Ausgabe 
(10.5.1894) 19
 
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10. Mai 1894.

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Reise-Briefe aus dem Orient

von Dr. Seb. Euringer.

St. Katharinen-KIoster Sinai , 15. März 1894.

Endlich nach 9tägigem Ritte durch die Wüste bin ichheute Mittag bei 32° L, in der Sonne am Fuße desmajestätischen Gottesberges angekommen und habe im Hofedes Klosters mein Zelt aufgeschlagen. Da Sinai ganzund gar nicht aus der Welt liegt, wie man glaubenmöchte, sondern sogar eine regelmäßige Postverbindungmit dem 2^2 Tagereisen entfernten Seestädtchen Tor amrothen Meere unterhält, so benutze ich die Gelegenheit,von dieser hl. Stätte aus Euch von meinem Befindenund meiner Reise Nachricht zu geben.

Mittwoch vor 8 Tagen verließ ich Suez mit demBoote, um vor meiner Abreise die Korallenriffe im rothenMeere zu besuchen. Die Sonne brannte heiß, und ichhatte Gelegenheit mich aufzuwärmen, nachdem ich in Je-rusalem so viel gefroren hatte. Beim Ausgang des Kanalsvon Suez begegnete uns ein deutsches Schiff, dessenWellen mein Boot recht unfreundlich hin- und herrüttelten.Da die Fahrt eine Stunde dauerte, so beschäftigte ichmich mit dem Meere und seiner Umgebung recht ein-gehend. Bor allem bewunderte ich das schöne Farben-spiel der glatten See. Tiefblau, stahlblau und grün,das sind in herrlichen Tinten die Farben desrothen"Meeres. Nur wo die Korallenriffe unter dem Wasser-spiegel sind, und das sind verhältnißmäßig wenige Strecken,ist die Oberfläche purpnrroth bis schwarzroth. Das Ge-birge, kahl und langgestreckt, zur Rechten jetzt Atüka ge-nannt, trug zu Moses ' Zeiten ein Heiligthnm, dem Nord-winde (Baal Zephon) geweiht, nur wenige Kilometer vonseinem nördlichen Ausläufer entfernt liegt das Fort Agrüd,das biblische ki-stuostirotst, vor welchem Moses lagerte,bevor er das rothe Meer durchzog. Dieses GebirgAtLka, dessen südlicher Ausläufer ein steiles Kap in dieSee vorstreckt, hielt einst die Jsraeliten bei ihrem Zugeauf, und da, wo meine Barke schaukelte, hat sich dasMeer einst für dies auserwählte Volk geöffnet und fürdie verfolgenden Aegypter geschlossen. Rechts liegt Afrika ,links liegt die Halbinsel Sinai, zwischen zwei Erdtheilenrudern wir den Riffen zu.

Das Wasser ist bei diesen Bänken klar und durch-sichtig, zahllose Seeigel, wie Rasenstücke anzusehen, ruhenauf dem Grund. Gewaltige Felsenbänke, mit rothen odergelben Korallen bedeckt, erheben sich fast bis zum Wasser-spiegel, dem sie hübsche Farben geben. Ein Matrosesteigt hinab und holt mir Seeigel und Seequallen, See-kohl, und wie die Thiere alle heißen, herauf; aber kauman der Sonne, fangen die rothen Korallen an zu zer-brechen, und jetzt nach mehr als einer Woche habe ichnur noch einzelne Neste, die auch bald zerfallen werden.Die gelben und weißen dagegen haben sich erhalten.

