Ausgabe 
(24.5.1894) 21
 
Einzelbild herunterladen

tti'. 21.

24. Mai 1894.

i

,

Religiöse und monumentale Kunst.

I.

I'Es gibt keine eigentlichen kirchlich-religiösen Künstlermehr." In diesem Sinne hat sich wiederholt der bekannteMünchener Kunstschriststeller und Maler Friedrich Pecht in seinen Schriften und Kritiken geäußert. Und aus demMunde von Theologen und Nichttheologen konnte manin letzter Zeit oft genug das Wort hören:Man findetkeine rechten christlichen Künstler mehr. Die Künstlerverstehen nicht mehr religiös zu empfinden, zu malen undzu bilden." Dieses fatale Wort, dessen trauriger Sinngar nicht genug gewürdigt werden kann, schien in derThat immer mehr Berechtigung erlangen zu sollen. Ja nichtWenige, und zwar unter den Künstlern selbst, wie unter denNichtkünstlern, haben bereits den Glauben, wie an vielesAndere, so auch an die Zukunft der christlichen Kunsttrotz mancher erfreulichen Erscheinung neuesten Datums verloren.

Und gerade München , dieser einstige Vorort auf-blühender christlich-deutscher Kunst, in dem das warm-leuchtende Feuer echter Romantik einst so hell aufstrahlte,daß es. trotz aller Anstrengungen, von dem kalten undblendenden Schimmer falsch glitzernder Tages- und grellerNachtkünste, sowie dem aufgewirbelten Staube jenes ge-wöhnlichen Chaussüe- und Gassen-Impressionismus bisheute noch nicht gänzlich verdunkelt werden konnte, giltin den Augen Jener von Hüben und Drüben längst alsdas reinemoderne Jsar-Athen ", d. h. ein für die christ-liche, ideale Kunst Verlorner Posten. Denn was man,alsreligiöse Kunst" etikettirt, hier und von hier öffentlichzu sehen bekam, das erschien meist den vornrtheilslosenund nicht verwöhnten Kennern nur alsnichtsnutzigesZeug."

Zu diesem herben Urtheil und schlechten Renommeebezüglich der höhern (idealen) Münchener Kunst gabenbesonders dem Fremden nicht am wenigsten die öffentlichenSchau- und Ausstellungen, sowie die monumentalenMünchener Leistungen bezw. Nichtleistungen seit DecennienAnlaß und Berechtigung.

Außer dem NamenKarl Baumeister " ist schonseit längerer Zeit keiner als der eines bedeutenden, gegen-wärtig noch schaffendenchristlichen Künstlers" in wetternKreisen bekannt. Und auch dieser ist bereits in München selbst wie verschollen. Die paar leistungsfähigen Kräfte,die München etwa noch als Nachzügler einer bessern Zeitin seinem Schoße birgt, arbeiten in stiller Verborgenheitim Schweiße ihres Angesichtes fort und wagen nicht mehrmit ihren Schöpfungen aus helle Tageslicht der öffent-lichen Ausstellungen und ihrer Kritiker zu treten. Nurvon der Hand der talentvollen und an Bestellungenglücklichern zwei christlichen Künstler, des HistorienmalersLudwig Glötzle und des Bildhauers Joseph Beyrer, sahman hie und da noch eine bedeutendere Arbeit öffentlichausgestellt. Aber auch ihre Werke konnten Dank derUngunst der Verhältnisse den allgemeinen Charakterunserer modernen christlichen Kunstwerke, nämlich den vonunausgereiften Schnellarbeiten, nicht gänzlich verleugnen.Die neuen Deckengemälde (auf unmonumentale Leinwandgemalt!!) in dem jüngst angebauten Theile der heiligenGetstktrche zeigen, was Anffassung und Zeichnung betrifft,mit welchem Verständniß und Geschick sich Glötzle in denGeist der ältern dort schon vorhandenen Asam'schen Bilderhineinzudenken verstand. Diese geistige Verwandtschaft

