Mehreres hierüberwill ich nicht schreiben, damit ich nicht in den Verdachtdes Schmeichelns komme, während ich doch nur mich be-strebe, Ew. Durchlaucht die Wahrheit zu bezeugen, undich nichts sehnlicher von Gott erflehe, als daß er inseiner Güte Ihrem Sohne jene Gesinnung bewahre, dieer in ihn gelegt hat. Denn dann hoffe ich zuversichtlich,daß einstens das Staatswesen an ihm den besten Fürstenhaben wird."

Im Jahre 1591 kehrte Maximilian nach 4jährigemAufenthalte an der Universität Jngolstadt in die Armeseiner geliebten Eltern zurück. Er brachte ein reichesKapital an Wissen und Jugendkraft mit nach Hause, undsein Herz hatte den reinen Glanz nicht getrübt, in demes beim ersten Scheiden von den herzoglichen Eltern er-strahlte. Maximilian wurde nunmehr in die Negierungs-geschäfte eingeführt, wurde 1594 von seinem Vater alsMitregent angenommen, bis 1597 die Regierung ganzin seine Hände gelegt wurde. Er wurde, wie sein Prä-ceptor es vorausverkündet hatte, vxtimus privospgLavarias, ein Fürst,*)der glühenden Eifer für seineKirche mit classischer Bildung und staatsmännischem Blicke,Ordnung im Staatshaushalte und Sittenstrenge mit Glanzin der Regierung, Ehrgeiz mit Treue gegen Kaiser undReich zu vereinen wußte. Unter ihm erlangte Bayern eine Bedeutung, wie es sie seit lange nicht besessen."

Nach einem Leben treuer Pflichterfüllung, im Altervon 79 Jahren, wandelte den greisen Fürsten die Sehn-sucht an, nochmals den Ort zu schauen, wo er in edlemStreben so glückliche Jugendjahre verlebt und jene solidenPrincipien in sich aufgenommen hatte, denen er in schweremLebenskämpfe als Mann nie untreu geworden war. Aufder Reise nach Jngolstadt, auf der so viele Erinnerungen

*) Weiß, Weltgeschichte IX, 123.

an die entschwundenen Jugendjahre vor seiner Seeleaufstiegen, erkrankte und starb der große Churfürst, un-tadelig bis zum letzten Athemzuge.

L. L.

Eine Cnlturgeschichte des Mittelalters.

Keine Aera der Welt- und Menschengeschichte istsoviel gepriesen und soviel geschmäht, als die Zeit desMittelalters. Dieselbe hat unbestreitbar und psycho-logisch begreifbar ihre großen Licht- und Schatten-seiten. Es wäre aber ebenso falsch, mit den lauclatorentsnaxoiis aoti jene Zeit in politisch-kirchlicher Hinsichtals das Muster und Ideal für alle Zeiten aufstellen undkulturgeschichtlich als den Höhepunkt menschlicher Bildungund Gesittung bezeichnen zu wollen, wie sie als eineZeit trüber Barbarei und geistiger Finsterniß zu ver-schreien. Das Mittelalter ist das wird eine ruhigeund fachliche Geschichtsforschung immer deutlicher zeigeneine Zeit, die wir, Alles in Allem, groß und denk-würdig nennen müssen, die wir nicht zurückrufen wollen,deren wir uns aber auch nicht zu schämen brauchen"').Die zahlreichen Monographien über kirchlich-politische undnamentlich culturhistorische Verhältnisse jener Zeit, die inden letzten Jahrzehnten veröffentlicht wurden^), beweisendas zur Genüge. Sind schon die Einzelabhandlungennicht immer fehlerfrei und je nach dem Standpunkte desVerfassers auch tendenziös, so vertreten die Gesammt-darstellungen des mittelalterlichen Kulturlebens nurzu oft eine einseitige, ja falsche Richtung. So geht dieallgemeine Culturgeschichte von Otto Henne-AmNhyn (2. Bd.: Das Mittelalter, Leipzig 1877) nichtbloß von durchaus rationalistischen, sondern von darwin-istischen Principien aus. Und doch ist eine gerechteWürdigung des Mittelalters einzig und allein möglichdurch die genaue Kenntniß und das richtige Verständnißdes politisch-kirchlichen und religiös-sittlichen Charaktersjener Zeit. Ja, es wird wohl richtig sein, daß allemittelalterlichen Verhältnisse nur vom katholisch-kirchlichenStandpunkte aus richtig taxirt werden können.

Es ist deßhalb freudigst zu begrüßen, daß Dr.Grupp^) den Versuch gemacht hat, auf wissenschaft-licher Grundlage eine allgemeine Culturgeschichte desMittelalters aufzubauen. Es ist das allerdings eineAufgabe, welche die umfassendsten Kenntnisse erfordert.Man mag und kann eine Lösung dieser Aufgabe wegender damit verbundenen Schwierigkeiten zur Zeit noch fürgewagt, ja für unmöglich halten, aber Dr. Grupp hatden Versuch gemacht und mit großem Geschick, mitviel Geist und Scharfsinn durchgeführt. Wer das geist-reiche, mit viel Beifall aufgenommene, erste culturgeschicht-liche Werk des Gelehrten^) kennt, wird sich nicht mehrwundern, daß Grupp sich an diesen schwierigen Versuchherangewagt hat.

') Kraus, Lehrbuch der Kirchengeschichte, 3. Aufl., S. 242.Trier 1837.

2) Vergl. nur die in derLiterarischen Rundschau" 1894,I, 20 aufgeführten Abhandlungen sowieGeschichte des gallo-fränkischm Unterrichts- u. BildungSwescns von Otto Denk ,Mainz 1892.

b) Culturgeschichte des Mittelalters von Dr. G.Grupp, f. Octtingen-Wallersteinischem Bibliothekar. ErsterBand, mit 28 Abbildungen. Stuttgart , Jos. Roth'scheVerlagsbuchhandlung, 1894. 356 S. M. 6,20.

System u. Geschichte der Cultur v. Dr. Grupp,Paderborn 1892. Vgl. v. LinsenmannS Recension in derTübinger Quartalschr. 1892, 676686.