Auf der hohen See nahm ich die Metamorphose ineinen Araber an meinem äußern Menschen vor. AlsEuropäer hatte ich Afrika verlassen, und als Araber be-trat ich das Gestade Asiens. Ich habe mir in Kairo einen vollständigen arabischen Anzug gekauft, welcher denVorzug hat, daß es keine Knöpfe gibt, und daß er soweit ist, daß keinerlei Unfälle in garderobelicher Hinsichtzu befürchten sind; denn in der Wüste gibt es keineSchneider. Der Anzug besteht aus weiten weißen Lein-wandhosen, welche mit einer grünen Schnur am Leibefestgehalten werden (sestirrvul), einem kurzen Gilet und

einem talarähnlichen seidenen Kaftan mit langen Aermeln,welche zurückgeschlagen werden; dieser wird durch einenledernen Gürtel, der zugleich als Geldbörse dienen kann,festgehalten, und zum Luxus trägt man über diesemeinen farbigen Shawl; ein türkischer Fez, um ihn eingroßes seidenes Tuch, welches den Hals vor der glühendenSonne schützt und Kufiye heißt, vollendet die Toilette.Um mir noch mehr Respekt zu verschaffen, habe ich mireine doppelläufige Flinte beigelegt.

Wir kehrten nicht mehr nach Suez zurück, sondernbetraten einige Kilometer südlich den Boden Asiens , be-stiegen zwei Kamele und ritten, da inzwischen die Sonneuntergegangen war, bei sternheller Nacht den Ahnn Musazu, wohin Bagage, Beduineneskorte, Zelte re. voraus-gegangen waren.

Um 9 Uhr Abends erreichten mein Dragoman undich den Lagerplatz. Vor der Oase Ahnn Musa warendie Zelte, eines für mich und eines für Dragoman undKoch, aufgeschlagen, während die 9 Beduinen mit ihremSchech (Anführer) um das angezündete Feuer saßen unddie Nacht im Freien zubringen. Die Kamele, 11 ander Zahl, kauern ringsum am Boden. Die Beduinenmit ihren braunen Gesichtern und ihrer seltsamen Kleidung,vorn Feuer beleuchtet, machen fast einen unheimlichenEindruck, in Wirklichkeit sind sie, d. h. die Beduinender Halbinsel Sinai , die harmloststen Leute von derWelt. Ihr werdet fragen, warum denn für mich alleinso viele Leute und so viele Kamele. Drei Kamele sindnöthig für mich, den Dragoman und den Koch; die Be-duinen gehen zu Fuß, die übrigen Kamele tragen diezwei Zelte, das Gepäck, die Konserven, Wein, Wasser,Küchengcräthe und eine Steige mit lebenden Hühnern,zwei Truthühnern und Tauben; denn in der Wüste gibtes keine Hotels, keine Metzger und keine Bäcker, und dain vier Wochen rohes und gekochtes Fleisch an Gütenicht gewinnt, so muß man seinen Speisezettel lebendigmitnehmen. Am Abend, bei Ankunft am Lagerplatz,werden Hühner und Laichen freigelassen, ebenso wie dieKamele, damit sie sich soweit möglich auch selbst ver-köstigen und ausschnaufen können. Es gleicht dann dasLager einem Meierhof. Am Morgen, wenn die Sonneaus den Federn kriecht, kräht ganz lustig der Hahn, sodaß ich mich ganz idyllisch fühle.

Da es bei Nacht nicht viel zu sehen gibt, so willich Euch meine Leute vorstellen. Mein Dragoman istein Katholik, ein Syrer, Maronit, von Geburt ausBeirut, wo er auch wohnt; im Winter lebt er in Kairo ,um die Fremden nach dem Sinai oder auf dem Nil zubegleiten; im Sommer versieht er die gleichen Dienstein Palästina und besonders im Libanon. Er besitzt aus-gezeichnete Zeugnisse und hat die seltene Eigenschaft, daßer zu den Fremden hält und nicht zu den Arabern. Erist ein Maronit, wie er im Buche steht. So ein Drago-man ist eine sehr nützliche Einrichtung. Sein Name be-deutet Dolmetsch ; aber sein Geschäft ist ein viel com-plicirteres. Er ist der Reisemarschnll, er miethet undbezahlt die zur Reise nöthigen Leute, garnntirt für Habund Gut und Sicherheit dem Reisenden, ist vor dem Kon-sulate für den Reisenden verantwortlich, sorgt für Lebens-mittel, Führer, Kamele, packt aus und ein, so daß derReisende sich nur um seine Reise zu kümmern hat. Auchalle Bakschische (Trinkgelder), diese Hanptplage des Orientesund Occidentes, werden von ihm bezahlt. Der Passagier