Ausgabe 
(26.4.1894) 17
 
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n,-. 17.

26. AM! 1894.

Mge zur DgckllW

Zum Häckelismns.

Von Professor Dr. L. Haas in Passau .

Wie Mir scheint, besteht in manchen Dingen geradeauf katholischer Seite keine rechte Begriffsklarheit. Anlaßzu dieser Bemerkung gibt mir die Besprechung der Schriftvon vr. Otto Hamann,Professor Ernst Häckel inJena und seine Kampfesweise", Gott . 1893. Bei vollerKlarheit in der Sache könnte ein aus der Germania in die Beilage der AugZburger Postzeitung Nr. 9 vom29. Februar 1894 übergegangener Artikel nichtDasEnde des Häckelismus" überschrieben sein. Es ist nichtdas erste Mal, daß dem Jenaer Professor derartigeDinge, wie sie in dem genannten Buche enthalten sind,nachgewiesen werden. Das Ende der Lehre wurde da-durch nicht herbeigeführt, auch nicht die Zahl ihrer An-hänger verringert.

Wir müssen also dergleichen Arbeiten gegenüberruhig bleiben und dürfen nicht zu früh jubeln. Sohöchst verdienstlich auch Schriften sind, welche den Ge-lehrten aus dem Wege des Forschens nachgehen und dieFehler ihrer Methode oder ihrer Darstellungsweise auf-zeigen, die Tragweite derselben darf in keiner Weiseüberschätzt werden. Die Hamann'sche Arbeit, derenhohes Verdienst ich mit Freuden anerkenne, berührtweder die Sache, noch betrifft sie eigentlich die Art derForschung, sondern nur die Art der Darstellungder Forschungsresultate. Wir haben es zunächstmit Häckel als Schriftsteller zu thun. Als solcherzeigt er große Ungenirtheit, um nicht zu sagen Unver-frorenheit, wenn er entweder geradezu Fälschungen oderfür Verschiedenes ein und dieselbe Abbildung bietet. Ermacht es sich also mit seinen Beweisen seinem Publikumgegenüber sehr leicht und bezeugt dadurch seine geringeMeinung von demselben, indem er der Leichtgläubigkeitdesselben derartiges zutraut und zu bieten wagt. DieUrtheilslosigkeit, Oberflächlichkeit und Glaubensfreudigkeitdieses Publikums erscheint in einem ganz eigenthümlichenLichte der Weisheit eines Professors gegenüber, die viel»«geprüfter angenommen wird, als das Evangelium.Bei ihr fragt man nicht nach dem Wie? Warum? undWoher? Es genügt, daß sie geboten wird. Kopflos, mitvölligem Verzicht auch auf das geringste Maß des Ur-theils wird sie hingenommen und geglaubt und auf siegeschworen. Häckel war sich des Unterschiedes der ab-gebildeten Objecte sicher bewußt. Seinem Zwecke ent-sprechend hebt er aber die Aehnlichkeit ausschließlich her-vor. Da nun auf den niederen embryonalen Stadiendie Aehnlichkeit in der That so groß ist, daß die Unter-schiede nur unter dem Mikroskope erkenntlich sind undauch im besten Holzschnitte nicht deutlich hervortreten(höchstens für den Kenner deutlich), so mag sich Häckel selbst oder der Holzschneider der Mühe überhoben erachtethaben, für die einzelnen Abbildungen besondere Stöckeherzustellen.

