Ausgabe 
(10.5.1894) 19
 
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macht mit dem Dragoman vor der Reise den Contractauf dem Konsulate und zahlt ^/z des Preises vor derAbreise und den Nest nach der Beendigung der Reise, sodaß man keine größere Geldsumme mit sich herumzutragenbraucht, da alle Auslagen laut Vertrag vom Dragomanzu decken sind für den ausgemachten Preis. Nichtsdesto-weniger kommen die Araber, nachdem sie vom Dragoman ab-gelohnt und mit Trinkgeld versehen sind, zumOIinnrvaAs"und verlangen extra Trinkgeld; ich sage einfach: nun Olia-Urnvn tnr^ewan (ich bin der Herr, der andereist der Dragomau), worauf sie sich dann zufrieden geben.Wenn mau so einige Jmmediatgesuche abschlägig beschickenund auf den richtigen Jnstanzenzug verwiesen hat, bekommtman Ruhe.

Mein Koch ist ebenfalls Katholik und Maronit undläßt mich ganz vergessen, daß ich nicht im Hotel Niloder Shcpherd wohne. Mittags ist immer Picknick ineinem eigens dazu bestimmten, schnell aufzuschlagendenZelte, während am Abend eine vollständige Table d'hotemeiner wartet.

Die Araber haben an ihrer Spitze den Schech Schema;sie sind vom Kloster Sinai, dem sie hörig sind, für meineund meiner Leute Sicherheit und Besitzthnm verantwortlich,haben den Weg zu zeigen, die Kamele zu bepacken und ab-zuladen, die Zelte zu spannen und abzubrechen, uns mitWasser zu versehen und uns gegen etwaige Angriffe, dieauf Sinai meines Wissens unerhört sind, zu vertheidigen;daher tragen sie Mucken und einige sogar Säbel. ZweiBeduinen führen unsere (mein und meines Dragomaus)Kamele.

Den Weg, das Lager rc. bestimme ich (nach Büdekerresp. nach der englischen Karte). Ich und der Dragomanmachen einen Halt von einer Stunde, um zu frühstücken,die übrigen marschiren weiter bis zum Lagerplatz, wo wirdann meistens die Zelte schon aufgerichtet finden. DerTagesmarsch ist nicht unter 5 Stunden und nicht über 8;znm Auspacken und Einpacken braucht man täglich zweiStunden.

Die Beduinen verköstigt der Schech selbst; das istübrigens nicht besonders kostspielig; denn auf der ganzenReise essen sie nichts als Brod und trinken nichts alsWasser. Jeden Abend gibt der Schech Mehl her, undjeden Abend backen sie sich dann Brod; denn wenn dasarabische Brod auch nur einen Tag alt ist, ist es schlecht.Diese Beduinen haben ein höchst einfaches Leben, wieman sieht. Sie essen fast nichts, - trinken nur Wasser,schlafen trotz der eiskalten Nächte im Freien, und ihreKleidung ist auch nicht kostspielig. Dieselbe besteht auseinem Hemde, das fast bis zu den Knöcheln reicht, einGürtel, oft Strick, hält es zusammen; darüber kommt,wenn es etwas kalt ist, ein grober ärmelloser Mantelund manchmal noch ein weiterer Mantel oder Decke. Aufdem Kopse tragen sie entweder einen Fez oder eine weißeFilzkappe, welche beide mit einem Turbantnch umwickeltwerden; dasselbe ist weiß oder buntfarbig, je nach demGeschmack des Trägers. Wenn es heiß ist und der Sandbrennt, oder wenn der Boden zu steinig wird, dann ziehensie Sohlen an, welche durch Stricke an den Füßen fest-gehalten werden. Ihre Stöcke wie ihre Sandalen habengenau die Form, wie wir sie auf den ägyptischen Ab-bildungen und im Museum in Gizeh sehen. Wenn siemit ihrem Stamme ziehen, wohnen sie in Zelten. IhreZelte sind sehr einfach. Grobes schwarzes Tuch wird soaufgespannt, daß eine Seite ganz frei ist, das Zelt wirddurch eine Wand von ebensolchem Tuch in zwei Theile

