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auf die Berge. Gegen Abend erreichen wir das ThalTayibe, welches in großen Bogen und Krümmungen sichbis zum Meere fortsetzt. Die Wände desselben fallensteil ab und sind vom Wasser, das einst dieses Wadifüllte, ganz ausgewaschen. Nach einer großen Krümmungstehen wir vor einer lieblichen kleinen Oase, zahlreichesPalmgebüsch steht an den Ufern eines kleinen Quell-bächleins, im Hintergrund ein merkwürdiger Berg, derans gelben, rothen, schwarzen Schichten oder Bändernsich aufbaut. Hier bei dieser Oase, in welcher ich sogerne Elim sehen möchte, wenn es sich beweisen ließe,lagerten wir.
Am andern Tage folgen wir dem Laufe des Wadibis zum Meere. Hier sind wir sicher in den Fußstapfender Kinder Israels. Bei dem Berge Tayibe, welcherder Reihe nach aus einer goldgelben, rothen, schwarzenund gelben Schicht besteht, öffnet sich das Wadi, undvor uns liegt in herrlichem Blau der Golf von Suez.
Es beginnt nun wieder die Wüstenwanderung, demMeeresstrande entlang. Die Formation der Berge isthier eine andere als bisher. Meistens hatten wir bisdahin ausgewaschene Thalkesscl oder Bergwände vor uns;vielfach auch eigenthümliche Sandstcinhügel, die wie ab-gestumpfte Pyramiden aussehen und oben mit einerglatten Platte abschließen (die englische Karte nennt siebezeichnend üat-toxxoä llills) und welche man oft fürMenschcnwerk halten möchte; oft hatten die steil auf-ragenden Wände um ihren Fuß zahlreiche, kegelförmigeGeröllhügel gelagert und alles war weiß, grau oder gelb.Hier aber erscheinen hinter Sandsteinvorbergen röthlich-blaue oder schwarzblaue gewaltige Gebirgsstöcke, welchenamentlich bei Abendbclenchtung einen hübschen Anblickgewähren, ihre zerrissenen und verwitterten Wände bildeneinen grotesken Gegensatz zu den regelmäßigen Schichtenvieler Bergwände der durchwanderten Wadis.
Mehrere Stunden dauert der Marsch am Ufer desMeeres, bald ganz nahe, einigemale sogar durch dasMeer, meist aber in ziemlicher Entfernung. Hier in dieserGegend ist das Lager der Juden zu suchen, von dem esheißt: „sie lagerten am Schilfmeere" d. i. rothen Meere.Als der Weg ganz nahe am Ufer hinführte, vertrieb ichmir die Zeit mit Muschelnsuchen, und es gelang mir auchzwei große Muschelschalen und viele kleine zu sammeln,sowie auch einige weiße Korallen. In der Entfernungvon ungefähr 100 m sehen wir einer Schaar Delphinelange Zeit zu, wie sie in den Wogen auf- und nieder-tauchten.
Der Karawanenweg verläßt die Wüste am Meereund biegt in ein Thal (Hanak el Logam ) ein. Daßwir in der Wüste el Markha, die wir eben verlassen,einen Lagerplatz der Juden sehen dürfen, habe ich soebenerwähnt; ob aber der nun folgende Thalweg die WüsteSin ist, in welcher das Manuawnnder zum erstenmalgewirkt, unterliegt vielem Zweifel. Ich möchte die WüsteSin, welche zwischen dem rothen Meere und dem Sinai liegt, im Wadi Feiran suchen, dessen halbmondförmigeGestalt zu dem Namen Sin ausgezeichnet paßt und dessenMündung nur einige Stunden unterhalb (südlich) derWüste el Markha liegt.