tritt am auffälligsten in der wie eine moderne Concert-geberin die Orgeltasten schlagenden St. Cäcilia und nochmehr in der die Füße resp. das nackte Bein Jesuliebkosenden St. Magdalena hervor. Da verstehen nachunserer unmaßgeblichen Meinung die OberammergnuerPassionsspieler die Grenzen der kirchlich-religiösen Aesthetikschärfer einzuhalten, als jene salonmäßigen Heiligen derBarock- und Zopfzeit. In der Ausführung blieben aberdie neuen an Leichtigkeit der Technik und Weichheit deSTones hinter den alten Bildern mit ihren wie hinge-hauchten lichten Gestalten, ja selbst an Frische und Klar-heit des Eindruckes hinter den flott hingeworfenen, origi-nellen Farbenskizzen Glötzle's selbst zurück.

Das letzte umfangreiche Werk Beyrers, die 14 hl.Stationen in der neuen Gicsinger Kirche, bekunden wiederumseine seltene technische Meisterschaft in der Holzschnitzkunst,und sind besonders die Gruppen der Soldaten und Henkers-knechte von spätmittelalterlicher Lebendigkeit, während ge-rade Haltung und Ausdruck der Hauptfigur hie und dain der Eile verunglückt zu sein scheint. Dagegen zeigendie großen Apostelstatuen, was Beyrer zu leisten imStande ist.

Wann ist es aber auch eiuem tüchtigen christ-lichen Künstler gegönnt, in wirklich künstlerischer Maniersein Werk aus- und durcharbeiten zu können!

Selbst das Genie eines Baumeister findet hiezunicht mehr die nothwendige Zeit, bezw. die ihm dies er-möglichenden Mittel. Nur durch die für einen Künstlerso ungemüthliche und aufreibende Forcirung seiner reichenSchaffenskraft, der er sich bis dato noch erfreut, ist erim Stande, sich über Wasser zu halten und den oft ganzunverhältnißmäßigen Ansprüchen etwaiger Besteller durchihm selbst einigermaßen genügende Leistungen zu ent-sprechen. Ist doch sowohl er wie andere moderne Meisternicht in der Lage, wie ein Albrecht Dürer , den Pinselganz in die Ecke zu werfen und um des lieben Brodeswillen mit dem wie mit Dampf arbeitenden Grabstichelfür das bilderliebende Volk populäre Heiligenbilder vollheiliger und noch mehr unheiliger Gestalten in auf-fälliger phantastisch-burlesker Tracht zu zeichnen. Auchdieses Geschäft ist heute für den Künstler, nachdem esbereits an so vielen Orten mit Zuhilfenahme der na-türlichen Dampfkraft betrieben wird, nicht mehr lohnend.Auch die Etiketten-, Vignetten- und Schildmalerei, wodurchnoch ein Moritz von Schwind , bevor er einen Mäcenaten,wie den verstorbenen Grafen Schack, fand, sich nocheinigermaßen künstlerisch zu beschäftigen und das nöthigeKleingeld für Essen und Trinken zu verdienen wußte,bedarf heutigen Tages keiner akademisch gebildetenKünstler mehr.

Daß zwar Baumeister noch mit genialer Gestaltungs-kraft inhaltlich durchaus wahre und tiefernste und formaldramatisch lebendige und packende Zeitbilder zu zeichnenversteht, das beweist seine neueste figurenreiche Darstellung,betitelt:Moderner Lehrstuhl". Sie führt uns deutlichvor Augen, wie und was und mit welchem Erfolge einunchristlicher Herr Professor vom Katheder herunter einzahlreiches, verschiedenen Ständen ungehöriges Publikumüber seine Menschenwürde und Rechte belehrt. DiesesBild würden gewiß, wenn es im gegeutheiligen Sinneausgeführt wäre, speculirende Kunstverleger mit Tausendenbezahlen, währendunsere Leute" (arm, wie sie ja allesind!) es allenfalls als Geschenk für ein Trinkgeld, als