getheilt, der Raum rechts vom Eintretenden gehört fürdie Männer, der links für die Frauen. Die Männerhaben als ^Hauptmöbel eine Strohmatte, welche Divanund Bett ist. Mit ihnen theilen das Zelt auch ihreHausthiere. Der Mann thut meistens nichts, als auseiner langen (indianermäßigen) Pfeife Tabak rauchen,die Weiber müssen alle Arbeit verrichten. Die jungenMädchen, welche wie die Frauen ein langes, schwarz-blaues Gewand, nebst einem langen gleichfarbigen Tucheum den Kopf, tragen, hüten die kleinen schwarzen, wieMiniaturausgaben von Thieren aussehenden Ziegen. Eserinnert dieses immer an die Sulamit im hohen Liede.Kommt ein Fremder in die Nähe, so verdecken sie mitdem Kopftuche das Gesicht.

Der Kamelführer meines Dragomans, Hassan, gehtauf Freiersfüßen, und von ihm erfuhr ich, daß der Preiseiner Frau zwischen 40 200 Franken schwankt; dieScheidung ist ungemein leicht gemacht; hat eine Frauihren Mann irgendwie beleidigt oder erzürnt, so genügtdas einzige Wort ruastl (gehe!) und die Frau ist ent-lassen. Wenn der Mann ißt, muß sie neben ihm stehenund ihn bedienen, in seiner Gegenwart darf sie über-haupt nicht sitzen; die Frauen sind mit einem WorteSklavinnen ihrer Männer.

Die Religion der Beduinen ist zwar die mnhamme-danische; aber sie machen nicht viel Gebrauch davon, ichwerde später davon reden. Sie sind im allgemeinen sehrschlichte Leute, wissen nicht, wie alt sie sind, und habennur für zwei Dinge Interesse: Heirath und Geld, undreden auch nur von diesen Dingen.

Jetzt habe ich genug von den Beduinen erzählt.Was ich sage, gilt zunächst nur von den Beduinen dieserHalbinsel, namentlich was Ehrlichkeit anbelangt; es gibtBeduinen, welche nichts anderes als Straßenrändersind und mit Vorliebe die Mekkapilger angreifen undausrauben.

Die erste Nacht in meinem Zelt verlief ausgezeichnet.Der mehrstündige ungewohnte Kamelritt hatte mir einenprächtigen Schlaf verschafft. Am andern Morgen besuchteich die Mosesquellen, während die Zelte abgetragen unddie Kamele beladen wurden.

Der Ort ist eine Oase mit schönen Palmengärtenund wird von fünf -Quellen bewässert. Die einen ent-halten trinkbares, andere salziges Wasser. Die größteist mit Steinen eingefaßt, das Wasser ist grünlich undlauwarm. Außerhalb des Oasendorfes steht ganz einsamim Wüstensand eine hochstämmige Palme, an deren Fußin einem Trichter von 1 in Durchmesser eine Quelleentspringt, um nach kurzem Laufe im Sand zu versiegen.Wenige Schritte von dieser Palme erhebt sich eine circa5 m hohe sandige Anhöhe, weitaus der höchste Punktim ganzen Umkreis. Nach Bädeker befindet sich da obeneine Quelle; ich konnte es nicht recht glauben, und doch,als ich oben ankam, fand ich einen kleinen Krater mitRiedgras und einigem Wasser, das gerade hinreichte,diese Quellenvegetation zu erhalten. Nach großem Regenist auch diese Quelle ergiebiger. Immerhin ist es in-teressant, eine Quelle auf dem höchsten Punkte der ganzenUmgebung entspringen zu sehen. Der Hochdruck rührtvon dem viele Stunden entfernten Er Nahah-Gebirge her.

Wenn auch die Meinung falsch ist, diese Quellenseien von Moses für das anserwählte Volk trinkbar ge-macht worden (dieses geschah an einer anderen Quelle),so dürfte doch Ahnn Musa der Platz sein, in dessen Nähedie Juden das rothe Meer verlassen, das Jubellied ge-

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