Es füllt mir natürlich nicht im entferntesten ein,Häckels Verfahren zu entschuldigen oder gar zu recht-fertigen. Was ich anführte, soll nur die Tragweite derdavon hergenommenen Widerlegungen in das rechte Lichtstellen. Häckel hat eigentlich selbst seiner Sache einenschlechten Dienst erwiesen. Auf die Aufdeckung seinerFälschungen hin finden seine Behauptungen jeden-falls weniger Anhänger außerhalb der Fachgenossen,aber kaum in den Reihen derselben. Für uns wäre es

schlimm, wenn wir jetzt die Gefahr der Sache selbst fürgeringer hielten, wenn wir glaubten, die Sache selbstsei damit abgethan. Daß dies nicht der Fall ist, gehtschon aus meinen obigen Andeutungen hervor. DieFrage, ob Aehnlichkeit oder Verschiedenheit beiden betreffenden Objecten, ist in dem Sinne, wie hierdiese Aehnlichkeit und Verschiedenheit genommen wird,ziemlich, um nicht zu sagen vollständig gleichgiltig. Eshandelt sich um tiefer Liegendes.

Zunächst ist darauf zu verweisen, daß noch keinevier Dezennien vergangen sind, seit die Lehre vorgetragenwurde, daß die Ontogenesis des Menschen d. h. dieEntwicklung des einzelnen Menschen im embryonalenZustande die embryonalen Formen der Thierarteu durch-laufe. Daraus lenet man die universale und domiuireudeStellung des Menschen nach seiner leiblichen Seite ab.Bei geringen mikroskopischen Hilfsmitteln ist eine der-artige Annahme leicht erklärlich; man wußte sich auchganz gut mit derselben abzufinden. Die Frage bleibtaber: Wie steht es mit den entsprechenden That-sachen?

Auf Thatsachen, und nur auf solche, stützt sichauch der Häckelismns, wenigstens nach den Behauptungenseiner Anhänger. Eine Thatsache für den Häckelismnssoll die in Rede stehende Aehnlichkeit sein. Sehenwir zu, ob sie als Thatsache genommen für denHäckelismus beweisend, und zweitens ob sie über-haupt eine vollgültige Thatsache ist.

Den ersten Punkt können wir kurz abmachen. Sieist nicht beweisend, weil logisch ganz gut auch andereFolgerungen aus ihr gezogen werden können, wie wirgesehen. Sie ist ferner ein bloßes Durchgangs-stadium, also ebenso wenig beweisend, wie man ausder Thatsache, daß zwei Menschen sich auf dem Wegetreffen und sogar eine Zeit lang mit einander gehen,schließen kann, daß sie denselben Ausgangspunkt oderdasselbe Ziel haben.

Dies führt uns sofort zu dem zweiten Punkt. Diebehauptete Aehnlichkeit kann nicht einmal als volleThatsache gelten. Sie ist bloß eine äußere Aehnlich-keit, also bloß eine halbe oder, besser gesagt, kaum einehalbe, eine Aehnlichkeit bloß der äußeren Erscheinung,nicht des Wesens. Wir schließen zwar von der Er-scheinung auf das Wesen, aber nicht in der Weise, daßwir von der äußern Gleichheit oder Aehnlichkeit zweierDinge sofort auf die innere Gleichheit oder Aehnlich-keit schließen. Wir müssen zuvor in irgend einersichern Weise die Erscheinungen als Wirk-ungen des Wesens erfaßt haben. Wenn wirohne weiters berechtigt sind, von der äußeren Aehnlich-keit auf die innere, die wesentliche zu schließen, dannkönnen wir das Widersprechendste zusammenreimen, dannist Heuchelei und aufrichtige Tugend dasselbe. Dann istdas wissenschaftliche Verfahren reine Spielerei, es machtkeine Mühe mehr. Auch das feinste Mikroskop zeigt unsimmer nur die äußere, oberflächliche, nicht die innere,wesentliche Aehnlichkeit. Was liegt nun an dieser äußerenAehnlichkeit, wenn ihr niemals die weitere Entwicklungentspricht? Es ist vollständig gleichgiltig, wenn z. B. dieKeimzelle der Bohne ganz gleich der der Eiche ist, wenndoch in dem einen Falle immer eine Bohnenstaude, imandern eine Eiche entsteht. Was hätte es auf sich, wenndas Menschenei äußerlich vollständig dem Affenei gliche,