Das Wadi, welches wir passirten, ist reich an Akazien-bäumen, und zwar jener Spczics, aus welcher die Bundes-lade gefertigt wurde, nämlich an Sayalbäumen. Die-selben sind über das Thal verbreitet, einer immer in ziem-licher Entfernung von dem andern. Sie sind dornig undLalen kleine, gekräuselte Blättchen. Ihr Wuchs macht
sie jedem unvergeßlich, sie strecken nämlich ihre zahlreichenAeste in halber Höhe des Baumes fast wagrccht aus,um dem seltenen Regen eine möglichst große Oberflächedarzubieten, es sieht aus, als ob diese 3 — 4m hohenBäume zahllose Arme hilfesuchend ausstrecken würden.Nach einigen Windungen endet das Thal, und ein neues,Wadi Schelal, beginnt. Die Gesteinsmassen lassen keinenZweifel über ihren vulkanischen Ursprung über. DasWadi Schelal hat seinen Namen von den an ihrer Ober-fläche abgerundeten Basaltsteinen, da ebensolche Formationenam ersten Katarakt (ar. Schelal) vorkommen. Dieses Thalist klein und weicht bald dem Wadi Budra, dessen nächsteUmgebung gerade so aussieht, als Hütten sämmtlichechemische Fabriken der Welt die Asche und die Nesteihrer Retorten-Apparate hier aufgehäuft. Schlacken,Laven, Tuff, Basalt, Granit, Gneis, Orthoklas, Porphyr,kurz eine geologische Sammlung comms LI laut.
Mein armer Kameltreiber hatte auch darum viel zuthun, um die von mir gewünschten Steinproben vom Bodenaufzulesen und mir zu überreichen. Es sind alle mög-lichen Farben unter diesen Gesteinsarten vertreten. GegenEnde des Tagesmarsches schließt das Wadi mit einemungeheuren Kessel ab, in dessen: Innern sich zahlreichekleine Hügel erheben, so daß in Uebereinstimmungmit der Formation der umgebenden Bergformen ange-nommen werden muß, es sei hier ein Krater mitten inseiner Thätigkeit plötzlich (wahrscheinlich durch Eindringenvon Meerwasscr in die Wcrkstätte Vulkans) gehemmtworden. Die Hügel am Rande und im Innern diesesKraters haben das Aussehen von versteinerten Wellen.
Den Paß Nakb Budra überschreiten wir mühsamam andern Tage. Die Paßhöhe ist fast 400 m überdem Meere. Man hat schönen Rückblick auf Meer,Berge und Wüste. Schon im alten Pharaonenreiche,lange vor dem Auszug der Juden, wurde dieser Paßvon den Lastthicren, welche aus dem Bergwerk MafkatTürkisen an das Meer trugen, begangen. Der Weg isteng und für Lastthiere mühsam; für ein wanderndesVolk aber kaum als Heerstraße geeignet, ein Grund mehr,den Weg der Juden in dem breiten, ebenen Thale Feiranzu suchen.
Jenseits des Passes beginnt nach einer Stunde dasinteressante Wadi Sidr, welches von schroff abfallenden rothenGranitfclscn eingeschlossen ist. Hie und da kommt manan alten „sinaitischen Felseninschristen" vorbei. Davonrede ich später.
Da ich die alten Bergmiuen von Maghara besuchenwollte, so ließ ich die Lastthiere den Weg fortsetzen undwandte mich nach dem gleichnamigen Wadi. Die Minenvon Mafka, wie sie in den ägyptischen Inschriften heißen,wurden schon von den Königen der IV. Dynastie Snefruund Cheops (Erbauer der großen Pyramide bei Gizeh )ausgebeutet, wie die Inschriften an den Wänden zeigen.Zuerst besuchte ich das Kastell, das einst die Acgypterauf dem Gipfel des gegenüberliegenden Berges errichtethatten. Am Fuße dieses Kastelles, aber noch auf demBergesplateau, liegen die Neste von Bergmannswohnungen,deren Grundriß sich leicht erkennen läßt. Sie warengebaut, wie die der jetzt die Gruben ausbeutenden Be-duinen, aus den großen Geröllsteinen der Umgebung.Ein Beduine, nach Art der Bergleute in gelbliches Ge-wand gekleidet, hatte mir diese Reste gezeigt; als ichnach den Minen und nach Inschriften fragte, hieß es:mu üsck, d. h. „gibts nicht". Ich will nicht weit-schweifig werden; kurz, nach einigen kräftigen Sätzen und